AUS EINER SCHLIMMEN ZEIT
Böse und gute Erfahrungen in den Jahren 1939 -1948
in Groschenweide
von Botho Eckert

In der Landwirtschaft wurden in den Kriegsjahren Gefangene aus verschiedenen Nationen zur Arbeit eingesetzt. Im Dorf kamen zunächst Polen und Belgier und später Russen zum Einsatz. Im Haushalt arbeiteten auch Frauen, meistens Polinnen. Soweit mir bekannt ist, wurden die Gefangenen auf unserem Hof gut versorgt. Sicherlich traf das nicht auf alle Höfe zu. Die Polen konnten sich frei bewegen. Gut erinnere ich mich noch an Jadwiga, unser Hausmädchen. Anders verhielt es sich bei den Russen. Sie wurden nachts eingeschlossen. Ich erinnere mich auch an die ersten vier Kriegsgefangenen. Als sie zu uns kamen, waren sie so entkräftet, daß sie nicht in der Lage waren, einen vollen Kartoffelkorb zu tragen. Nach einigen Wochen sah das ganz anders aus. Der Ukrainer Fedor war inzwischen so stark geworden, daß er bei der Ernte ein halbes Hock Garben (ca. 6 Stück) auf einmal auf den Erntewagen lud. Auch die drei anderen waren wieder zu Kräften gekommen.

Doch nicht immer waren sie willig zu arbeiten, besonders Larion nicht. Einmal stellte er sich beim Verlängern des Leiterwagens bewußt dumm an. Erst nachdem ihn mein Vater mit heftigen Worten zur Rede gestellt hat - vermutlich bekam er sogar die Hand meines Vaters zu spüren - änderte er sein Verhalten. Doch das war wohl eher ein seltenes Vorkommnis. Ich als Kind ging öfters zu den Russen in ihr Quartier und lauschte gerne ihren schwermütigen Liedern. Besonders Fedor unterhielt sich oft mit meinem Vater. Von Stalin hielt er nicht allzuviel. Leider enttäuschten die Deutschen auch viele Russen. Zwei Männer liefen 1944 fort, was sicher auf dem Dorf nicht allzu schwierig war. Alle, auch die Ersatzleute, wurden noch vor unserer Flucht von ihren Bewachern abgeholt. Was aus ihnen wurde, ist nicht bekannt. Später erfuhr man, daß es vielen von ihnen noch schlechter ergangen war als den Deutschen nach 1944/45.

Hier sei noch das Schicksal einer Polin erwähnt, die mit einem Treck aus dem Memelland kam, der nur für eine Nacht auf unserem Nachbarhof blieb. Gerade in dieser Nacht brachte sie ein Kind zur Welt. Laut Befehl eines Militärarztes durfte sie mit dem Treck nicht weiter mitfahren. Die Bauersfrau behielt sie bei sich und versorgte sie so gut es ging, obwohl ihr Bruder damit gar nicht einverstanden war. Da es weder Fläschchen noch Sauger gab, mußte das Kleine mit einem Löffel gefüttert werden. Einige Tage danach kam der Mann der Bäuerin von der Front, um seine Frau in Sicherheit zu bringen. Auch er hatte Mitleid mit der jungen polnischen Mutter und nahm sie und ihr Kind ebenfalls mit. In Königsberg bekamen sie von der Bahnhofsbetreuung die wichtigsten Dinge für das Baby. Nach dieser Versorgung setzten die Nachbarn die Polin mit ihrem Kind in einen Zug, der nach Polen fuhr. Sie war voller Dankbarkeit und wünschte ihren Rettern, daß auch sie Hilfe in kommenden Notsituationen fänden.

Ein ganz anderes Schicksal widerfuhr unserem Nachbarn Maurer. Als er 1945 wieder nach Groschenweide zurückgekehrt war, suchte ihn ein Pole, um ihn umzubringen. Wahrscheinlich war es ein Gefangener, der während des Krieges auf seinem Hof gearbeitet hatte. Herr Maurer konnte zu seinen Leuten sehr streng sein, wofür sich der Pole nun rächen wollte. Dieser versteckte sich über längere Zeit in der Scheune, wo er von seiner Frau mit Nahrung versorgt wurde. Nach einigen Monaten verschwand der Pole wieder.

Herr Maurer starb jedoch noch im selben Jahr. Wie auch immer berichtet wurde, blieb kaum eine Frau von Vergewaltigungen verschont. So geschahen auch in unserem Dorf viele grausame Dinge. Nicht selten kam es zu Massenvergewaltigungen durch russische Soldaten. Man erfuhr, daß gerade bei der Rückwanderung nach Groschenweide oftmals Militärfahrzeuge anhielten und bis zu 25 Männer einzelne Frauen grausam vergewaltigten. Schlimm soll es auch im Sommer 1945 zugegangen sein, als Mongolen und andere Russen ins Dorf einfielen. Es wird von zahlreichen Toten berichtet. Nur wer diese Getöteten waren, ist nicht bekannt, denn in den Häusern lebten damals viele Fremde. Alle diese unbekannten Menschen liegen in Groschenweider Erde und fanden ihren Platz im letzten Kapitel der Dorfgeschichte.

Namen, die keiner mehr kennt!

Autor : © 2011 Botho Eckert
Quelle : Heimatrundbrief "Land an der Memel" Nr. 89/2011

Groschenweide
Aus schlimmer Zeit



© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 08.01.2012
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letzte Änderung dieser Seite : Sonntag, 8. Januar 2012