Das Dorf Skattegirren/Groschenweide:
Das kulturelle und wirtschaftliche Leben

Verwaltung:
Ursprünglich gehörte der Ort Skattegirren zum Verwaltungsbezirk Ballgarden, aus dem der Kreis Tilsit-Ragnit hervorging. Im Kirchspiel Jurgaitschen/ Königskirch war der Amtsvorsteher gleichzeitig Standesbeamter und Leiter der Kreissparkasse.

Kirche:
Bis 1845 gehörte das Dorf zum Kirchspiel Szillen. Geburten, Taufen und Todesfälle wurden im ca. eine Meile entfernten Kirchenamt Szillen geführt. 1841 wurde in Jurgaitschen eine evangelische Kirche erbaut. Fortan gehörte der Ort Skattegirren der neuen Kirchengemeinde an.

Schulen:
Im Jahre 1931 erhielt Skattegirren zusammen mit dem Nachbardorf Laugallen eine ein-klassige Volksschule. Für den Schulneubau mußten die Einwohner beider Orte Eigenleistungen erbringen. Da die Schule im Gebiet des Nachbardorfes lag, hatten viele Kinder einen weiten Schulweg von bis zu 2 km Länge. Einige Kinder aus Klein-Skattegirren gingen auch nach Errichtung des Schulneubaus weiterhin zur Schule nach Schillupischken. (Bild oben:Volksschule Skattegirren/Laugallen 1931)

In den Jahren 1910 bis 1931 gab es eine behelfsmäßige Schule im Insthaus auf dem Hof Schokoll. Der erste Lehrer der neuen Schule war Hermann Scharfetter. Davor mußten alle Kinder in die Schule nach Giggarn gehen. Im Krieg, ab 1939, vertrat zunächst der Lehrer Walter Buchhorn aus Schillupischken/ Fichtenfließ den zum Militär eingezogenen Lehrer Scharfetter. Danach kamen die Junglehrerinnen Charlotte Bindert und Charlotte Auschill an unsere Schule. Charlotte Auschill war die letzte Lehrerin in Groschenweide.

Weiterführende Schulen befanden sich in Tilsit; landwirtschaftliche Lehranstalten waren in Ragnit und in Insterburg.


Frau Scharfetter auf der Schillup-Brücke;
dahinter Volksschule Skattegirren/Laugallen im Jahre 1931

Bahnanschluß:
Der wichtigste Bahnhof an der zweigleisigen Hauptstrecke Tilsit - Insterburg war Schillen. Über Schillen erfolgten auch die Gütertransporte, wie Getreide, Vieh etc.

An der eingleisigen Strecke Tilsit - Königsberg lag Wilhelmsbruch. Von hier gab es die nächste Verbindung nach Königsberg.
Zu den Bahnhöfen wurde meistens mit Pferdefuhrwerken gefahren.

Einkaufsmöglichkeiten:
Im allgemeinen waren die Dorfbewohner Selbstversorger. Fleisch lieferten die selbst herangezogenen Schweine, Gänse, Enten und Hühner. Die Haltbarmachung geschah durch Einwecken in Gläsern oder durch Räuchern in der eigenen Räucherkammer. Von den Kühen erhielt man die Milch, woraus dann Butter, Dickmilch und Quark, die sogenannte Glumse, hergestellt wurden. Gute Eier lieferten die Hühner in freier Haltung. Obst und Gemüse erntete man im eigenen großen Garten. Hier standen auch die Bienenstöcke. So brauchten nur wenige Dinge gekauft zu werden.
Diverse Läden und Betriebe gab es in Königskirch und Schillen. Der nächste Kolonialladen mit Gastwirtschaft befand sich in Fichtenfließ.
Zu Großeinkäufen wurde nach Tilsit, aber auch nach Schillen und Kreuzingen gefahren.

Molkerei:
Sie wurde um 1900 in Schillupischken in Verbindung mit einer Mühle gebaut. Im Jahre 1916 übernahm die Familie Streit den Betrieb. Die Molkerei war für die gute Verarbeitung der Milch und den ausgezeichneten Tilsiter Käse bekannt.

Mühlen:
Fast jeder Hof besaß eine eigene Schrotmühle zur Herstellung von Brotmehl und Futterschrot. Brot und Kuchen wurden im eigenen großen Backofen selbst gebacken.
Der nächste Mühlenbetrieb war die Meierei und Mühle Streit in Fichtenfließ.

Schmieden/Hufbeschlag:
Im Nachbarort Martinsrode befand sich die Dorfschmiede Bogdahn, in der neben dem Beschlagen der Pferde auch viele landwirtschaftliche Gerätschaften hergestellt wurden.

Tischlerei/Zimmerei:
Die meisten Höfe besaßen eine Schirrkammer zur eigenen Herstellung von Holzgerätschaften. Bei Bedarf kam ein Tischler für einige Tage bzw. Wochen auf den Hof. Der letzte Tischler war Herr Schellhammer. In Königskirch gab es private Tischlereibetriebe.

Im Ort befanden sich vier Friedhöfe und zwar je einer in den alten Ortsteilen Groß- und Klein-Skattegirren und in Odaushöfchen. Ein weiterer Friedhof lag im Bereich der Aufsiedlung des Gutes Odaushöfchen. Zum Hof Maurer gehörte ein eigener Friedhof.

Wald/Holz:
Skattegirren besaß keine eigenen Waldungen. Größere Holzeinkäufe wurden in den Forsten Wilhelmsbruch und Padrojen getätigt.
Zum Heizen der großen Kachelöfen in den Wohnhäusern verwendete man Holz (Strauchholz) und Briketts.

Wiesen:
Zu einigen der Höfe gehörten im ca. 10 km entfernten Wilhelmsbrucher Forst Pachtwiesen. Die Bewirtschaftung war zur damaligen Zeit sehr beschwerlich.

Ärztliche Versorgung:
Dr. Bloch, der nächste Arzt, hatte seine Praxis in Schillen. In Königskirch praktizierte der Dentist Walter Leppert. (Er war mit der ältesten Tochter vom Hof Redetzky verheiratet).
Das nächstgelegene Krankenhaus befand sich in Tilsit.

Post:
Die Postzustellung erfolgte durch das Postamt in Königskirch. Von dort bestand eine tägliche Postbusverbindung nach Tilsit.

Gaststätten hatte der Ort nicht. Die nächstgelegene war in Schillupischken mit dem letzten Inhaber Simoneit. In Königskirch befanden sich jedoch noch größere Gaststätten.

Polizei: Der Ort gehörte zum Polizeiposten in Schillupischken/Fichtenfließ. Der letzte Dorfpolizist war Herr Laßek.

Vermarktung:
Verschiedene Bauern des Dorfes fuhren auch mit ihren Kleinerzeugnissen zum Wochenmarkt in die ca. 25 km entfernte Stadt Tilsit. Für Mensch und Pferd bedeutete das immer einen langen Tag.
Größere Verkäufe bzw. Lieferungen erfolgten nach Schillen, Königskirch und Kreuzingen.


Der Hof Albert Maurer - Wohnhaus und Stallungen

Sparkassen:
Eine Zweigstelle der Kreissparkasse befand sich in Königskirch. Die wichtigste Kasse war die Raiffeisenbank.

Pferdedeckstation:
Eine Station mit gutem Ruf befand sich in Königskirch. Sie gehörte zum Gestüt Georgenburg.

Autor: © 1998 Botho Eckert, Bad Salzuflen, geboren in Skattegirren
Bilder: Botho Eckert,

Verzeichnis Groschenweide(Anfang)
Fortsetzung ( Die letzten Stunden von Groschenweide)



© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 01.12.2001

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letzte Änderung dieser Seite : Dienstag, 14. Dezember 2010