Das Dorf Skattegirren/Groschenweide:
Die letzten Stunden von Groschenweide

Von Schloßberg kommend, drangen die russischen Panzer der 89. Panzerbrigade des 1. P K unter Oberst Sommer über Rautenberg, Nesten, Hohensalzburg, Schillen nach Aulenbach vor. Sie umgingen Schillen und fuhren am 19. Januar nach Aulenbach, wo sie auf Panzer des ostpreußischen Hauptmanns Gaedicke stießen. Zur Flankensicherung vor einem deutschen Vorstoß aus Richtung Tilsit rückten die 17., 19. und 91. Gardedivisionen bis nach Fichtenfließ, Ellerngrund und Fichtenende vor. Ihnen gegenüber standen die Reste der V Gr. Div. 561 unter Generalmajor Gorn. Einige Geschütze standen wohl auf dem Hof von Schokoll. Am 19. Januar gelangte die 91. Gardedivision über Schlecken und Wilkerischken nach Martinsrode und Groschenweide. Von den deutschen Truppen wurde nur noch die Straße von Tilsit nach Kreuzingen mit geringen Kräften des Panzerartillerie-Regiments 116 und der Panzerjäger-Abteilung 53 bis zum 20. Januar gehalten. Bei dieser Sicherung muß es auch im Raum Groschenweide zu Kämpfen gekommen sein. In Martinsrode war der Hof Redetzki total und in Groschenweide waren die Höfe Redetzky und Eckert teilweise abgebrannt. Auf dem Hof Schokoll gab es nur geringe Einschläge. Im Mai 1945 fand man hier noch deutsche Munition und Fahrspuren von schweren Fahrzeugen in Richtung Gowarten. In Fichtenfließ gab es keine Zerstörungen.

Leider gibt es von der V G r. Div. 561 keine Aufzeichnungen. Diese Division wurde erst 1944 aus Resten alter Verbände und neu Eingezogenen aufgestellt. Sie wurde beim Kampf um Königsberg bei Metgehten im April 1945 zerschlagen. Seit Beginn der Offensive am 13. Januar sind keine Berichte mehr geschrieben worden. Vermutlich ging in den Wirren der letzten Kriegstage alles unter.


Das Dorf Skattegirren/Groschenweide:
Von Groschenweide nach Otradnoe - 1944/45 bis 1991

Am 17. Januar 1945 verließ mein Vater, Otto Eckert mit einem Pferdegespann und einem Schlitten den Hof und das Dorf Groschenweide für immer. Der Molkereibesitzer Kurt Streit aus Fichtenfließ erhielt am 17.1.1945 gegen 5 Uhr morgens einen Anruf mit der Mitteilung, daß der Russe bereits in Schillen war. Das Vieh, die Ernte und die Käserollen blieben zurück. Am 19. Januar wurde das Dorf von den Russen eingenommen.

Vor dem Einmarsch der Russen kam es noch zu Kampfhandlungen. Auf dem Hof Redetzky wurden bis auf das Wohnhaus alle Wirtschaftsgebäude zerstört. Die Scheunen und der Rinderstall auf dem Hof Eckert fielen den Flammen zum Opfer. Alle anderen Gebäude blieben verschont. Im Mai 1945 lagen Waschbecken und Ausguß auf dem Hof. Von den Maschinen waren nur noch Gerippe übriggeblieben. Einschüsse in das Insthaus Schokoll und die noch im Mai 1945 im Garten des Hofes Schokoll in Richtung Westen weisenden vorgefundenen Fahrzeugspuren lassen vermuten, daß sich auf dem Hof deutsche Artillerie verschanzt hatte. Vom Hof Schokoll hatte man einen guten Einblick auf die von Schillen über Martinsrode heranrückenden Russen. Vermutlich handelte es sich um eine deutsche Kampfgruppe, die den Rückzug der Soldaten aus Tilsit auf der Straße nach Kreuzingen absichern sollte. In Laugallen war der Hof Redetzki total zerstört. In Fichtenfließ dagegen war wenig zerstört. Die auf dem Hof Schokoll zurückgelassene Munition sprengten die Russen im Mai 1945.

Bild oben : Hof Otto Eckert ( 1.Schultag von Gisela Eckert) aus glücklichen Tagen

Im Februar 1945 richteten die Besatzer in der Molkerei und im Krug Simoneit in Fichtenfließ eine Kommandantur mit 50 Soldaten ein. Ihr Anführer soll der Hauptmann Lapschinow gewesen sein. Ihre ersten Aktionen waren Raubzüge in die Umgebung, vornehmlich nach Lebensmitteln und Alkohol. Was ihren Ärger erregte, wurde zerstört. Zu dieser Zeit lebten in Groschenweide nur einzelne zurückgebliebene Dorfbewohner. Unter ihnen war auch Paul Meyer. Über seinen Verbleib hat niemand etwas erfahren. Im späten Frühling kamen viele Rückwanderer und auch Memelländer ins Dorf. Im Herbst 1945 sollen die meisten Häuser wieder bewohnt gewesen sein. Als dann im September/ Oktober 1945 noch mehr Russen ins Dorf kamen, gab es wieder Tote. In den Straßengräben lagen viele getötete deutsche Zivilisten. Im Mai 1945 zog die Kommandantur auf die Höfe Redetzky und Eckert in Groschenweide um. Der Hauptmann Lapschinow, von Haus aus Ingenieur, erwies sich als ein brutaler Mann. In Fichtenfließ soll die Molkerei ab Ende 1945 bis 1986 noch gearbeitet haben. Da-nach befand sich auf dem Gelände eine Traktorenstation mit Schlosserei. Reste davon waren noch 1991 sichtbar. Auf dem Hof Auschill in Groschenweide lagerten die Russen Getreide, daß hier auch getrocknet wurde.

Im Mai 1945 kehrten auch die ersten Groschenweider, denen die Flucht nicht gelungen war, zurück. Unter ihnen war auch Frau Gertrud Scharfetter, geb. Schokoll mit ihren Kindern. Die Rückkehrer wohnten in den Insthäusern von Schokoll, Redetzky und Maurer, einige auch auf dem Hof Meyer und in der Schule in Fichtenfließ. Den Schokollschen Hof mußten sie bald verlassen, weil die Russen hier Schießübungen durchführten. In den ersten Wochen nach der Besetzung beschossen sie nach reichlichem Alkoholgenuß mit Granatwerfern und Stalinorgeln das Gelände der Pistin und trafen dabei hauptsächlich die Höfe Trillus, Jurkat, Steguweit, Riechert, Kirschning und Dittkirst. Vermutlich beschädigten sie dabei auch die Schule und den Hof Eckert in Martinsrode. Die Hauptarbeit der Russen bestand jetzt im Sommer darin, Hausrat, Möbel und Wertgegenstände nach Schillen zum Bahnhof zu transportieren. Da der Winter 1945/46 sehr kalt war, wurden zum Heizen überall in den Häusern Fenster und Türen herausgerissen und alles Brennbare aus Holz mitgenommen und ganze Holzgebäude ebenfalls verheizt. Die Zerstörungswut in dieser Zeit war beängstigend.

In Fichtenfließ hatten die Russen im Wohnhaus Neufang eine Kneipe mit Magazin eingerichtet. Nach 1952 verfiel der Hof bis auf das noch heute stehende Insthaus.

Ab Frühjahr 1946 entstanden die ersten Kolchosen in Schillen und Königskirch. Auf dem Hof Maurer hatte sich der Brigadier für Groschenweide einquartiert. Die deutschen Rückkehrer mußten, mit Ausnahme der Kinder, alle auf den Feldern arbeiten. Auch Herrn Maurer traf dieses harte Los. Er soll sich oft versteckt haben. Auf dem Hof Schokoll und ebenso bei Bindert in Fichtenfließ entstanden Viehstationen. Das Wohnhaus Bindert war bis 1990 Kulturhaus; die Stallungen wurden durch neue Gebäude ersetzt. Die Viehstation auf dem Hof Schokoll endete um 1985, während die auf dem Hof Bindert noch heute besteht.

Bis zum Frühjahr 1948 war eine große Anzahl der Dörfer und auch viele der Höfe in Groschenweide bereits verwüstet. Im Herbst 1948 erfolgte dann die Ausweisung der noch verbliebenen deutschen Bevölkerung. Mit nur geringem Gepäck wurden die Menschen in Schillen in Güterwagen verladen. Aber viele hatten die großen Strapazen - Hunger, Typhus, Ruhr, Vergewaltigungen etc. - nicht überstanden. Um der größten Not zu entgehen, wanderten einige in das litauische Gebiet.

Durch Zwangsumsiedlung kamen immer mehr russische Zivilpersonen in das Kirchspiel Königskirch, darunter wohl auch einige nach Otradnoe.

In Groschenweide verblieb nur noch die Kommandantur auf dem Hof Eckert. Das Wohnhaus Redetzky, aber auch der Hof Auschill verfielen. 1952 zogen die restlichen Soldaten ab. Der restliche Hof - mein Geburtsort - wurde von den abziehenden Soldaten angesteckt und brannte ab.

Zwischen 1986 und 1990 wurden dann die noch nicht zerstörten Höfe abgebrochen und in Teiche und Gräben einplaniert. Alle brennbaren Teile waren bereits entfernt worden. Es waren die Reste der Höfe: Schurkus, Bandowski, Schokoll, Maurer, Mau, Meyer, Butzkies, Haak, Adomeit, Elmer, Kammer, Heyer und Kukulies. Der Friedhof am Hof Maurer wurde ebenfalls eingeebnet. Die Einplanierungen erfolgten, um den Acker großflächig, aber primitiv von der Kolchose Königskirch aus bearbeiten zu können. Dorfgrenzen und alle Wege, bis auf die Hauptstraße von Fichtenfließ nach Schillen, wurden aufgelöst. Das Dorf Groschenweide bestand nicht mehr.

Folgende markante Punkte fand ich bei meinem ersten Besuch nach dem Ende der Sowjetunion am 3. Oktober 1991 noch vor:

Die Trafostation. Sie war bereits eine Ruine, die 1992/93 abgebrochen wurde. Zur Stromversorgung hatte man eine Freileitung neben der Kiesstraße von Schillen nach Fichtenfließ gebaut.

Schutt- und Mauerreste von den Höfen Auschill, Eckert und Schokoll. Bei Schokoll waren noch die aus Findlingen erstellten Stallfundamente zu sehen. Die Lage der anderen Höfe war nicht mehr zu erkennen.

Teiche und Gartenreste auf den Höfen Schokoll, Redetzky, Eckert und Auschill.

Die alten Friedhöfe an den Höfen Eckert, Schokoll und Trillus. Alle Gräber waren zerstört und aufgebrochen. Die alte Wildnis ist auf diesen Flächen wieder eingekehrt.

Die alte Dorfstraße, eine alte Kiesstraße mit einigen verbliebenen Birken ist noch erhalten und wird sogar noch gepflegt.

Wo bis Kriegsende 1945 eine große Anzahl von Höfen mit den dazugehörigen Gärten eine abwechslungsreiche aber auch für dieses Gebiet typische Landschaft bildeten, öffnet sich heute ein weiter, freier Blick über viele, viele Kilometer.

Dieser Bericht basiert wesentlich auf Aufzeichnungen von Manfred Scheidereiter, die er nach Aussagen von noch heute in Königskirch lebenden russischen Zeitzeugen zu Papier brachte, und auf Angaben von Frau Gertrud Scharfetter, geb. Schokoll, sowie deren Mutter Maria Schokoll. Alle erlebten die erste Nachkriegszeit in der Heimat unter russischer Verwaltung.

Autor: © 1998 Botho Eckert, Bad Salzuflen, geboren in Skattegirren
Bilder: Botho Eckert

Verzeichnis Groschenweide(Anfang)
Fortsetzung (Daten der Besiedlung/Dorfgeschichte)



© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 01.12.2001
www.tilsit-ragnit.de
letzte Änderung dieser Seite : Dienstag, 14. Dezember 2010