Breitenstein heute: Uljanowo
In Juris Museum lebt Ostpreußens Geschichte
Schuldirektor aus Uljanowo freut sich über den Besuch von Heimweh-Touristen

Sie kommen jedes Jahr wieder, die Störche von Uljanowo, die in ihren Nestern auf der Kirchenruine des kleinen Dorfes im Kaliningrader Gebiet ihre Jungen großziehen. Doch nicht die vielen Adebare sind die Attraktion des Ortes, sondern das Heimatmuseum in der Schule. "Es ist das erste und einzige Ostpreußen-Museum auf russischem Gebiet", sagt Juri Userzow. Er hat das Museum aufgebaut und leitet es ehrenamtlich.

Juri steckt den Schlüssel ins Türschloß, schließt das Museum auf und sagt "Herzlich willkommen". Heimweh-Touristen, die sich in ihrer einstigen deutschen Heimat auf Spurensuche einer längst vergangenen Kindheit begeben, wird das Herz weit. In vier Räumen ist vereint, was an ostpreußisches Leben zwischen Königsberg und Insterburg, Tilsit und Gumbinnen, Trakehnen und Tollmingkehmen erinnert.

Juri präsentiert bäuerliche Gerätschaften, original bedruckte Tilsiter Servietten, ostpreußischen Bärenfang-Schnaps, Rezepte, alte Postkarten, Briefe, unzählige Fotos. Und massenweise Ordner. Penibel genau abgeheftet sind Erinnerungen von Ostpreußen, die ihre Heimat beschreiben, als noch Friede war, und ihre Erlebnisse schildern aus der Zeit von Krieg, Zerstörung, Flucht und Vertreibung. Juri sammelt dies alles. Seit 1981. Seine allerersten Museumsstücke waren Anschauungsmaterialien für den Schulunterricht. Für seine russischen Schüler, die nicht wußten, daß ihr kleines Dorf einst Breitenstein hieß und in seinen Häusern bis zum Kriegsende Deutsche wohnten, deutsche Mädchen und Jungen die Schule besuchten und in der Kirche nebenan getauft, deutsche Frauen und Männer die umliegenden Äcker bestellten. Hitlers Nazideutschland hatte den Krieg verloren, und damit auch das fruchtbare Land an Memel, Inster und Pregel, die einstige Kornkammer der Deutschen.


Juri sammelt alles, was an Ostpreußens Historie erinnert: Selbnst eine noch
gefülllte Flasche Bärenfang-Schnaps gehört zu den gut gehegten und gepflegten
Meseumsexponaten ( Foto: Grit Warnat)
1946 kamen 52 russische Familien in dieses verlassene Dorf, das nicht mehr Breitenstein, sondern Uljanowo heißt. Auch Juris Familie baute sich hier eine neue Existenz auf. Die deutsche Geschichte, die in den Häusern hing, wollte und konnte er nicht vergessen. Dieser schöne Landstrich, dieses nördliche Ostpreußen, so sagt er, hat es ihm angetan. Und so trug Juri mit ehrenamtlicher Leidenschaft all das zusammen, was aus ostpreußischer Zeit überlebt hatte. Keinesfalls zum Wohlgefallen der damaligen kommunistischen Regierung. Man wollte keinen Russen, der deutsche Historie bewahrt. Und schon gar nicht im Kaliningrader Gebiet, das für Ausländer bis 1991 Tabu-Zone war. "Na und", sagt Juri. "Ich wäre auch mit trockenem Brot nach Sibirien gefahren."
Ein wandelndes Geschichtsbuch

Man glaubt ihm das. Denn wenn der temperamentvolle Mann, Direktor der Schule mit ihren 180 Schülern, in seinem Museum Besucher empfängt, ist er nicht mehr zu bremsen. Er will alles zeigen, am liebsten jedes Ausstellungsstück, erzählt in berauschender Schnelligkeit Geschichten aus dem Alltagsleben der Ostpreußen. Obwohl er zu dieser Zeit noch gar nicht das Licht der Welt erblickt hatte, fühlt sich Juri auch als Ostpreuße.

Der Schuldirektor ist ein wandelndes Historienbuch. Er kennt die Geschichte dieses Landstrichs mit dem berühmten Tilsiter Käse und der Trakehner Pferdezucht aus dem Effeff. Er hat nicht nur viel gelesen über das einstige Ostpreußen, das von der Landkarte verschwand. Der Lehrer hat vor allem von seinen Besuchern etwas Neues erfahren, Komisches und Trauriges. Sie lassen Bilder bei ihm von ihren Schulklassen und Familien, ihren Häusern. Und sie trennen sich für Juris Museum von ihren liebsten Erinnerungsstücken. „Dieses Portemonnaie hat mir eine Frau geschenkt. Es war die Geldbörse ihrer Mutter, die 1944 flüchten mußte", erzählt Juri, und ihm kommen fast die Tränen vor Rührung. Immer mehr Platz benötigt Juri auch für die vielen Ordner, die immer dicker werden. Zwischen den Deckeln befinden sich Briefe aus allen Teilen der Welt mit Erinnerungen an Schulwege, Dorffeste, Sportvereine. Aufgezählt sind die Namen der Mitschüler, der Pfarrer des Ortes, der Bäckermeister, abgeheftet unzählige Fotos. Und so existieren bei Juri vor allem auch all jene Ortschaften weiter, die zu Sowjetzeiten von der Landkarte verschwanden. "Ich habe hier schon so manches Auge beim Durchblättern feucht werden gesehen. Vor allem, wenn jemand etwas von einstigen Freunden erfährt", sagt Juri, der weiß, daß viele Heimweh-Reisenden von ihren Dörfern nichts mehr vorfinden. Wiesen und Wälder haben längst das einstige Leben verschluckt. Rund die Hälfte aller früheren ostpreußischen Ortschaften gibt es nicht mehr. "Aber in unserem Museum lebt Ostpreußen weiter", freut sich der Russe.

Juri reißt einen Brief auf. Abgeschickt in Deutschland. Das nette Dankeschön an den engagierten Museumsleiter wird noch versüßt durch eine alte Postkarte von Insterburg. Juri strahlt übers ganze Gesicht.

Autor: © 2004 Grit Warnat
Quelle: "Magdeburger Volksstimme" vom 31.07.2004
abgedruckt im Heimatrundbrief "Land an der Memel" Nr. 75/2004 Seite 165ff ( eingesandt von Katharina Willemer)

Breitenstein heute: Uljanowo



© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 10.01.2005
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letzte Änderung dieser Seite : Sonntag, 6. Februar 2011