Das Dorf Skattegirren/Groschenweide:
Die wirtschaftliche Entwicklung des Dorfes

Von den Prussen ist überliefert, daß sie Ackerbauern und Viehzüchter waren und in Dörfern oder auf Einzelhöfen lebten. Der gesamte Lebensablauf war recht einfacher Natur. Als Volk hörten die Prussen in der Ordenszeit auf zu existieren. Bevölkerungsreste wurden im neuen Ordensstaat integriert. Da sich viele Litauer im Ordensland eine größere Freiheit versprachen, waren es vermutlich litauische Bewohner, die einstmals den Ort gründeten. Aber auch ihr Leben muß einfach und bescheiden gewesen sein. Im Ort soll es noch nach 1944 eine Kate, ein sogenanntes Hirtenhaus, gegeben haben. Es handelte sich um ein typisch litauisches Strohhaus, in dem zuletzt der Besitzer Dittkirst wohnte.

Über die Häuser und das Leben der damaligen Zeit schreibt ein Professor Capeller aus Jena um 1820:

"Die Leute hatten damals keine solchen Wohnungen wie heute. Das waren solche zerrissenen Gebäude, dass das Dach oft bis auf die Erde reichte. Arme Leute hatten nur eine einzige Stube. In der Stube gab es keinen Kamin; sie kochten im Hausflur auf dem Erdboden, den Topf hängte man am Balken auf. An demselben Balken räucherte man auch das Fleisch. Unter den Okeln waren Löcher, durch die der Rauch abziehen konnte. Da kann man sich denken, was da für ein Gestank war. In besseren Wohnungen trat man zuerst auf einen Flur. Aus ihm gelangte man auf der einen Seite in eine Stube, auf der anderen in die Kammer und hinten in die Küche. Die Fenster waren klein und niedrig, der Fußboden aus Lehm wie in einer Tenne. In der Kammer bewahrte man alles auf, den Webestuhl, die Spinnwocken und solche Sachen. Vorne im Haus-flur stand immer der Schweinetrog, dort fütterte man im Winter die Schweine, da sonst im Stall alles erfroren wäre. Im Frühling zog man hinaus in die Klete, ein kleines Gebäude, unfern des Hauses, das mit Brettern verschlagen war und zwei Fuß hoch auf Steinen stand, damit das Getreide nicht vermoderte. Fenster gab es dort nicht, aber die Türen standen immer offen, damit die Sonne hineinschien. - Von Hausgeräten fand man in jedem Haus statt der jetzt übli-chen Kommode "die skryne", eine bunt bemalte Holztruhe, meistens in Kastenform. Bänke, Stühle und große Schränke schienen in ihrer massigen Form für die Dauer von Jahrhunderten gearbeitet zu sein und wiesen oft schöne Schnitzereien und Inschriften in Bunten Buchstaben auf. Stroh- und Federkronen zierten die gute Stube der alten Litauer; es gab in solchen Häusern auch ganz alte eiserne Kronleuchter, während die Stuben der großen Gutsbesitzer mit einem Kronleuchter aus bunten Gläsern, die Blätter und Blumen darstellten, geschmückt wa-ren. In den dreißiger Jahren setzte der Import englischer Mahagonimöbel ein und die großen englischen Standuhren durften in wohlhabenden Häusern ebenso wenig fehlen, wie die Pfeilerspiegel. Auch in der herrschaftlichen Küche kannte man nichts Besseres, als kräftige Haus-mannskost und bevorzugte Sauerkraut-Grütze, besonders Hafergrützsuppen (statt des Kaffees) und rote Rübenbartsch. -"

Es wird angenommen, daß es nach 1730 einen bescheidenen wirtschaftlichen Aufschwung gab. Bis zur Aufhebung der Leibeigenschaft nach 1800 wurden die Ländereien gemeinschaft-lich bewirtschaftet. Als Schatullkölmer zahlten sie einmal im Jahr ihren Zins nebst Schutzgeld an die Forstkasse (Schatulle) und später an die Amtskasse. Erste wirtschaftliche Erfolge stellten sich um 1780 im Dorf ein. Nach Aufzeichnungen der preußischen Beamten wurden die Vermögensstände als gut beurteilt. Im Jahre 1783 betrugen die Steuereinnahmen von den Orten Groß- und Klein-Skattegirren und Odaushoeffchen 108 Taler, 92 Groschen und 8 Pfennige (Wert um 1960 x 60).

In den drei Ortsteilen gab es insgesamt 42 Pferde, 30 Ochsen und 40 Milchkühe. Bewirtschaftet wurden 15 Huben und 33 Morgen Land. Die große Anzahl der Zugtiere bedeutet, daß der Acker mit dem Pflug, der bereits 1437 aufkam, bearbeitet wurde. Das Säen und Ernten des Getreides geschah zur damaligen Zeit wohl mehr oder weniger durch Handarbeit. Erst nach 1830 kamen neue Wirtschaftsmethoden auf, wie Ackerdüngung und Rinderhaltung im Stall. Die trockenen Getreidegarben wurden in Scheunen gelagert und im Winter gedroschen. Erste größere Arbeitsgeräte ersetzten die arbeitsintensive Handarbeit.


Bild links: Hofauffahrt zum Hof Max Redetzky - Blick auf die Insthäuser+Straße

Um 1830 erbaute man auf dem Hof Adomeit eine Windmühle. Der erste Betreiber der Mühle hieß Grubert und der letzte um 1930 war Haak. Vor 1830 mußte das Korn zur Mühle nach Jurgaitschen gebracht werden. Ab 1923 schafften sich die größeren Höfe eigene mit Strom betriebene Schrotmühlen an.

Ab 1830 wurden zusätzliche Stallungen, Scheunen und auch Wohnhäuser erbaut. Das Wohnhaus Schokoll entstand 1834 und die Scheune 1859. Die Stallungen Redetzky wurden um 1930 erbaut. Auf dem Hof Eckert wurden 1874 der Kuhstall, 1876 die Scheune, 1896 der Pferdestall, 1904 das Wohnhaus und 1906 das Insthaus gebaut.

Ab 1910 wurden Vorflutgräben zur Schillup gezogen und so eine große Anzahl der Äcker drainiert. Die Fruchtbarkeit des guten Bodens verbesserte sich dadurch wesentlich.

Bild links:
Der Hof Otto Eckert in Skattegirren



Ab 1923 erfolgte der Anschluß des Dorfes an das Elektrizitätsnetz. Ein Transformator und die Hauptleitungen wurden vom Überlandwerk gebaut. Die Zuleitungen zu den Höfen erstellten die Bauern in Eigenleistung. Die Masten erwarb man von der Forst Wilhelmsbruch.

Mit Einzug der Elektrizität übernahmen Elektro-Motoren die Schwerstarbeit. Elektrisches Licht kam in die Häuser, wodurch die Petroleumlampen überflüssig wurden.

Bis 1923 drosch man das Getreide noch mit Göpelwerken. Sie wurden nun durch Elektromotoren ersetzt. Im Zuge der Stromversorgung wurden die alten Ziehbrunnen abgeschafft und neue mit Tauchpumpen versehene Tiefbrunnen für die gesamte Hofversorgung gebohrt.

Ab 1911 entstand der Herdbuchverein Insterburg. Ab 1916 nahm dann die Molkerei Streit in Schillupischken den Betrieb auf. Ab diesem Zeitpunkt fand auch eine ständige Beratung und Kontrolle der Milchbetriebe statt. Alle größeren Höfe in Skattegirren wurden Mitglieder: Maurer ab 1911, Schokoll ab 1911 und Eckert ab 1925. Im Dorf standen 1944 ca. 200 Milchkühe und zusätzlich 100 - 150 Stück Jungvieh. Die großen Höfe hielten einen eigenen Bullen. Die Milch wurde von den größeren Betrieben selbst zur Molkerei nach Schillupischken transportiert. Für die kleinen Bauern mit nur 2 - 5 Kühen übernahm der Bauer Schmidt aus Laugallen den Transport. Die Milchspitzenleistung lag bei 5.000 Liter pro Kuh und Jahr.

1926 wurde die Dorfstraße von Schillupischken nach Schillen verlegt und neu ausgebaut. Obwohl es sich um eine Kiesstraße handelte, bestand nun auch in den Wintermonaten eine gute Wegeverbindung zu den Nachbarorten. Einige Nebenwege mußten auch noch 1944 in der feuchten Jahreszeit ausgebessert bzw. abgeschleppt werden. Das war besonders nach der Rübenernte notwendig. Der Ausbau erfolgte unter Eigenbeteiligung der Anlieger. Es wurde Kies gefahren und Bäume, zumeist Birken, angepflanzt, die z.T. noch heute stehen.


Der Hof Max Meyer - Wohnhaus und Scheune

Einige Betriebe hielten und züchteten Trakehnerpferde, so auch die Höfe Schokoll und Eckert. Die Remonten, dreijährige Jungpferde kamen zur Vorführung nach Schillen und Kreuzingen, um dort verkauft zu werden. Im Ort gab es ca. 140 Arbeits- und Reitpferde.

Ab 1930 geschah das Getreidemähen mit dem Ableger und später mit dem Selbstbinder. Bis dahin wurde noch mit der Sense gemäht und die Garben von Frauen gebunden. Die Mithilfe bei der Ernte und bei anderen anfallenden Arbeiten war für viele Dorfbewohner, auch für die Kleinbauern, eine gute Einnahmequelle. Die Bezahlung bestand zumeist in Naturalien aber auch in Geld.

1938/39 kamen die ersten Personenkraftwagen auf. Einen Lastkraftwagen gab es im Dorf nicht.

Ab 1940 kamen im Dorf die ersten Trecker - Lanz-Bulldog - zum Einsatz. Wegen der hohen Kosten schafften sich die Bauern Redetzky und Eckert und ebenso die Bauern Maurer und Schokoll je einen Traktor gemeinsam an. Die Schlepper fuhren mit Eisenrädern und auf den Äckern mit Stollen.

Autor: © 1998 Botho Eckert, Bad Salzuflen, geboren in Skattegirren
Bilder: Botho Ecker

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© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 01.12.2001

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letzte Änderung dieser Seite : Dienstag, 14. Dezember 2010