Das Dorf Skattegirren/Groschenweide:
Erste Ansiedlungen in der Urwildnis

Auf der ersten Karte von Ostpreußen von Caspar Hennenberger aus dem Jahre 1556 wird das Gebiet zwischen Ossat und Budup als Graudenwald bezeichnet. Es ist ein grauden (geräuschvoller) dichter Urwald aus Eichen, Linden, Erlen und viel Unterholz auf gutem, aber sehr feuchtem Boden (Grundmoränenboden) mit vielen Wasserläufen. Ansiedlungen gab es nur entlang der Memel und vom Samland kommend bis an die Deime und an den Pregel. Ein erster Weg durch diesen Grauden wird im Jahre 1384 in der Chronik Wiegands von Marburg in den litauischen Wegeberichten beschrieben. Über diesen 43. Weg des Deutschen Ordens von Labiau nach Ragnit heißt es:

"Gezeichnet 1384 in der Barbare (in der Barbare = am Tage der heiligen Bar-bara, die jetzt Schutzheilige der Artillerie ist, am 4. Dezember, also Labiau am 4.12.1384). Diese nach gescribene Wege habin gegangen Tile und Materne unsc knechte unde Scodete von Labiau unde Scorbete von Laukisken und gingen us von Laukiskin (Laukischken) uf de Milow (Mehlauken) 3 mile, do müs man die erste nacht legen, so findet man füters genug, das müs man die helfte behalden uf die wedirreise; von Milow 1 mile uf das flies Paure (Parwe), das müs man brückin; von der Paure uf das flies die Wosse (Ossa), das müs man brückin; von der Wosse 3 mile uf das flies, das do heiset die Argo (Arge), das müs man auch brückin; von dem flise Argo 1 mile uf die Taüre (Taurut), do mag man mit deme heere le-gen, do findet man futirs genug; von der Taüre 2 mile uf das flies Tilsete, do müs man bruckin, unde man mag do legen mit deme heer uf der widerreise von Ragnit; von tilsete 1 mile bis czü Ragnit."

Danach führte der Weg durch das spätere Kirchspiel Jurgaitschen und überquerte die Ossa bei Jagsten, die Ossat bei Wennaglauken, die Schillup bei Schillupischken, die Budup bei Jurgaitschen und die Arge bei Argeningken. Berichtet wird auch, dass der oberste Marschall von Ragnit in den Jahren 1427 und 1448 von Ragnit durch die Wildnis nach Groß Schirran und Taplaken reiste. Ob sie den 43. Ordensweg benutzten, ist nicht bekannt, doch mussten sie den Weg räumen und kamen am Tage nur bis zu 5 km durch die Wildnis voran.

Auf der Landkarte von Schroetter aus der Zeit 1796/1802 ist dieser Wegeverlauf noch gut zu erkennen. Den Weg von Jurgaitschen nach Sandlauken gab es damals noch nicht. Vermutlich waren einige dieser Orte erste Aufenthaltsorte der damals in der Wildnis lebenden Jäger, Fischer und Beutner. Ob diese oder die etwas höher gelegenen Orte Giggarn oder Turken erste Ansiedlungen waren, ist nicht bekannt. An Bedeutung gewann dieser 43. Ordensweg nach der Gründung von Tilsit im Jahre 1552 als Verbindungsweg nach Labiau. In dieser Zeit der amtsbäuerlichen Siedlungen kamen Siedler aus dem Samland über Labiau in die Wildnis. So entstanden Skaisgirren 1583 und Schillen 1580. Auf der ersten Karte von Schillen aus dem Jahre 1630 werden bereits einige Orte zwischen Ossat und Arge genannt:

  • Liparten = Lieparten
  • Redenn = ?
  • Diekinen = Finkental
  • Scharkena - Schaken = Feldhöhe
  • Wrinnen - Sprokinnen = Roekingen
  • Osenuggern - Aschnaggern = Aggern
  • Puppenn - Puppen = Puppen
  • Kartzschauminken - Karteningken - Kartingen
  • Szurgaytschen - Jurgaitschen = Königskirch
  • Klißchen - Klischwethen = Klischenfeld
  • Kartinuppe - Kattenuppen = Kattensteig
  • Kraudlegtschen - Krauleiden = Krauden
  • Schaurbschey - Schauden = Schaudissen
  • Weitweihtz = ?
  • Schillupißken - Schillupischken = Fichtenfließ
  • Turkey = Turken
  • Giggarey - Giggarn = Girren
  • Klippetzschen - Skeppetschen = Ellerngrund
  • Schaulen - Schaulwethen = Lichtenhöhe
  • Kermußartten - Kermuscheiten = Kermen
  • Kluickschen - Kluikswethen = Klugwettern
  • Schillegalley - Schillgallen = Fichtenende

Leider lassen sich einige Orte nicht einordnen.

Genauere Angaben findet man aus der Zeit der Schatullsiedlungen an der Schillup in den Jahren von 1678 bis 1745. Von den Forstbeamten wurden Berahmungskontrakte (Siedlungsurkunden) ausgestellt und vom Grundherrn in Berlin bestätigt. Es waren die Orte:

  • Laugallen - Martinsrode 1678,
        1742 wird der durch die Pest ausgelöschte Ort Walheden zugeordnet.
  • Skattegirren - Groschenweide 1682
  • Kaiserau 1686
  • Kühlen 1687
  • Ischdaggen - Großroden 1687
  • Groß Wingsnupöhnen - Grosswingen 1682
  • Sandlauken - Sandfelde 1745

In diesem Zusammenhang werden auch die Orte

  • Schillkojen - Auerfließ
  • Dummen - Ostwalde
  • Windgirren - Wittgirren - Berginswalde

erwähnt.

Es gab sie demnach schon vor 1682


Im Jahre 1802 werden auf der Karte von Schroetter alle nun noch fehlenden Orte mit den Namen, die sie bis 1934 führten, genannt.
Interessant ist die Schreibweise einiger Ortsnamen um 1880 in dem Buch "Litauischer Namensschatz" in litauisch und deutsch.

Nachfolgend einige Ortsnamen in der litauischen Schreibweise um 1880:

  • Dummai = Dummen
  • Gaidwieczei = Gaidwethen
  • Buduponai = Budupönen
    Graudzei, Argeninkai = Argeningken
  • Gygarai = Gigarren
  • Iszdagai, Brazei = Ischdagggen
  • Jurgaiczei = Jurgaitschen
  • Skategirei, Kategira = Skattegirren
  • Kaukwieczei = Kaukwethen
  • Kelmynai, Pilvelei = Kelmienen
  • Kersmuszaczei = Kermuscheiten
  • Klipszai, Redzei = Klippschen, Rödßen
  • Kliszwieczei = Klischwethen, Kluischwethen
  • Krauleidei = Krauleiden
  • Lypartai = Lieparten
  • Olininkai, Uolininkai, Aloninkai = Alloningken
  • Oszkiney = Oschkinnen
  • Pupay = Puppen
  • Skepeczei = Skeppetschen
  • Smiltlaukai = Sandlauken
  • Szaukszczey, Skardupenai = Skardupönen
  • Szilupiszkei = Schillupischken (Anwohner eines Heideflusses)
  • Szilkojey = Schillkojen
  • Taurutenai = Taurothenen
  • Talzenczei = Thalßenten
  • Turkei = Turken
  • Wingksznupenai = Wingsnupöhnen

Skattegirren : im Hintergrund der Hof von Hugo Auschill

Ein Bild der damaligen Landschaft, nämlich des Graudenwaldes, erhält man bei der Deutung der von den Prussen und Litauern verwendeten Orts- und Flussnamen:

Schillup ist übersetzt ein Heidefluss oder ein Bach, der durch einen Fichten- und Heidewald fließt.

An der Schillup liegen die Orte:

  • Schillkojen = Ort am Heidefluss
  • Groß Wingsnupönen = Anwohner am Flussbogen
  • Schillupischken = Anwohner eines Heideflusses
  • Schillgallen = Ort am Ende der Heide
  • Geidwethen = wethen deutet auf einen Ort mit einer bestimmten Vogelart
  • Skattegirren = bekam den Namen nach dem ersten Siedler Christoph Groschen
          Skatibus = Groschen; girren = Wald
  • Laugallen = Ort am Feldende

In der Nachbarschaft der Schillup lagen die Orte:

  • Ischdaggen = ein Ort, den die Teer- und Pechbrenner gerodet haben
  • Giggarn = ein Ort im Walde (prussisch: im Eichenwald)
  • Wittgirren = Windwald; ein windiger Ort
  • Wersmeningken = ein Ort an der Quelle
  • Wilkerischken = ein Ort nach den Wölfen benannt

Der 43. Ordensweg von 1384 durch den Graudenwald von Labiau nach Ragnit war 1945 auch der letzte Weg der Bewohner zwischen Ossat, Schillup und Budup, allerdings in umgekehrter Richtung nach Skaisgirren und Königsberg. Von den genannten Orten gibt es heute - im Jahre 2000 - außer einzelnen Gebäuden nur noch Jurgaitschen und Schillkojen, leider unter russischem Namen.

Autor: © 1998 Botho Eckert, Bad Salzuflen, geboren in Skattegirren
Bilder: Botho Eckert

Verzeichnis Groschenweide(Anfang)
Fortsetzung ( Die Dorfgeschichte von Skattegirren)


© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 01.12.2001

www.tilsit-ragnit.de
letzte Änderung dieser Seite : Montag, 13. Dezember 2010