Zwischen Ossat, Schillup und Budup:
Von der Urwildnis über Skattegirren zur Kultursteppe

Große Farn- und Siegelbaumwälder standen in der Karbonzeit auch im Gebiet des Kirchspiels Jurgaitschen. Die erst in den letzten Jahren gefundenen Ölfelder bei Heinrichswalde/Sandlauken bezeugen das. Auch in einer späteren Erdepoche, der Kreidezeit waren es die baltischen Bernsteinwälder (Fichtenwälder), die besonders Palmnicken zum Fundort des Goldes des Nordens, dem Bernstein werden ließen. Als sich nach der Eiszeit in anderen südlichen Gebieten der Erde schon höhere Kulturen entwickelt hatten und das Mammut bereits ausgestorben war, lebte es noch in der kälteren Region an der Memel. In dieser Zeit tauchten auch die ersten Menschen auf. Bei Heydekrug stieß man auf Mammutknochen, die Bearbeitungsspuren aufwiesen. Im Gebiet zwischen Ossat, Schillup und Budup hatte sich der Graudenwald entwickelt, ein Wald in einem sumpfigen, feuchten Gelände, dem Grundmoränengebiet. Erste Ansiedlungen begannen in der Steinzeit. Es kamen urfinnische Jäger, baltische Waldbauern und Menschen aus Illyrien. Durch die Verschmelzung dieser Volksstämme entwickelte sich der baltische Stamm der Urprussen. Auch Goten und Wickinger beeinflußten die Entwicklung. Doch das friedliche Jäger-, Fischer- und Bauernvolk der Prussen blieb erhalten. Der damals herrschende Prussenkönig Vidinitis – Waidenutus – hatte zwölf Söhne, an die er sein Land vererbte. So erhielten u.a. Litho Litauen (Litawen) das Gebiet östlich der Kuren, Scalto Schalauen das Land an der Memel und Nadro (Nadrauen) das Land am Pregel bis zur Ossa.

Die Schalauer lebten an den Ufern der Memel. Ragnit war ihr Hauptsitz. Es befanden sich auch Wohnsitze in der Wildnis. Hier waren es in erster Linie die Jäger, Fischer und Beutner (Imker). Waldbauern gab es nur bei Ragnit. Die erzeugten Nahrungsmittel reichten für einen Bevölkerungszuwachs nicht aus. Deshalb war es Brauch, daß nur ein Sohn oder eine Tochter heiraten durfte. Weitere Söhne waren zur Arbeit oder zu Schutzdiensten verpflichtet, während die weiteren Töchter der Wildnis übergeben wurden. Eine Änderung trat unter den Goten, und verstärkt in der Zeit des Ritterordens ein. Es entwickelten sich bessere Wirtschaftsmethoden, so daß die Bevölkerungszahlen anstiegen. Die Schalauer erlernten aber auch das Kriegshandwerk, denn sie mußten sich gegen die Polen, die Litauer und den Ritterorden zur Wehr setzen. Von den Goten wurden sie als Aestier - die Achtbaren - bezeichnet. Es waren Menschen mit guten Sitten. Beim Eindringen des Ordens gab es mit den Schalauern keine großen Kämpfe, weil sie den neuen Glauben annahmen. Pest und Einfälle der Litauer minderten jedoch die Bevölkerungszahl beträchtlich. Unter dem Orden wurden sie mit der Zeit eingebürgert, und viele behielten Haus und Hof. Zur Grenzsicherung in der Wildnis wurde eine größere Anzahl freier Bauern (Witinge) angesiedelt. Sie waren gute Reiter und Kundschafter in der Wildnis. Kundschafter ohne Pferde waren die Struter. Sie zeigten dem Orden, allerdings auch den Litauern, Wege durch die Wildnis. Verlassene Wohnplätze (Lichtungen) dienten dem Orden als Rast- und Futterplätze. Vom Wildpferd "Tarpan" war ursprünglich nur das wohlschmeckende Fleisch begehrt. Eine Abstammung, die Schwaiken, entwickelten sich zu den schnellen und zähen Reitpferden der Prussen. Nach 1700 entstanden daraus durch Einzüchtungen mit arabischen und englischen Pferden die bekannten ostpreußischen Trakehner. Leider existieren aus der Zeit vor dem Ritterorden keine Aufzeichnungen, denn Schreiben und Lesen war den Prussen unbekannt. So ist auch schwer zu sagen, wann und wo es erste Ansiedlungen gab.


Von der Wildnis
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In der Blütezeit des Ordens kamen viele deutsche Siedler ins Land. In der Wildnis zwischen Pregel und Memel ging diese Ansiedlung nur langsam voran. Wann entlang des 43. Ordensweges durch die Wildnis von Labiau nach Ragnit die ersten Siedlungen, auch im Kirchspiel, entstanden, ist nicht bekannt. Vermutlich handelte es sich um amtsbäuerliche Ansiedlungen in der kurfürstlichen Zeit. Nachweise darüber fand ich erst aus der Zeit der Schatull-Siedlungen. In dieser Zeit entstanden auch im Kirchspiel einige Schatullbauern- und Schatullköllmer-Dörfer. Diese Ansiedlungsformen unterstanden der Forstverwaltung und somit direkt dem Fürsten. Die Einnahmen füllten die Schatulle, also die Kasse des Fürsten. Der ansässige Adel verlor dadurch deutlich an Macht. Die Deutschen stellten den Hauptanteil der Siedler dar, während die Wirtschafter, die sogenannten "Wirthe" zumeist Litauer bzw. Prussen waren. Zu dieser Zeit verließen litauische Bauern ihr Land, weil sie in Preußen freier als unter dem eigenen Adel leben konnten. Viele Ortsnamen haben daher einen litauischen bzw. prussischen Ursprung, wie etwa Skattegirren, Gigarn oder Schillupischken. Berichtet wird von einem häufigen Wechsel der Siedler - ein Zeichen für die schweren Jahre während der Urbarmachung der Wildnis.

Obwohl die Leibeigenschaft noch lange Zeit weiter bestand, lebten die Menschen schon fortschrittlicher als zur Zeit der alten Prussen. Leider traten immer wieder Rückschläge ein wie die große Pest von 1708 bis 1710.

Ein plastisches Bild der unsäglichen Leiden Litauens entwirft ein amtlicher Bericht vom August 1710. Dort heißt es: "In den Ämtern Tilsit, Ragnit, Insterburg, Labiau sterben noch wöchentlich 600 Personen; obgleich solches Sterben nun an einigen Orten schon viele Monate angehalten hat, ist dennoch keine Abnahme zu verspüren, sondern selbiges erweitert sich so sehr, dass allem Absehen nach das Land schon einen bedeutenden Anteil seiner Bewohner verloren hat. Die übrigen aber sind dergleichen Gefahr exponiret, dass ihre Konservation fast unmöglich scheint und sie in kurzem auch dahinsterben werden, da nach menschlicher Absicht kein Mittel zu sein scheint, sie zu schützen. Auch steht zu befürchten, dass wegen der übergrossen Menge der verstorbenen Körper, weil selbige fast unmöglich tief genug begraben werden können, bei der anhaltenden starken Hitze die Luft selbst wird inficiert werden, wofern nicht der höchste Gott selbst auf eine miraculeuse Art nach seiner Allmacht diesem landverderbenden Übel Ziel und Mass setzt; auch nach der Chirurgen Aussage ist in den vorigen Kontagionen das Gift bei weitem nicht so penetrant gewesen, wie jetzt. Daher denn auch die meisten bald nach der Erkrankung gestorben sein."

In ähnlichen Worten hält sich der Bericht, welchen der Amtsverweser von Ragnit unterm 1. September 1710 der Regierung unterbreitet. Darnach gab es im dortigen Amte kein Dorf, ja kein Haus mehr, das von der Kontagion befreit geblieben zu sein sich rühmen durfte. Der Jammer und das Elend seien mit keiner Feder zu beschreiben. Viele Ortschaften wären total ausgestorben, andere würden nur noch von Weibern und unerzogenen Kindern bewohnt.
"Die Felder stehen voller Getreide da, welches aus Mangel der Arbeiter und Hirten von dem Vieh jämmerlich zernichtet und zertreten wird. Die besten Kölmischen Güter liegen wüste, weil die Eigentümer zum Teil selbst ausgestorben, durchgehends aber all ihr Gesinde verloren haben, auch niemand für Geld zu bekommen ist, und es das Ansehen hat, als wenn Gott keinen überbleiben lassen wollte. Man rechnet in diesem Amte allein die Verstorbenen an 26 000, im Insterburgischen aber über 60 000. Wenn man einen generalen Überschlag machen wollte, so würde im ganzen Lande zum wenigsten die Zahl von 200 000 herauskommen."

Unter dem damaligen Soldatenkönig entstand wohl die größte Neubesiedlung im Land an der Memel. Nach der Pest kamen Kolonisten aus der Pfalz, aus Magdeburg, Nassau, Halberstadt, der Schweiz, Litauen, und wohl die größte Gruppe aus dem Salzburger Land. Die Salzburger waren größtenteils sehr tüchtige Bauern. Die Beurteilung eines preußischen Beamten über Nahrung und Vermögen in Skattegirren lautete: Außer Ackerbau und Viehzucht treiben dieselben kein Nebengewerbe, ihre Vermögensstände sind gut. Das Land erfuhr einen großen wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung. Auch die vorübergehenden Einfälle der Russen, sowie der Franzosen konnten den weitergehenden Fortschritt nicht aufhalten. Reformen, Schulen, neue Wirtschaftsmethoden, Beginn der Technisierung, sowie der Neubau von Wirtschaftsgebäuden aber auch von Straßen und Eisenbahnen brachten eine stete Weiterentwicklung. Mit den Kirchorten entstanden Mittelpunkte mit vielen Betrieben, wie Mühlen, Schmieden, Tischlereien, Molkereien etc. Skattegirren gehörte ursprünglich zum Kirchspiel Schillen, kam dann zum Kirchspiel Jurgaitschen/Königskirch. Mit der Gründung von Genossenschaften und Zweckverbänden, sowie dem Ausbau von Straßen eröffneten sich bessere Handelsmöglichkeiten. Das Land entwickelte sich zu einer fruchtbaren Kornkammer. Auch die Bauern und die übrige Bevölkerung an der Schillup gelangten nun zu Wohlstand. Im Kirchspiel Jurgaitschen gab es 8 Güter mit über 100 bis zu 200 ha Größe.


Doch am 19. Januar 1945 kam das furchtbare Ende. Als Folge des Krieges wurden alle Bewohner von der Schillup vertrieben. Aus der Gemeinde Skattegirren/ Groschenweide wurde Otradnoe, ein russischer Ort. An der Schillup gibt es heute keine Dörfer mehr. Nur einige Wege und verwilderte Friedhöfe zeugen noch von vom Leben der Menschen, die hier mit dem Boden und der Landschaft verwurzelt waren. Die Wildnis - nicht die Urwildnis - hat sich in über 50 Jahren ausgebreitet.


Aotor: © 1998 Botho Eckert, Bad Salzuflen, geboren in Skattegirren
Skizze: Botho Eckert

Verzeichnis Groschenweide(Anfang)
Fortsetzung ( Erste Ansiedlungen in der Urwildnis)


© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 01.12.2001

www.tilsit-ragnit.de
letzte Änderung dieser Seite : Montag, 13. Dezember 2010