Max von Schenkendorf
von Bernhard Piasetzki

Zu den bedeutendsten Söhnen unserer Heimatstadt Tilsit gehört Max von Schenkendorf, der große Freiheitsdichter im beginnenden 19. Jahrhundert. Sein Leben und Wirken fällt in die Zeit des Niedergangs und der Unterdrückung des preußischen Staates in der Ära Napoleons und dem Wiederaufstieg Preußens nach dem siegreichen Ende des Befreiungskrieges und der nachfolgenden Neuordnung Europas im Wiener Kongress.

Im Frieden von Tilsit, am 9. Juli 1807 zwischen Frankreich und Preußen geschlossen, hatte Preußen seine Stellung als europäische Großmacht verloren. Immerhin bewahrte der russische Zar Alexander I., der Verbündete des preußischen Königs Friedrich Wilhelm III., den preußischen Staat vor der völligen Auslöschung, mit der Drohung, den Krieg gegen Frankreich notfalls alleine fortzuführen. Napoleon hatte in der Tat in Erwägung gezogen, Preußen als Staat aufzulösen und die Hohenzollern-Dynastie zu entthronen. Trotzdem waren die Friedensbedingungen für Preußen äußerst hart: Preußen mußte sein gesamtes Gebiet westlich der Elbe, einschließlich der Stadt Magdeburg, abtreten. Die abgetretenen Gebiete wurden überwiegend dem neu gebildeten und von Napoleons Bruder Jerome regierten Königreich Westfalen zugeschlagen. Von seinen östlichen Territorien verlor Preußen die bei der zweiten und dritten Teilung Polens erworbenen Gebiete sowie das Kulmerland mit Thorn und den Netzebezirk. Diese Gebiete wurden dem von Napoleon kontrollierten neu geschaffenen Großherzogtum Warschau angegliedert. Die Stadt Danzig wurde zum Freistaat erhoben. Das gesamte bei Preußen verbliebene Gebiet bis zur Weichsel wurde von den Franzosen besetzt, Ostpreußen wurde damit zur einzigen freien Provinz des Staates. Zu den Gebietsabtretungen und der Besetzung weiter Teile des verbliebenen Landes kam als weitere schwere Belastung eine hohe Kriegsentschädigung, die Preußen an Frankreich zu entrichten hatte.

Diese politischen Gegebenheiten bilden den Hintergrund zu den Lebensumständen und dem Wirken des großen deutschen Freiheitsdichters. Ferdinand Maximilian Gottfried Schenk von Schenkendorf, so sein voller Name, wurde am 11. Dezember 1783 in Tilsit geboren. Zwischen seinen Eltern bestand kein glückliches Einvernehmen. Sein Vater, von Beruf Offizier und nach seiner aktiven Militärzeit Steuerbeamter, wollte, dass sein Sohn Landwirt wurde; nach dem Wunsch der Mutter sollte er Geistlicher werden.

Der äußerst begabte Max von Schenkendorf beendete bereits als 15-jähriger in Tilsit seine Schulzeit und ging danach zum Studium nach Königsberg. Seine Mutter vertraute ihn hier der Obhut eines Verwandten an. In Königsberg führte der junge Max, sehr zum Kummer seiner Eltern, ein recht lockeres Leben. Als flotter Student, mit einem nur geringen Taschengeld ausgestattet, machte er Schulden, was seine Mutter veranlasste, ihn aus seinem Freundeskreis herauszunehmen. Max fand Aufnahme in einem seiner Mutter bekannten Pfarrhaus. Der dortige Pfarrer regte ihn zum Studium der Ordenszeit und der alten deutschen Reichsverfassung an. Auf großen Reisen, die er zu Fuß zurücklegte, lernte Schenkendorf seine preußische Heimat genauer kennen. Er besuchte die Marienburg, bereiste das katholische Ermland und hielt sich einige Zeit in der Wallfahrtskirche Heilige Linde auf.



Tilsit vor 1944: Schenkendorfplatz (Bild: Archiv)

Im Jahre 1804 kehre Schenkendorf nach Königsberg zurück. Er wurde Schüler des Juristen Kraus und bereitete sich auf das Referendarexamen vor. Dies erforderte in der damaligen Zeit eine vorherige einjährige praktische Tätigkeit als Landwirt. So ging Max nach Waldau in das Haus des Amtsrats Werner. Hier lernte er seine spätere Frau Barclay kennen, zu der ihn eine tiefe Zuneigung verband.

Bald nach seiner Rückkehr nach Königsberg im Jahre 1806 musste Schenkendorf die Katastrophe der Niederlage Preußens in den Schlachten bei Jena und Auerstedt erleben, die Schmach und Schande über sein geliebtes Vaterland brachte. In dieser Zeit gründete er ein literarisches Kränzlein "Blumenkranz des Baltischen Meeres" genannt. In diesem Kreis wirkten Vertreter der Königsberger Gesellschaft jeden Alters und unterschiedlichster beruflicher Richtungen, neben dem Studierenden der Professor, neben dem Naturforscher der Geschichtsschreiber, neben dem Offizier der Schauspieler und alle pflegten den poetischen Gedankenaustausch. Da wurde gedichtet und komponiert, es wurden Minnelieder übersetzt, Goethe und Schiller gelesen.

Der zweite Zirkel, in welchem Schenkendorf Anregung fand, war ein Kreis schöngeistiger Frauen, die sich sehr dem Pietismus und Mystizismus ergeben hatten. Schenkendorf dichtete für diesen Kreis geistige Lieder, die zum Teil auch in das Kirchengesangbuch seiner Zeit aufgenommen wurden, wie z.B. "Brich an du schönes Morgenlicht".

Noch in einem dritten Kreis war Schenkendorf vertreten, nämlich in der Familie des Landhofmeisters Hans von Auerswald. Dort kam Schenkendorf auch mit Mitgliedern des königlichen Hauses in Berührung. Damals vollzog sich unter den Stein'schen Reformgesetzen die Erneuerung des preußischen Staates. Die Reformgesetze schufen die Grundlage für die Bauernbefreiung und die Gewerbefreiheit. Sie regelten die Selbstverwaltung der Städte sowie die Trennung von Verwaltung und Justiz. Sie öffneten das Offizierskorps für Bürgerliche und sorgten für die Abschaffung der Körperstrafe im Heer. Das alles regte den jungen Dichter zu frischem poetischen Schaffen an. Nicht ohne Einfluss war auch der Verkehr mit Männern wie Graf von der Groben, Ernst von Kanitz, Freiherr Ferdinand von Schrötter u.a. Es entstanden damals seine berühmten Gedichte wie "O heilig, heilig Land". "Unserer Königin", "Sing' Heldenlieder, Preußenvolk" und sein bekanntes Gedicht "Freiheit, die ich meine".

Das Nichtbestehen seines Examens brachte Schenkendorf seinen Gönnern gegenüber in eine schiefe Stellung. Dazu kam noch, dass er in ein Duell verwickelt wurde. Auf einer Schlittenfahrt stieß er einen alten General an, der ihn mit einer Flut von Schimpfreden überflutete, was zu dem besagten Duell führte. Die Kugel des Generals traf des Dichters rechte Hand. Ein Jahr kämpfte Schenkendorf mit dem Tode, gesundete jedoch wieder und lernte mit der Linken schreiben und fechten.

Im Jahre 1812 lichteten sich die drei Kreise, die Schenkendorf so fest an Königsberg hielten. Frau Barclay zog nach Baden, wohin ihr der Dichter folgte. Am 15. Dezember heiratete er in Karlsruhe seine Auserwählte, die ihm an Jahren weit voraus war. Bald sah er wieder einen Zirkel von pietistischen Frauen um sich, dessen Mittelpunkt seine Gattin war. Er zog sich aus diesem Kreis nach und nach zurück und erwanderte nun die Landschaft seiner neuen Wahlheimat und das schöne Neckartal. Manch neues Gedicht ist unter dem Eindruck jener herrlichen Gegend entstanden.


Im politischen Geschehen entwickelten sich nun die großen Ereignisse des Jahres 1813. Im Winter 1812 war Napoleons "Große Armee" auf dem Rückzug von Moskau fast völlig vernichtet worden. Dies gab dem preußischen General Yorck das Signal, aus dem erzwungenen Bündnis mit Napoleon auszuscheren. Über den Kopf des Königs und der Regierung hinweg traf er am 31. Dezember 1812 mit dem russischen General Diebitsch die Konvention von Tauroggen, in der sich das preußische Korps, das zum Flankenschutz Napoleons im Baltikum eingesetzt war, für neutral erklärte.

Yorck besetzte mit seinem Armeekorps den Raum zwischen dem Kurischen Haff, Memel und Tilsit, um dort die Entscheidung des Königs abzuwarten. Aber schon wenige Tage später entschloss sich Yorck zu einem zweiten selbständigen Schritt, zum gemeinsamen Operieren mit der russischen Armee, um die Franzosen aus Gesamt-Ostpreußen zu vertreiben. Am 8. Januar 1813 war er bereits mit seinen Truppen in Königsberg. Unter der Leitung von Graf Alexander Dohna wurde in Königsberg beschlossen, eine Landwehr aufzustellen. Im Februar 1813 kam es im russischen Hauptquartier zu einem preußisch-österreichischen Vertrag, in dem sich auch Österreich zum Widerstand gegen Napoleon bereit erklärte. Der preußische König Friedrich Wilhelm III. erließ nun seinen Aufruf "An mein Volk", in dem er seine Untertanen aufrief, gegen Napoleon um die Freiheit zu kämpfen.

Schenkendorf hielt es in Anbetracht dieser Ereignisse nicht länger in seinem ruhigen Heim. Er verließ Weib und Kind, um mit für Deutschlands Ehre zu kämpfen. Er ging nach Schweidnitz in Schlesien, wo sich das preußische Hauptquartier befand und fand dort viele alte und manch neue Freunde vor. Damals entstanden seine mitreißenden Vaterlandslieder. Seine Lieder, die sich durch leichte Singbarkeit auszeichneten, erweckten in der preußischen Bevölkerung einen großen Freiheitsenthusiasmus, und damit hat sich Schenkendorf unsterbliche Verdienste erworben. Zu seinen bedeutendsten Freiheitsliedern aus dieser Zeit gehören u.a. "Erhebt euch von der Erde", "Langer Knechtschaft Joch und Schande", "So zündet nun die Feuer", "Auf auf zum muntern Jagen". Von Leipzig, wo er selbst die große Völkerschlacht mitgemacht hat, ging Schenkendorf nach Frankfurt a.M. Nach dem siegreichen Ende des Kampfes gegen Napoleon wurde in ihm der Wunsch nach einer festen Anstellung immer stärker. Im Jahre 1815 erhielt er einen Ruf als provisorischer Regierungsrat nach Koblenz. Kaum hatte er sich hier eingelebt, erhielt er 1817 ein Angebot für eine Festanstellung in Magdeburg. Es fiel ihm schwer, von seiner liebgewordenen Umgebung zu scheiden. Während er noch seine Angelegenheiten ordnete, ereilte ihn der Tod am 11. Dezember 1817 in einem Alter von nur 34 Jahren.

Seine Vaterstadt Tilsit hat Max von Schenkendorf im Jahre 1890 ein ehrendes Denkmal errichtet. Es zeigt sein Standbild auf einem Sockel aus poliertem roten Granit mit der Inschrift "Max von Schenkendorf, geb. in Tilsit, 11. Dezember 1783, gest. in Coblenz, 11. Dezember 1817". Auf der Rückseite liest man die Worte: "Ich will mein Wort nicht brechen. Will predigen und sprechen vom Kaiser und vom Reich."

Autor: © 2005 Bernhard Piasetzki
Literaturangaben:
1) A. Ambrassat: Die Provinz Ostpreußen. Königsberg 1896
2) B. Schumacher: Geschichte Ost- und Westpreußens. Würzburg 1977
Quelle: Tilsiter Rundbrief Nr. 35/2005

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verfaßt am 14.12.2005
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letzte Änderung dieser Seite : Montag, 24. Januar 2011