Aus schlimmer Zeit
Abschied von Skattegirren/Groschenweide 1944/45 im
Kreis Tilsit-Ragnit
Von Botho Eckert

Die Situation im Herbst 1944

Ab Herbst 1944 wurden in den Kreisen an der Memel große Viehherden fortgetrieben und die Bewohner evakuiert, so daß auch ich meinen Geburtsort Skattegirren/Groschenweide zusammen mit den Eltern, Geschwistern und unseren Deputatfamilien Ruddat und Spikowsky am 3. November verlassen mußte.

Am 15. Januar 1682 hatte der Landmesser Christoph Groschen den Berahmungskontrakt (Siedlungsvertrag) erhalten und aus der Urwildnis den Ort entstehen lassen. 1732 kamen Salzburger Siedler ins Land, unter ihnen auch meine Vorfahren. 1848 heiratete mein Urgroßvater Wilhelm Eckert in den Hof der Salzburger Familie Johann Leypacher in Skattegirren ein. Dieser hatte den Hof 1783 gekauft.

Im Actum von 1783 wurden die Salzburger im Ort als gute Wirtschafter beurteilt.

Nach einem letzten Blick auf mein Geburtshaus an diesem Morgen des 3. November 1944 sah ich den Hof nie wieder. 47 Jahre später fand ich an dieser Stelle nur noch einen Schutthaufen.

Verteilt auf drei von Trakehner Pferden gezogenen überdachten Leiterwagen fuhren wir im langen Treck über Kreuzingen und Tapiau bis nach Bludau im Aufnahmekreis Braunberg. Wir hatten u.a. Hafer für die Pferde und in einer ca. 250 Jahre alten Salzburger Truhe ein noch eilig geschlachtetes und eingesalzenes Schwein verstaut. Eine freundliche Aufnahme fanden wir für die nächsten Wochen auf dem Hof der Familie Freund in Bludau. Erinnern kann ich mich gut an das Schlittschuhlaufen auf dem kleinen Dorfteich mit meinen neuen Schlittschuhen.

Montag, der 22. Januar 1945 in Braunberg

Wie auch bereits seit Ende November, fuhren wir, meine Schwester und ich an diesem Montag mit dem planmäßigen Zug von Bludau bzw. vom Bahnhof Kurau nach Braunberg zur Schule. Erst bei der Ankunft in der Hermann-von-Salza-Schule erfuhr ich, daß der Unterricht ausfiel. Aus unserer Pension holten wir noch einige unserer Sachen und gingen gegen Mittag wieder zum Bahnhof. Doch kein Zug nahm uns mit. Erst in den späten Abendstunden konnten meine Schwester und ich in einen Zug einsteigen. Neben unserem Nachbarn aus Groschenweide, Max Redetzky, der ebenfalls nach Braunberg gefahren war, fanden wir noch Sitzplätze. Für die drei Stationen bis Kurau brauchte der Zug bis zur Mittagszeit des nächsten Tages.

Erst Jahre später erfuhr ich, daß am 23/24. Januar die Russen einen allerdings mißlungenen Vorstoß von Mühlhausen, dem eigentlichen Ziel des Zuges, nach Braunberg unternommen hatten. Ob der Zug noch nach Mühlhausen bzw. Elbing durchkam, nach Braunberg zurückfuhr oder ins Kampfgebiet geriet, konnte ich nicht in Erfahrung bringen.

Dienstag den 23. Januar 1945 in Bludau

Auf dem Bahnhof Kurau hatte der Nachbar Redetzky seinen Pferdeschlitten stehen und nahm auch uns nach Bludau mit. Dieser kalte und sonnige Wintertag ist für mich mit der Fahrt durch den verschneiten Fichtenwald und dem Glockengeläut der trabenden Pferde als wunderschöne Schlittenfahrt in Erinnerung geblieben.

Nachbar Redetzky kam drei Monate später in Sibirien ums Leben und seine Frau im März in Mehrungen ebenfalls.

An diesem Tag war unsere Mutter mit Pferd und Schlitten vergeblich nach Braunberg gefahren. Noch am Nachmittag kam mein Vater von seinem Arbeitseinsatz in Groschenweide mit dem Schlitten nach Bludau zurück. Der Molkereibesitzer Kurt Streit aus Fichtenfließ, der Schweizer Staatsbürger war, hatte meinen Vater am 17. Januar in Groschenweide angerufen und ihn vor den aus Schillen anrückenden Russen gewarnt.

Mittwoch, den 24. Januar 1945 in Bludau und Vierzehnhuben

Zu früher Morgenstunde warnte uns Nachbar Redetzky vor den anrückenden Russen. Starkes MG-Feuer konnte man bereits hören. Mit neun Personen auf zwei Schlitten fuhren wir in großer Eile im langen Treck in Richtung Frauenburg, wobei wir lediglich bis über die Autobahn Königsberg/Elbing nach Vierzehnhuben gelangten. Wir steckten bereits seit diesem Tag im Kessel Heilsberger Dreieck fest. Mein Vater entschied sich, mit den Wagen weiterzufahren und fuhr mit meiner Mutter zurück nach Bludau. Gegen Mittag rief er uns an - das Telefon funktionierte noch - und sagte, daß wir mit dem Schlitten ebenfalls umkehren sollten, was wir Kinder zusammen mit Frau Ruddat umgehend taten. An der Autobahn kamen uns die Eltern entgegen und waren froh, daß der Spähwagen der Russen verschwunden war. Die russischen Panzerfahrer hatten die zurückgebliebenen Deutschen aufgefordert, ruhig in den Häusern zu bleiben. Schnellstens wurde nun umgeladen und gegen Mitternacht die Pferde angespannt. In warme Pelzdecken eingehüllt, verließen wir alle bei minus 20/25°C Bludau.

Unser Melker Spikowsky hatte sich entschlossen, in Bludau zurückzubleiben und die Russen mit Brot und Milch zu empfangen. Nach seiner Rückwanderung nach Groscheneide sollte der bereits Siebzigjährige einem russischen Offizier ein Pferd satteln. Weil es diesem zu langsam ging, verlor er die Geduld und peitschte den alten Mann zu Tode.

Das Dorf Bludau sowie der Treck im Nachbarort Vierzehnhuben gerieten am nächsten Tag in die Hände der Russen. Auch mein Volksschullehrer Scharfetter war mit seiner Familie im Treck Er als Soldat setzte sich ab und flüchtete rechtzeitig zu Fuß, während seine Familie im Treck zurückblieb. Als kriegsgefangene Russen Frau Scharfetter behilflich sein wollten, wurden diese von den russischen Soldaten kurzerhand erschossen. Auch Frau Scharfetter wanderte mit ihren Kindern und den anderen Groschenweidern wieder zurück nach Groschenweide und mußte dort für die russischen Stabsoffiziere kochen. Oft kamen hungrige deutsche Kinder zu ihr, denen sie, wenn möglich, etwas Eßbares zusteckte.

Im Jahr 1946 flüchtete sie vor einem zudringlichen russischen Offizier und zog nach Schillen. Sie und ihre Kinder zusammen mit anderen zurückgekehrten Dorfbewohnern wurden 1948 in den Westen ausgewiesen.


Donnerstag, den 25. Januar 1945 Ankunft in Heiligenbeil

Meine Eltern, wir drei Kinder und Frau Ruddat mit ihren drei Kindern fuhren auf zwei Leiterwagen von Bludau auf der leeren Autobahn in Richtung Königsberg über Braunberg nach Heiligenbeil. Unterwegs erblickten uns deutsche Landser. Sie waren völlig überrascht über die einsamen Pferdewagen auf der Autobahn, da sie jederzeit mit dem Auftauchen der ersten russischen Panzer rechneten. Wir erreichten unbeschadet Heiligenbeil und bekamen Quartier in einem Massenlager. Mein Vater allerdings blieb besonders nachts bei den Wagen und den Pferden, die er so gut es ging, mit Decken vor der nächtlichen Kälte schützte.

Freitag, den 26. Januar 1945 - Ruhetag in Heiligenbeil

Pioniere bauten über einer Fahrrinne im Eis des Haffes, die zur Rettung von Kriegsschiffen aus Elbing diente, eine Notbrücke. Mein Vater wollte so schnell wie möglich weiter und verfolgte gespannt die Fertigstellung der Brücke.

Samstag, den 27. Januar 1945 auf dem Frischen Haff

In der Morgenstunde fuhren wir zum Haff, wo wir an einer Kontrollstelle anhalten mußten. Von einem verständnisvollen Oberst erhielt mein Vater ein Schriftstück folgenden Wortlautes "...er meldet sich nach Sicherstellung der Familie beim nächsten Wehrersatzamt", das er kurz vor Kriegsende in Niedersachsen abgab. Mein damals 15jähriger Bruder hatte sich derweil vor dem Volkssturm unter Decken im Wagen versteckt. Bei klarem Wetter gelangten wir trotz vorhandener Bombenlöcher und eingebrochener Wagen ohne Beschuß bzw. Fliegerbomben sicher über das stark zugefrorene Haff. Unsere Pferde hatten zwar in den Hufeisen scharfe Stollen, benötigten jedoch bei der Nehrungsauffahrt bei Strandbucht ihre letzten Kräfte. Quartiere gab es in dieser Nacht nicht.

Samstag, den 28. Januar 1945 auf der Frischen Nehrung

Ohne Pause zog der endlose Treck auf dem sandigen Nehrungsweg in Richtung Danzig. Trotz des Verbotes anzuhalten, stoppte mein Vater und versorgte die Pferde. Für die drei Trakehner Stuten und einen in Bludau für eine hochtragende Stute eingetauschten Wallach hatte mein Vater alles Notwenige zur Versorgung der Tiere mitgenommen. Als Meldereiter im Ersten Weltkrieg wußte er, was man zum Überleben benötigte.

Das ersehnte Quartier am Abend erwies sich als das Konzentrationslager Stutthof in Westpreußen. Von dort brach mein Vater am nächsten Morgen sehr früh auf. Zuvor hatten „Braunhemden" einem größeren Trupp russischer Gefangener die Übernachtung verweigert, was die begleitenden Soldaten sehr verärgerte.

Die Flucht ab dem 29. Januar 1945 durch Westpreußen und Pommern

Mit dem Erreichen Danzigs hatten wir, wie wir glaubten, den schlimmsten Teil der Flucht gut überstanden. Wir passierten die unzerstörte Innenstadt von Danzig und legten eine Pause in Oliva in Domnähe ein. Die Pferde, aber auch wir benötigten dringend eine ausgedehntere Ruhepause und eine Gelegenheit, uns und unsere Kleidung zu reinigen. Hier entschied sich Frau Ruddat mit ihren Kindern per Zug zu ihrer Schwester nach Zwickau weiterzufahren.

Vor Dresden blieb ihr Zug während des Bombenangriffs am 13/14.2. auf der Strecke stehen und Ruddats erblickten auf dem Weitermarsch die großen Leichenberge in der Stadt. Nach einer kurzen Erholungspause bei der Schwester in Zwickau zog die Familie unter großen Strapazen durch Böhmen und gelangte am 8.12.1945 unversehrt nach Bayern.

Wir fuhren am 1. März von Danzig im langen Treck weiter und kamen über Lauenburg, Stolp, Köslin, Gollnow auf der Berliner Autobahn zur Oderbrücke. Während des Bombenangriffs auf Stettin am 20/21.3. kam die Anordnung, auf der Brücke anzuhalten und alle Laternen zu löschen. Deutlich hörten wir auch den Geschützdonner der vordringenden Russen von Küstrin auf Köslin. Nur wenige Tage vor dem Danziger Kessel am 24.2. waren wir unversehrt über die Oder gelangt, fühlten uns nun sicherer und konnten endlich längere Erholungspausen einlegen, die wir zur Säuberung und notwendig gewordenen Entlausung nutzten. Wir kamen u.a. am 25.2. nach Röbel am Müritzsee sowie am 8.3. nach Oldenstedt-Neumühlen vor Ülzen, wo wir in einem Mühlenbetrieb Unterkunft fanden. Noch am Ankunftstag brachte unsere Trakehnerstute Elfe ein totes Fohlen zur Welt. Glück oder Unglück? Wir behielten unsere wertvolle Fluchthilfe, unser treues Pferd! Auch Papas 51. Geburtstag konnten wir durch die Hilfe der verständnisvollen Wirtsleute mit Streuselkuchen und Bohnenkaffee begehen.

Nach Überquerung der Oder war der Treck behördlich wieder gut organisiert: Wir erhielten Verpflegungs- und Pferdefutterzuteilungen. Auch von Danzig bis zur Oder versorgten uns die verbliebenen Dorfbewohner gut; lediglich in einem Dorf in Pommern fanden wir abends alle Pumpen und Haustüren verschlossen.

Das Fluchtende in Niedersachsen am 15. März 1945

Wir fuhren weiter durch Amelingshausen, Bispingen, Neuenkirchen, Scheeßel und erreichten am 15.3. Eisdorf, Kreis Bremervörde. Am Ortsende sprach uns der Ortsbauernführer Fitschen aus Osenhorst an und empfahl uns ein Quartier auf seinem Hof. Auf ein weiteres Angebot am nächsten Morgen, ein dauerhaften Quartier auf dem 40 ha großen Hof seines Bruders, der sich noch an der Front befand, zu bekommen und im Betrieb mitzuarbeiten, ging mein Vater sofort ein. In den nächsten Tagen fuhren wir zum Hof Fitschen auf dem Bahnhof Eisdorf. Uns wurde das große Wohnzimmer für unsere fünfköpfige Familie zur Verfügung gestellt. In der Küche konnten wir unsere Mahlzeiten zubereiten. Unser Vater konnte nun wieder als Bauer wirtschaften, wenn auch nicht auf seinem eigenen Hof. Wir litten jedenfalls keine Not. Auch die Pferde standen wieder in einem warmen Stall.


Hier bin ich - Botho Eckert - am Samstag, den 18.Juni 1932 gegen 15.00 Uhr geboren

Die Fluchtstrapazen hatten hier ein Ende gefunden.

Wohl behütet bei den Eltern hatte ich mit 12 Jahren während der langen Fluchtzeit keine Angst verspürt - auch die Schule vermißte ich damals nicht.

Heute nach 68 Jahren danke ich Gott für seinen Schutz und erinnere mich dankbar an die Hilfen meiner Eltern, der Eisenbahner, Landser und Helfer in den Fluchtorten. Wesentlich beigetragen zu unserer Rettung haben unsere treuen Pferde, der starke Frost (Fahrt über das Haff) und die bis zum letzten Tag vor der endgültigen Flucht noch funktionierende Technik des Telefons und der alten Dampfeisenbahn, die noch das Heizen der Abteile ermöglichte. Nicht vergessen will ich den verständnisvollen Oberst am Frischen Haff - ohne meinen Vater hätte die Flucht sicherlich einen anderen Verlauf genommen.

Beim Rückblick auf diese Zeit erinnere ich mich auch an meinen Banknachbarn in der Volksschule Martinsrode, Herbert Kichert, der von den Russen als 14jähriger 1945 erschossen wurde. Zwei seiner älteren Geschwister starben als 16- und 17jährige in Sibirien. Die jüngste 10jährige Schwester und ihre Mutter starben qualvoll auf ihrem Hof in Groschenweide infolge der Mißhandlungen durch russische Soldaten. Der Vater war bereits vor der Flucht 1944/45 verstorben.

Quelle:Meine Kirchspielgeschichte von Jurgaitschen/Königskirch im Kreis Tilsit/ Ragnit(Ostpreußen)

Autor : © 2013 Botho Eckert
Quelle : "Memel-Jahrbuch" für das Jahr 2014 Seite 63 – Selbstverlag Manfred Malien
24211 Preetz

Aus schlimmer Zeit
Groschenweide



© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 20.11.2013
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letzte Änderung dieser Seite : Mittwoch, 20. November 2013