Festliche Unterschrift der Partnerschaft zwischen Lütjenburg und Uljanowo
am 15. Oktober 2004

Sieben waren wir, die nach Osten zogen - geführt von der Bürgermeisterin Silke Lorenz, dem Bürgervorsteher und Vorsitzenden der Kommission für Breitenstein Volker Zillmann, seinem langjährigen Vorgänger Harald Brandt, den Damen Gisela Lauruschkat und Gertrud Mauruschat, Hartmut Preuss, ohne dessen unermüdlichen Einsatz bei den beschwerlichen Vorbereitungen und den wichtigen Kontakten vor Ort der Erfolg dieser Reise wahrlich in Frage gestellt gewesen wäre. Herzlichen Dank, Lob und Anerkennung für seine umfassende Unterstützung.

Den ersten Alarm löste beim Einchecken am Hamburger Flughafen die schwere silberne Amtskette der Lütjenburger Bürgermeister aus. Ein ausländischer Wachmann schätzte diese als Karnevalsorden ein, wir haben uns amüsiert. Aber gerade diese Kette verlieh der feierlichen Amtshandlung in Uljanowo Würde und Glanz und betonte die Ernsthaftigkeit und Gewichtigkeit dieses Tages.

Erste Station in Tilsit war die erst im Mai 2004 feierlich eingeweihte Begegnungsstätte "Altes Tilsit", eine Initiative von Hartmut Preuss und Viktor Albert, um Raum für Gottesdienste, Sprachkurse, Begegnungen anbieten zu können. Die zentrale Lage beim Tilsiter Hauptzollamt begünstigt die zukünftige partnerschaftliche Arbeit sehr, der wir kontinuierlich Erfolge wünschen. In wirklich beengten Räumlichkeiten schlüpfte Silke Lorenz in ihre Amtskleidung für den ersten Besuch bei dem stellvertretenden Landrat von Neman/Ragnit, W. Klenewskij. Statt einer knappen Viertelstunde führten wir fast zwei Stunden ein entspanntes ausführliches Gespräch mit ihm, bei dem der Austausch von zahlreichen Informationen die Teestunde lebhaft ausfüllte.

Außerdem erfuhren wir, daß der stellvertretende Landrat, Herr Klenewskij, bei umfangreichen Familienforschungen mit Stolz eine deutsche Linie in Berlin und eine französische entdeckt hat. In den Kriegswirren geboren, verbrachte er seine Kindheit in Armenien, überlebte dank einer armenischen Amme. Sein Ziehbruder war Rafael Frangulan, beide verschlug es nach Ragnit. Von Rafael erfuhren wir, daß es jetzt in Breitenstein/Uljanowo eine Sonntagsschule für armenische Kinder gibt, von etwa 25 Kindern besucht, um mit ihrer Sprache und Kultur vertrauter zu werden. Diese Gruppe steht an vierter Stelle der Minderheiten. Die deutsche Volksgruppe der sogenannten Wolgadeutschen steht jetzt an etwa sechster Stelle. Außerdem wird mittwochs eine ebenfalls 25 Mitglieder umfassende litauische Jugendgruppe betreut. Der Deutschunterricht im Sinne eines "Volkshochschulkurses" wird wohl wieder im kommenden Winter stattfinden, in diesem fiel er aus. Vielleicht mangels Beteiligung?

Leider fand die gute Gesprächsrunde anläßlich des Festtages mit dem stellvertretenden Landrat am folgenden Tage keine Fortsetzung, er mußte aus Termingründen kurzfristig absagen, ebenso Dr. Cornelius Sommer und Propst Heye Osterwald. Letztere konnten wir dann in Königsberg zwei Tage später sprechen.

Nach kurzem Zwischenstopp und Begrüßung von Juri Userzow in Uljanowo erreichten wir nach Einbruch der Dunkelheit unser Hotel in Insterburg und tauschten unsere Eindrücke dieses ersten Tages in Ostpreußen aus.

Am nächsten Morgen besuchten wir zuerst das Gestüt in Georgenburg. Es folgte eine kurze zweite Unterbrechung am Grabmal des großen Deutschen, des großen Russen, beide Nationen sind gleichermaßen stolz auf diesen General Michail Bogdanowitsch Barclay de Tolley.

Danach galt es zu eilen, um pünktlich um 10 Uhr den Festtag in Uljanowo zu beginnen. Das Programm sah, wie folgt, aus: Um 10 Uhr wurden wir vor dem Eingangsportal der Schule von drei Schülerinnen in festlicher roter Landestracht und den bestickten Prachthauben empfangen und mit Brot und Salz und Wodka durch den Bürgermeister Wlademir Lebedowski, Juri Userzow und den Honorablen des Ortes in deutschen Versen sehr freundlich begrüßt.

Juri Userzow ist mit Recht sehr stolz auf den Vortrag seiner Schülerinnen, unter ihnen auch Sinaida Luchamna, Olga Egorowa und Alexanj Anait, die im September 2003 Gäste in Lütjenburg waren. Es folgt der Besuch des Museums für ostpreußische Geschichte und die Neubesiedlung nach den Kriegswirren im Gebiet. Unsere Lütjenburger Erstbesucher zeigten sich von der Fülle des Materials beeindruckt, die Freude über die gutplacierte Stadtfahne von Lütjenburg ist groß.

Nach der ausgiebigen Besichtigung folgt ein Rundgang im Schulgarten, dem der Sommer natürlich besser gepaßt hätte, um sich blütenreich zu zeigen. Diesen Gang nutzen Gisela Lauruschkat und Gertrud Mauruschat zusammen mit Sinai Woitschek und Frau Gulajewa aus Ragnit - Vorsitzende der Deutsch-Russischen Gesellschaft in Ragnit, um aus dem Wagen die gespendeten mitgebrachten Kindersachen, jeweils in Leinenbeutel abgepackt so viel wie ins Fluggepäck ging, in die Sozialstation des Ortes zu bringen, d.h. in die ehemalige Schule Breitenstein. Tanja, die Leiterin, war nicht da, aber ihre Kollegin Galina, die sich sehr freute, besonders die Hilfe für bedürftige junge Familien sei sehr willkommen.

Nach diesem Ausflug zogen wir in die Schulkantine, um dort ein reichhaltiges zweites Frühstück, "Kleinmittag" sagte man auf den ostpreußischen Höfen, einzunehmen. Ganz beeindruckt erzählten die Bürgermeisterin, Herr Brandt und Volker Zillmann von dem Rundgang durch die Schule über den Computerraum, in dem 12 intakte Geräte für den Unterricht bereitstehen. Da die gesamte Schülerzahl zur Zeit bei etwa 150 Schülern liegt, die Schule elfklassig läuft, liegt die Klassenquote recht niedrig, dies wirkt sich natürlich positiv auf die Unterrichtsintensität aus. Unsere Klassenstärken liegen weit höher.

Nach dem fröhlichen gesprächsreichen Zusammensein fuhren wir durchs Dorf, in dem doch zunehmend alte Häuser unbewohnt zerfallen, zum aus der Eiszeit stammenden „Breitenstein", auf dem nachweislich Größen der Geschichte getafelt oder in Siegerposition, auch Napoleon, gestanden haben sollen. Im vollen Bewußtsein dieser Weihen des Steines gab es ein munteres Gruppenbild. Auf der Fahrt dorthin entdeckte ich bzw. fand ich das Gerücht bestätigt, die riesige Anlage der Metschulat-Mühle war bis auf die nicht mehr erkennbaren Grundmauern abgetragen, mitten im Ort, bequem für den Abtransport der Steine an der Hauptstraße gelegen, doch es macht traurig, weil da doch Zeugnisse mit Wiedererkennungswert standen - vorbei -.


Am Kirchenportal legten wir dann nahe dem Holzkreuz an der Außenwand ein Gebinde im Gedenken an die Toten des nahen Friedhofs nieder und gingen zu Fuß die Hauptstraße Richtung Insterburg und Kraupischker Bahnhof weiter. Leider sahen wir eigentlich keine Bewohner, die vielleicht auf uns hätten zugehen können. Später erfuhr ich, daß die Bevölkerung, wie in alten starren Zeiten, sich streng daran hält, wenn wichtige und insbesonders ausländische Gäste kommen, sich still zurückzuziehen, bis diese wieder fort sind.

Danach gingen wir weiter zum russischen Friedhof, der von einer neuen, aus Findlingen aufgesetzten Mauer eingefaßt an der Straßenkrenzung Richtung Schulen und Insterburg liegt. Die mit Eisengittern umrahmten Grabstellen haben oft einen Grabstein mit dem Abbild des Verstorbenen, so auch Juris Vater, der einstige Bürgermeister von Uljanowo. Es gibt keinen markanten Punkt auf dem Friedhof, so lehnten wir den Kranz gegen einen Baum in etwa der Mitte der Anlage. Bürgermeister Wladimir Lebedowski und Sinai Woitscheck gedachten ebenfalls der Toten.

Unsere nächste Station war der "Neue Friedhof' mit dem Gedenkstein aus dem 1.Weltkrieg. Hier beeindruckte die Veränderung seit meinem letzten Besuch. Vor einem guten Jahr hat die Deutsche Kriegsgräberfürsorge die deutschen Soldatengräber geöffnet und auf den Insterburger Zentralfriedhof für die Opfer des letzten Weltkrieges umgebettet. Danach wurde die Friedhofsanlage von Bäumen und Sträuchern befreit, markante Grabeinfassungen belassen, so daß eine gepflegte Anlage, als Friedhof erkennbar, in schöner Schlichtheit entstanden ist. Juri Userzow bedankte sich bei der Deutschen Kriegsgräberfürsorge und der Genossenschaft Jantar und deren Leiter Andre Filanowitsch, der mit seinem schweren Gerät die Arbeiten unterstützte.

Diesem Dank schließe ich mich als Sprecherin der Breitensteiner ganz herzlich an. Es ist mein großer Wunsch, daß sich der Friedhof um die nun 450 Jahre alte Kirche ähnlich schlicht und letztlich pflegeleicht gestalten läßt. Die witterungsabhängige Pflege durch die Schulkinder unter Anleitung von Juri Userzow ist doch im Laufe der Jahre recht mühsam geworden, und die Besucher beklagen das Bild der nachwachsenden Büsche und Verkrautung. Vielleicht gelingt es ja in diesem Jahr als Partnerschaftsbeweis?

Genau gegenüber vom zweiten Friedhof befindet sich das Gelände der am erfolgreichsten arbeitenden landwirtschaftlichen Genossenschaft im Kreis, ja vielleicht sogar im gesamten Kaliningrader Gebiet, in der Andre Filanowitsch Chef der Jantar ist. Leider war er an diesem Tag in Königsberg. Seine Maschinenhallen für die Großgeräte von Claas - dem wichtigsten Landmaschinenhersteller- waren in vorbildlicher Ordnung, das Verwaltungsgebäude gehobenen Ansprüchen durchaus entsprechend, mit modernster Bürotechnik ausgestattet. Das Personal war freundlich und gab gern Auskünfte.

Dann drängte wieder die Zeit, und im Cafe in der "Kraupischker Schule" warteten auf festlich gedecktem Tisch vielfältigste Speisen in reichlich gefüllten Schüsseln für ein ausgiebiges Mittagessen. In diesem Raum war der Festakt geplant, an der Wand stand in deutsch das "Herzlich Willkommen". In einem winzigen Nebenraum wechselte die Bürgermeisterin wieder in ihre Amtstracht mit der gewichtigen Amtskette um den Hals. Während des Essens wurden fleißig Trinksprüche ausgetauscht und auf die neue Freundschaft angestoßen. Hier saßen auch weitere Dorfbewohner mit am Tisch So sorgte ein behender Mitarbeiter der Genossenschaft fleißig für das nicht abreißende Wohl von Volker Zillmann und mir. Leider konnten wir uns nur mit Händen verständigen, er war ein aufmerksamer Tischnachbar.

Gern hörten wir die Tilsiter Vokalgruppe "Cantabile", die leider nur als Duo auftreten konnte. Das Repertoire reichte vom Ostpreußenlied "Land der dunklen Wälder" bis hin zu japanischem Liedgut, jeweils in Originalsprache sehr ansprechend vorgetragen. Die in rot gehaltene Landestracht schmeichelte den jungen Frauen.

Es ist schon eine seltene Besonderheit, daß aus einer fruchtbaren, lebendigen 50jährigen Patenschaft ein nahtloser Übergang in eine Partnerschaft geschafft wird. Eine friedvolle, konstruktive Zusammenarbeit sollte wachsen, Brücken gebaut werden im Gedanken an Europa, in dem nun das Königsberger Gebiet mittendrin liegt, und der Schwerpunkt, die heranwachsende Jugend so geschickt wie möglich in die Selbstverständlichkeit dieser Zukunft einzubinden. Dann erfolgten die feierlichen Unterschriften.

Volker Zillmann hat eine Liste der Geschenke der Stadt Lütjenburg aufgestellt. Mir war es eine besondere Ehre, den urkundlichen Beweis der Erstnennung "cropiscins an der instrut by breitenstein" aus dem Jahre 1352 in der Originalfassung -einer Übersetzung ins Hochdeutsche, und eine russische Übertragung sowie die Kopie der Karte von Caspar Henneberger aus dem Jahre 1582 in Farbe dem Bürgermeister Lebedowski zu überreichen.

Außerdem brachte Victor Tschernyschow, "Königsberger Express", die signierte vergriffene Ausgabe des Professors Juri Kostjaschow mit. Die dreibändige Dokumentation über den Neubeginn der russischen Ansiedlung ab 1945. Die deutsche Ausgabe besorgte Dr. Eckhardt Matthes, die ebenfalls für das Museum übergeben werden konnte. Somit sind wichtige Geschichtsereignisse Breitenstein - Krau-pischken - Uljanowo sichtbar belegt. Ein stolzer Moment und Anlaß.

Ergänzen möchte ich noch, daß der Bauer Andrej Samolin seine Schwierigkeiten mit seiner 1500 ha großen Landwirtschaft mit 15 Mitarbeitern vortrug. 25 Jahre Berufserfahrung sprach er an und die Sorge um die Zukunft, insbesondere die Ausgrenzung des Marktes durch die EU-Erweiterung rund um das Gebiet. So freut es mich heute, daß ich Herrn Dr. Brümmel und seine Frau, die sich in der speziell um landwirtschaftliche Unterstützungsberatung "Rat und Tat" in Ostpreußen einbringen, ansprechen konnte, die sich bereits im Dezember letzten Jahres mit Herrn Samolin unterhalten haben, so daß in diesem Fall sehr schnell ein hoffentlich weiter positiver Kontakt aufgenommen wurde.

Am Sonnabend, dem 16.10., fuhren wir gleich nach dem Frühstück auf den Insterburger Zentralfriedhof für die weitere Umgebung und legten dort am deutschen und russischen Kreuz unsere Kränze nieder. Die Kränze, die wir an den Friedhöfen niederlegten, konnten dank einer Spende von Reinhard Kainer besorgt werden.


Die Blumensträuße, die wir Damen am Tag zuvor bekommen hatten, haben wir an Namen gelegt. So fand Silke Lorenz einen Lorenz, für mich ist es der einzige Bruder meiner Mutter, Hans-Heinrich Schlenther-Moulinen, dessen Name auf den vielen Bronzetafeln verzeichnet ist und der mit 30 Jahren an den Folgen einer schweren Verletzung in Rußland nach monatelangem Todeskampf am 7.11.1942 verstarb. Er wurde auf dem Mouliner Familienfriedhof beigesetzt.

n Königsberg besichtigten wir zunächst den Dom, dessen Wiederaufbau erstaunlich weit gekommen ist. Im Inneren steht schon das Gestühl, und die Leuchter sind kurz vor der Aufhängung. Die Dominsel insgesamt ist in einem guten, aufgeräumten Zustand, und die bunt gefärbten Bäume schmückten das Bild der ehrwürdigen Kirchenanlage.

Dann ging es auf den lebhaft befahrenen Straßen zur evangelischen Auferstehungskirche, wo uns Propst Heye Osterwald im Kirchenraum begrüßte und uns einen Überblick über den Aufbau der Gemeinden und die Arbeit, Sorgen und Pläne gab. Natürlich läßt sich diese kirchliche Arbeit jederzeit unterstützen!

Nach diesem Besuch drängte die Zeit sehr, aber 10 Minuten vor der verabredeten Zeit saßen wir um einen runden Tisch in einem exquisiten Restaurant und warteten auf den Generalkonsul, Dr. Cornelius Sommer, der uns unter großem Zeitdruck in einer knappen halben Stunde über seine erschwerten Arbeitsbedingungen informierte und unsere junge Partnerschaft würdigte mit dem Hinweis, den Schwerpunkt der Zukunftsarbeit auf die Jugend der jeweiligen Orte zu legen.

Mir war es wichtig, Dr. Sommer unsere Chroniken, Klaus-Dieter Metschulats, 50 Jahre Patenschaft und die russische Ausgabe unserer Geschichte, ihm weiterzugeben. Daß diese Zeugnisse im Generalkonsulat nun greifbar sind, ist gut. Nach dem intensiven Kurzaustausch drängte der Generalkonsul fort. Wir genossen die gute Küche des Restaurants.

Danach war die Weiterfahrt über die Nehrung nach Memel/Klaipeda angesagt. Bis auf einen kurzen Stopp am Ostseestrand fuhren wir zügig durch, um gegen 19 Uhr im Hotel anzukommen. Volker Zillmann und Hartmut Preuss zog es zum Denkmal des Ännchen von Tharau, wo ihr Lied gemeinsam gesungen wurde. In aller Frühe startete der Flieger, wohlbehalten landeten wir nach einem ruhigen Flug um 9 Uhr in Hamburg. Nun strebten alle schnell nach Hause.

Ich bedanke mich bei jedem von Ihnen für Ihren ganz persönlichen Einsatz in diesem Ehrenamt für Kraupischken / Breitenstein / Uljanowo.

Katharina Willemer
Kirchspielvertreterin von Kraupischken / Breitenstein


Quelle: Heimatrundbrief "Land an der Memel" Nr. 76/2005 Seite 95ff
Fotos: Gertrud Mauruschat (4x) - Sammlung Metschulat (1x)

Breitenstein heute: Uljanowo



© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am05.05.2005
www.tilsit-ragnit.de
letzte Änderung dieser Seite : Sonntag, 6. Februar 2011