Dörfer, Güter und Wohnplätze im Kirchspiel Kraupischken - Breitenstein :
Aus der Landesgeschichte
von Matthias Hofer und Christa Palfner

1. Die Zeit des Deutschen Ritterordens

Nadrauen zwischen der Inster und der Memel tritt aus einer wenig bekannten Vorzeit in unser geschichtliches Bewußtsein, als der Deutsche Ritterorden in dieses Land kommt.

Landmeister Konrad von Thieberg zieht im Jahre 1276 an der Instrud über Cropiscin gegen die Feste Sassowe an Eymenis und verbrennt diese. Nadrauen gehört damals zur Diözese Samland. Im Jahre 1352 schlossen der Bischof Jacobus in Fischhausen und der Hochmeister des Ordens auf der Marienburg einen Vertrag, nach dem das Land Nadrauen zu zwei Dritteln an den Orden fallen und zu einem Drittel zwischen Pregel dem großen Moosbruch aber beim Bischof verbleiben sollte. Viele geistliche Würdenträger und Gebietiger des Ordens haben diesen Vertrag mitgezeichnet, in dem Cropiscin an der Instrud und der Breite Stein mehrfach erwähnt und für die Grenzen dieser Teilung bestimmend genannt wurden.
Ragnit wurde bei der Bedeutung seiner Lage eine der stärksten Komtureien des Ordens. Der Weg dorthin führte über Insterburg die Inster herauf nach Kraupischken und von dort durch den Grauden, den großen Wald, nach Ragnit.

Gleich nach der Begründung des Ordensschlosses zu Ragnit im Jahre 1289 ist wohl dort auch eine Kirche erbaut worden, die aber erst 1317 erwähnt wird. Sie ist die einzige urkundlich belegte Kirche in dieser Gegend.
Mit Ausnahme des westlichen Raumes von Labiau und Laukischken war das Gebiet der Komturei Ragnit im 13.Jahrhundert wenig bevölkert und wurde in den folgenden Kriegen zwischen dem Deutschen Orden und Litauen zur Wildnis. Es gab nur wenige Siedlungen. . Diese lagen meist in der Nähe der Ordensburgen, besonders bei Ragnit und Tilsit. In den weithin bewaldeten Gebieten, wie sie noch um 1570 Caspar Hennenberger auf seiner "Großen Landtafel von Preußen" verzeichnet, hielten sich Jäger, Fischer und Bienenzüchter auf

In der Wildnis häufig Litauer angesiedelt, die gern kamen, weil ihnen in Preußen bessere wirtschaftliche und soziale Aufstiegsmöglichkeiten geboten wurden.
So wurde im 15, und 16. Jahrhundert der Nordosten Ostpreußens von Litauern bevölkert, derart, daß man dieses Gebiet lange als "Preußisch Litauen" bezeichnete, obgleich es nie zu Litauen gehörte


2. Die Zeit Herzog Albrechts

Im Jahre 1525 wandelte der Hochmeister des Deutschen Ordens Albrecht von Brandenburg auf Anraten Luthers das Ordensland in ein weltliches Herzogtum um. Gleichzeitig zog die Reformation in Ostpreußen ein und wurde - bis auf das Ermland, welches nicht zum Herzogtum gehörte - in allen Bistümern des Landes eingeführt. Der Kirchenbau zu Kraupischken und die Einrichtung des dortigen Kirchspiels sind also Ergebnisse unmittelbar nachreformatorischer Entwicklung und berechtigen zu der Annahme, daß die Siedlungen in der Umgebung des für den Bau gewählten Kirchdorfes inzwischen so zahlreich geworden waren, daß sie die Bildung eines neuen Kirchspiels rechtfertigten.

Im Jahre 1554 war an den Hauptmann zu Ragnit der Befehl ergangen, in Kraupischken eine Kirche zu erbauen. Am 10.V.1556 waren dort Kirche, Pfarrhaus und Kirchschule fertig. Eine Kirchenglocke gab es 1572 noch nicht. Asmus Baumgart, als erster Besitzer des Gutes Breitenstein genannt, stiftete der Kirche einen Kelch mit der Inschrift: "Da 1577 gezählet ward, ließ mich machen Asmus Baumgart mit Hilf und Zutun guter Leut', Gott geb' ihnen die Seligkeit." Die 1555 erbaute Kirche brannte 1740 ab. Die dann neu erbaute und uns bekannte Kraupischker Kirche wurde im Jahre 1772 geweiht.

Der erste Pfarrer unserer Heimatkirche war 1555 Augustin Jamund, der zugleich auch an der sogenannten Kirchschule Lehrer war. Er übersetzte Luthers Katechismus in die litauische Sprache und sorgte für ein litauisches Liederbuch.

3. Unter den Brandenburgern

Vom 30-jährigen Krieg (1618-1648) wurde unsere ostpreußische Heimat kaum berührt, doch brachte der lange polnisch-schwedische Erbfolgestreit über den Osten unserer Provinz furchtbares Leid. Da sich der Große Kurfürst zunächst auf die Seite der Schweden stellte, rächten sich die Polen durch Einfälle in die östlichen und südöstlichen Teile des Herzogtums. Herumstreifende polnische Einheiten drangen über Schirwindt und Pillkallen bis nach Ragnit vor und verwüsteten das Land.

Nachdem sich der Große Kurfürst von Schweden getrennt hatte und auf die Seite der Polen getreten war, verzichtete dieses auf die seit 1525 bestehende Lehnshoheit und erkannte im Vertrag zu Wehlau am 29.IX.1657 die Souveränität Preußens in vollem Umfange an.

Die Schatullsiedlungen

Die Erträge aus den im 17.Jahrhundert in Ostpreußen noch sehr ausgedehnten landesherrlichen Forsten fielen der landesherrlichen Privatkasse, der Schatulle, zu. Die kurfürstliche Kammer oder Schatulle (so hieß sie noch zur Zeit des Großen Kurfürsten), wurde von einem "Kämmerier" verwaltet, der allein dem Landesherrn verantwortlich war. Zu den Einkünften, die in die Schatulle geleitet wurden, gehörten auch die verhältnismäßig hohen Eingänge aus dem "Waldwerk": Holzgelder, Beutnerzins, Weidegelder für die Hütung in kurfürstlichen "Wildnissen". Die Einnahmen aus der gewerblichen Waldnutzung mußten zurückgehen, wenn die Baumbestände freigeschlagen und freigebrannt worden waren. Um die Einkünfte der Schatulle trotzdem auf alter Höhe zu halten oder gar zu vermehren, wurden die ausgehauenen und ausgebrannten Forstlande an Siedler vergeben, an die sogenannten "Schatullbauern" oder Schatullcöllmer". Auf diese Weise erfuhren auch die Waldungen zu beiden Seiten der Inster und im Gebiet des Kirchspiels Kraupischken eine weitere Lichtung.


4. Die Pestzeit

"Als Folge des Nordischen Krieges (1700-1721) kam die Pest in die Hauptstadt Königsberg und hauptsächlich in den nördlichen Landesteil der Provinz und raffte in den Jahren 1709-1711 mehr als 200 000 Menschen dahin. Allein im Amt Insterburg zählte man 60 000 Pesttote.
In den ohnehin nur weitläufig mit Kirchspielen besetzten nordöstlichen Bereichen der Provinz, wo manchmal 60 sogar 80 Dörfer und abgelegene Einzelgehöfte zu einem Kirchensprengel gehörten, waren durch die Verödung der Landstriche viele Dörfer wüst geworden, so Breitenstein, Juckstein und Barsden. Zahlreiche Pfarreien waren nicht mehr besetzt, und das kirchliche Leben war zunächst zum Erliegen gekommen

Die Zahlen für Kirchspiel Kraupischken:
31 infizierte Orte; 215 Häuser; 1351 gestorbene Personen
Ursachen der Pest

Die Jahre 1706/08 hatten Preußen schwere Mißernten gebracht , durch welche namentlich Litauen hart betroffen wurde. Wie groß damals schon in jenem Landstrich der Nahrungsmangel war, geht aus einem Bericht des Arendators zu Jurgaitschen vom 20.X.1708 hervor, in welchem derselbe meldet, es seien in seinem Kammeramt 96 ganz verarmte Bauern, die nicht einen Scheffel besäßen, nachdem sie das, was sie vor. zwei Jahren geborgt, etwas abgegeben hätten. "Diese armen Leute", fährt der angezogene Bericht fort, "kommen fast täglich zu mir und bitten, ihre Not Eurer Königlichen Majestät vorzutragen, damit ihnen möge Brot gereicht werden, sonst sie notwendig Hungers sterben müssen."

Der furchtbare Winter des Jahres 1708/09 vermehrte noch das Mißgeschick. Die Wintersaat war in den meisten Orten erfroren, wodurch eine große Teuerung und Hungersnot, zumal in Preußisch Litauen entstanden. Das Korn hat pro Scheffel fünf Gulden und der Weizen sechs Gulden gekostet. Besser vorbereiteten Boden konnte eine Volksseuche schwerlich finden. Schon zu Beginn des Jahres 1709 liefen in Königsberg beunruhigende Gerüchte über seuchenartige Erkrankungen in Preußisch Litauen ein, die wohl alle, mögen es Ruhr, Hungertyphus oder schon die Pest selbst gewesen sein, ihren letzten Grund in der mangelhaften Ernährung der Bevölkerung hatten.
Nach den Angaben des Danziger Physikus Gottwald soll sich die Pest im Sommer 1702 zuerst in den Lazaretten des schwedischen Heeres zu Pinschew (Polen) gezeigt und von dort aus weiter verbreitet haben. Im Jahre 1707 trat die Seuche in Warschau und Krakau so drohend auf, daß man in Preußen die Maßnahmen gegen ihre Einschleppung verschärfte. Doch alle amtlichen Vorkehrungen vermochten nicht, die von Polen her dringende Seuche aufzuhalten.


5. Der Wiederaufbau

Hier galt es nun, von Grund auf neu anzufangen. Auf eine Anfrage des Königs Friedrich I., woher eigentlich der verarmte Zustand der Provinz Preußen käme, wurden als Ursachen angegeben: Entkräftung der Bevölkerung durch drückende Kontributions- und Rekrutierungslasten, sowie die schlechte Verwaltung, namentlich im Kammerwesen.
Zunächst behalf sich die Königsberger Regierung, so gut sie konnte, und es gelang, etwa ein Fünftel der Menschenverluste durch Binnensiedlung zu ersetzen; aber durchgreifende Erfolge konnten nur durch straffe Zusammenfassung der Mittel des Gesamtstaates (Preußen) erreicht werden.
Das geschah durch energische Verwaltungsmaßnahmen König Friedrich Wilhelms I.. In Anlehnung an alte, inzwischen verödete Flecken oder Kirchdörfer wurden Städte als Verwaltungs-, Markt- und Versorgungsmittelpunkte, zugleich kirchliche Verwaltungszentren geschaffen: Ragnit und Stallupönen (1772), Pillkallen und Darkehmen (1724). Sodann mußten städtische und dörfliche Ansiedler gefunden werden
Gumbinnen wurde Hauptverwaltungssitz des "Retablissements" Friedrich Wilhelms I., der als "Soldatenkönig" und strenger Vater des "Alten Fritz" verschrien ist. Bis Ende 1711 - noch zur Zeit Friedrichs I.- konnten im Westen der Provinz des wüst gewordenen Landes wieder aufgebaut werden.

Neusiedler zogen herbei aus Litauen, Polen, aus West- und Mitteldeutschland. Rund 250 Schweizer Familien mit über 2 000 Seelen kamen nach "Preußisch-Litthauen", um deren geistliche Versorgung - sie waren Calvinisten (reformiert)- sich Burggraf Alexander zu Donna verdient gemacht hat.

Die Salzburger im Kirchspiel Kraupischken

Als im Jahre 1731 viele Salzburger Familien im Zuge der Gegenreformation ihre österreichische Heimat verloren, fanden 14 000 von ihnen auf Grund des von Friedrich Wilhelm I. 1732 erlassenen Einweisungspatents in Preußen eine neue Heimat. Etwa 10.000 von ihnen wurden in Preußisch-Litthauen, hauptsächlich in der Gumbinner Gegend, angesiedelt, im Distrikt Ragnit 2 002 Personen. Sie zogen im Treck -ähnlich wie wir 1944- in ein neues Land und kamen auch in das Kirchspiel Kraupischken. Im Gegensatz zu den Schweizer Neusiedlern waren sie strenge Lutheraner. Das religiöse Leben des ganzen Gebietes empfing durch sie eine große Bereicherung.
Typisch für die Namen der Salzburger ist die Endsilbe "er". So finden wir in unserem Kirchspiel Namen wie Bacher, Berger, Forstreuter. Gruber, Haller. Hofer. Kollecker, Leiber, Lechner, Moderegger, Moser, Neubacher, Oberpichler, Palfner, Rohrmoser u.a. (Siehe Brief der Dichterin Agnes Miegel an den Ortsvertreter Matthias Hofer am Ende dieser Schrift).

Die Salzburger trugen im wesentlichen dazu bei, die Lücken, die die Pest in den Jahren 1709-1711 im nordöstlichen Teil unserer Provinz gerissen hatte, auszufüllen.


Erneuerung des Kirchen- und Schulwesens.

Friedrich Wilhelm I. war aber nicht nur am wirtschaftlichen Aufbau seines Landes, sondern vor allen Dingen auch an seiner sittlich-geistigen Erneuerung interessiert, wohl wissend, daß diese die Grundlage für eine Besserung des wirtschaftlichen Zustandes ist.

Am 31. VII. 1736 genehmigte er die "principia regulativa", durch die das Volksschulwesen seines Landes geregelt wurde.

Im Kirchspiel Kraupischken entstanden zu jener Zeit folgende Schulen:

...............................................................Gründungsjahr der Schule
Girrehnen ...................................................................1734
Krauleidßen ..................................wahrscheinlich unter Friedrich Wilhelm I.
Plauschinnen .............................................................1736
.......................................................Erbauungsjahr des Schulgebäudes 1736
Raudonatschen .........................................................1730
Sakalehnen ...............................................................1736
Plimballen I ................................................................1737

Zur Regierungszeit Friedrich Wilhelms I. wurden in Preußisch-Litauen 11 neue Kirchen erbaut. Die Bauweise war den Finanzen des Landes entsprechend sehr schlicht, in den Städten hatten sie eine reichere Innenausstattung als auf dem Lande. Die neuerbaute Kirche zu Kraupischken wird um 1747 als "gut erhalten, innen hell und geräumig" geschildert. Glocken schenkte der König den neuerbauten Kirchen auf eigene Kosten. Die Krönung aber des religiösen Bildungswerkes in Preußisch-Litauen unter seiner Regierung war die Herausgabe einer Bibel in litauischer Sprache im Jahre 1735. Die Übersetzer, eine Gruppe von Pfarrern, die meistens auf dem litauischen Seminar in Königsberg in der litauischen Sprache gründlich vorgebildet worden waren, benutzten als Vorlage den lutherischen Bibeltext von 1545. Mit dem Lesen der Bibel in der Muttersprache hob sich das geistige und sittliche Leben des ganzen Landes.


6. Die Zeit Friedrichs des Großen

Unter Friedrich dem Großen, dem Sohn des Soldatenkönigs, wurde das Retablissement fortgeführt, und Friedrich dachte nicht daran, in das eingespielte und von ihm sehr bewunderte Verwaltungswesen seines Vaters einzugreifen. Dennoch bahnte sich ein Umschwung an. Obwohl der König grundsätzlich die Fortsetzung der geplanten Kirchen- und Schulbauten genehmigt hatte, waren die erforderlichen Mittel dafür doch nicht mehr vorhanden. Die Neubegründung von Kirchenspielen in Ostpreußen hörte nun völlig auf. Auch für die zweiten Pfarrstellen (Diakonate) wurden die Mittel vielfach eingespart. Ostpreußen wurde nicht mehr als Notstandsgebiet betrachtet. Es sollte und konnte sich nun selber helfen

Kirche und Kirchschule in Kraupischken fielen im Jahre 1740 einem Brand zum Opfer. Leider konnten auch viele Kirchenbücher und Schulakten nicht gerettet werden, so daß man nur den Namen des Präzentors Sperber kennt.
Die neue Kirche, ein rechteckiger Feldsteinbau, wurde erst 1772 eingeweiht. Der Kanzelaltar bestand aus Teilen des alten Kanzelkorbes. Die Orgel wurde 1787 von dem Orgelbauer Braweleit erbaut und später mehrfach repariert und erweitert. Die Altarfiguren stammten aus derselben Werkstatt wie das Schnitzwerk in Altenkirch (Budwethen). Die Kirche hatte zwei Glocken.

7. Die Napoleonischen Kriege

Bis zum Unglücklichen Krieg 1806/7 blieb unser Kirchspiel nach 1763 von Kriegsnöten verschont. Nun aber brach das Unglück, diesmal von Westen kommend, mit doppelter Wucht herein. Nach der Schlacht bei Jena und Auerstädt vollführte Napoleon seinen Siegeszug bis zum äußersten Osten Preußens. Bei Kindschen, Kreis Ragnit, schlugen die Franzosen ihr Lager auf, in dem sich auch Napoleon selbst aufhielt. Auch nach Raudonatschen soll er gekommen sein. Der dortige Lagerplatz der Franzosen hieß bis in unsere Zeit hinein "der Kaiserplatz". Das schlimmste aber war, daß das Heer des Siegers von der einheimischen Bevölkerung ernährt werden mußte. Unverschämt waren die französischen Kontributionsforderungen und räuberisch das Auftreten der Soldaten. "Vieh gestohlen, Pferde geraubt, alles was nicht niet- und nagelfest ist, haben die durchziehenden Völker mitgenommen. Brot, Mehl, alle Nahrungsmittel sind aus dem Hause verschwunden, und dazu stehen viele hungernde Pfarrkinder bettelnd vor der Tür, es ist zum Erbarmen", heißt es im Jahre 1807 in der Kirchenchronik von Schirwindt

Dieses Elend wiederholte sich, als das geschlagene französische Heer durch Ostpreußen heimwärts nach Westen zog und die Kosaken folgten. Wieder war ein geistiger und wirtschaftlicher Aufbau notwendig, der vor und nach den Befreiungskriegen einsetzte.


8. Ereignisse im 19. Jahrhundert; Bauernbefreiung von 1807

Der wirtschaftlichen Notlage der ländlichen Bevölkerung nahmen sich die Reformer der damaligen Zeit Stein, Hardenberg, Theodor von Schön und Friedrich von Schrötter an. Wenn man die Prästationstabellen für die einzelnen Orte des Kirchspiels Kraupischken liest, so fallen die Ausdrücke auf: Cöllmer, Immediatbauern, Freigelassene, scharwerksfreies Dorf, erbfreies Dorf, Chatoulldorf. Alle sind aus dem bäuerlichen Leben der vorfriderizianischen und friderizianischen Zeit zu erklären.

Obgleich es seit der Ordenszeit eine große Anzahl freier, nichtadliger Bauern (Cöllmer) gab, bestand doch für die meisten von ihnen bis zum 19.Jahrhundert die "Erbuntertänigkeit", d.h. jeder bäuerlich geborene unterlag dem Gesindezwang 2-3 Jahre lang und war an die Scholle gebunden. Zum Fortzug bedurfte er der Genehmigung des Grundherrn. Jeder Bauer war zu Hand- und Spanndiensten (es gab deren über 3 Dutzend Arten = Scharwerke) für den Grundherrn verpflichtet. Für die Immediatbauern, die Bauern auf den königlichen Domänen, hob Friedrich der Große 1763 die Erbuntertänigkeit auf.

Am 9, X.1807 unterzeichnete der König Friedrich Wilhelm III. das berühmte Gesetz "Betr. den erleichterten Besitz des Grundeigentums sowie die persönlichen Verhältnisse der Landbewohner". Darin heißt es "mit dem Martinitage 1810 hört alle Gutsuntertänigkeit auf. Nach dem Martinitage von 1810 gibt es nur freie Leute" - wie auf den. Domänen -, alle Verbindlichkeiten auf Grund von Vertrag oder Hofbelastung bleiben bestehen. Leider wirkten sich die Hardenbergschen Reformen nicht so günstig aus, wie man es erhofft hatte.

9.Die Separation

Die volle Befreiung des bäuerlichen Grundbesitzes wurde aber erst durch die Separation vollzogen, die die bäuerlichen und gutsherrlichen Ackerparzellen voneinander trennte und zu wirtschaftlichen Einheiten um das Bauernhaus herum zusammenlegte. Der bisherige Gemeindebesitz, die Allmende, auch "Gemeinheit" genannt, wurde unter die Bauern verteilt, so daß sich ihr Besitz vergrößerte. Damals - um 1835 - erhielten unsere ostdeutschen Dörfer ihr Aussehen.

Infolge der durch die Separation eingetretenen neuen Besitzverhältnisse wurde durch Gesetz vom 21.V.1861 beschlossen, die Liegenschaften in Preußen neu zu vermessen und zu bewerten. Katasterämter wurden 1861 eingerichtet. Im Jahre 1865 war ihre Arbeit vorerst abgeschlossen. Nach dem Klassifikationstarif für die Liegenschaften stufte man die Kulturarten ( Äcker, Gärten, Wiesen, Weiden, Holzungen in die Klassen 1-8 ein ( 1 = bester Boden, 8 = schlechtester Boden). Nun wurde der Reinertrag in Silbergroschen je Morgen für die einzelnen Bodenklassen ermittelt und somit eine gerechte Besteuerung ermöglicht.


10. Pfarrer Karpowitz

Im Jahre 1718 wurde Herr von Winterfeld auf Breitenstein Patron der Kirche und des Kirchspiels zu Kraupischken, Im selben Jahr wurde Gottfried Heinrich Rapport, vorher Präzentor in Kraupischken, von Bischof Borowski / Königsberg als Diakonus ordiniert, nachdem die zweite Pfarrstelle lange unbesetzt geblieben war.
Unter den Geistlichen des 19.Jahrhunderts fällt Pfarrer Karpowitz auf, der im Jahre 1866 den Verein zur Versorgung unverheirateter Töchter verstorbener Pfarrer gründete.

Er berichtet von einer furchtbaren Feuersbrunst, die das Pfarramt und Präzentorat vollständig zerstörte. "Am 10.1, 1852, einem Sonnabend, vormittags 11 Uhr während der Beichte, wollte ein Kind einen brennenden Feuerschwamm in die Inster werfen. Da ihm aber die Hände brannten, warf es ihn in einen Schweinestall. An diesem Tage herrschte großer Sturm und trockener Frost, Die Dächer waren alle mit Stroh gedeckt und vom Schnee entblößt. Das Feuer ging vom Pfarramt zum Präzentorat über und in einer halben Stunde stand alles in Flammen. An eine Rettung zu denken war nicht mehr möglich, und so sind alle Akten ein Raub der Flammen geworden. Alle abgebrannten Häuser wurden noch in demselben Jahre wieder aufgebaut".

Am 13.VI., auch an einem Sonnabend, des Jahres 1857 sollte nach einem in ganz Europa verbreiteten und vielfach geglaubten Gerücht der Untergang der Erde erfolgen. Es hatten sich sehr viele Leute hier in der Kirche versammelt.

Um Michaeli 1858 zeigte sich mehrere Wochen lang der Donatische Komet in außerordentlicher Pracht und Größe. 1857 und 1858 waren sehr dürre Jahre. Es war weder Futter noch Stroh gewachsen, Und der größte Teil des Viehs mußte abgeschafft werden. Ein Schock Stroh kostete 11-12 Mark, während es in guten Jahren mit 3-4 Mark bezahlt wurde.

Über den kulturellen Aufschwung des Ortes wird uns folgendes berichtet:
1856 wurde die erste Chaussee durch Kraupischken und gleichzeitig auch der erste Telegraph gebaut. 1847 ließ sich hier der erste Wundarzt, namens Schmidt, nieder. Sein Nachfolger wurde Wundarzt Krüger. 1857 wurde die Chaussee durch das Instertal,1858 von Kauschen nach Dubinnen, 1859 von Gumbinnen nach. Tilsit gebaut. Die Seelenzahl der Gemeinde Kraupischken betrug 1851= 6 712, darunter waren wohl ein Drittel Litauer; 1856 betrug sie 6 974, darunter 2 623 Litauer. Am 15.XII.1859 wurde nach erfolgter Genehmigung der königlichen Regierung der erste Wochenmarkt abgehalten. 1853 erfolgte der Bau der Kirchhofsmauer und des Portals. 1898 wurden Pfarrhaus und Konfirmandensaal erneuert.


11. Das 20.Jahrhundert bis zur Vertreibung

Im Jahre 1889 wurde Pfarrer Friedemann Superintendent. Er hatte vom 1.X.1890 - 1.VII.1895 Pfarrer Gauer für die zweite Pfarrstelle. Superintendent Friedemann hatte 3 Kinder, von denen seine Tochter Olga Hauswirtschaftslehrerin in Königsberg war. Superintendent Friedemann verstarb 1904 und ist seine Grabstätte auf dem Friedhof bei der Kirche Kraupischken.
Pfarrer Gauer, der in der Zeit von 1895 - 1905 im Kreise Insterburg, in Berschkallen, amtierte, wurde von der Gemeinde auf die erste Pfarrstelle zurückgerufen und trat sein Pfarramt in Kraupischken am 24.11.1905 wieder an. In der Zwischenzeit verwaltete Superintendent Struck, Ragnit die Pfarrstelle Die Superintentur war dorthin verlegt worden. Mehrere Jahre war die zweite Pfarrstelle unbesetzt, bis Pfarrer Glogau diese etwa 1913 übernahm.

Ende des ersten Weltkrieges kam Pfarrer Plamsch aus Lettland, und ihn löste Pfarrer Obgartel ab. Bis zum Ausbruch des ersten Weltkrieges wurde den Gottesdienst zweisprachig in Deutsch und Litauisch gehalten.
Im Jahre 1926 kam dann Pfarrer Dr. Moderegger für die zweite Pfarrstelle nach Kraupischken. Im November 1930 ging Pfarrer Gauer in den Ruhestand und zog nach Königsberg. Seine Frau verstarb dort am 15.X.1935. Pfarrer Gauer ist 1954 in Bad Sachsa gestorben und begraben.
Pfarrer Dr. Moderegger, der Superintendent wurde, verwaltete das Pfarramt bis zur Vertreibung im Oktober 1944. Zu seiner Unterstützung für seinen großen Pfarrbezirk standen ihm zeitweise Vikare zur Seite, wie zum Beispiel die Herren Szogs und Kleinhaus. Im Jahre 1787 hat der Orgelbauer Braweleit die Orgel für die Kraupischker Kirche gebaut. Auch einen Kirchenchor gab es damals schon. Pfarrer Friedemann hat ihn am 27.VII.1866 gegründet und war auch dessen erster Dirigent.

Das Pfarrhaus, hinter dem in früheren Zeiten ein Teich gelegen haben soll, der später zugeschüttet wurde, brannte ab und es wurde dicht bei der Kirche ein geräumiges, schönes Pfarrhaus gebaut, das immer die Wohnung des ersten Pfarrers Kraupischken war. Als zweites Pfarrhaus galt die später erwähnte Schule am Weg zum Bahnhof. Zu dem Pfarrhaus gehörten ein großer Garten und Hof, auf dem ein kleines Haus das im Volksmund den Namen "Kurrenhaus" hatte. In diesem wohnte einmal ein Schuhmacher Boy, dessen Tochter bei Jusseit Putzmacherin war und eine Arbeiterfamilie Wilkat. Als Familien auszogen, kam aus Sassupoenen Frl. Wittkuhn, die die von Dr. Sieloff dort untergebrachten Kranken pflegte. Die zweite dort wohnende Familie: Trupat. Trupat war bei der Kleinbahn beschäftigt. Ein Onkel desselben mit gleichem Namen bekleidete im Jahre 1907 das Amt des Küsters. Er verunglückte und konnte seinen Dienst nicht mehr ausüben, und bis 1911 war Weichler in diesem Amt, der im Tilsiter Krankenhaus verstarb. Sein Nachfolger wurde Pernau und war es bis zur Vertreibung. Frau Pernau war Organistin und Jugendpflegerin, sie half Superintendent Dr. Moderegger bei allen kirchlichen Amtshandlungen. Pernau hatte sich eine mühevolle Arbeit vorgenommen. Beim Ausstellen der Abschriften der Tauf-, Trau- und Totenscheine für den arischen Nachweis fand er Eintragungen, die nicht in alphabetischer Folge nach Jahren im 18. und 19. Jahrhundert gemacht worden waren. Darum ordnete er zurückgreifend bis 1870 alle gemachten Aufzeichnungen nach Alphabet und Jahreszahl. Die Kirchenbücher hat Küster Pernau im Turm unserer Kirche versteckt, hoffend, sie von dort wieder unversehrt herausnehmen zu können. Sie befinden sich jetzt im Kirchenbuch-Archiv der Evangelischen Kirche in Berlin - Kirchenbuchstelle -.

Küsterhaus und Kindergarten lagen zwischen dem Pfarrhaus und Dr. Massalky. Zum Pfarrgrundstück gehörte das Steinhaus, welches an der unteren Dorfstraße lag. Vor vielen Jahren wohnten hier die Pächter vom Pfarrland, von denen nur die Namen Brost und Schlecht bekannt sind.

Unser Kirchdorf Breitenstein ehrte seine im Krieg 1914/18 gefallenen und vermißten Soldaten durch Errichtung eines von Professor Cauer, Königsberg, entworfenen Ehrenmals. Links auf dem Vorplatz zu unserer Kirche wurde dieses Denkmal errichtet. Es galt als eines der schönsten in der ganzen Provinz Ostpreußen. Durch den passenden Platz mit den ringsum stehenden hohen Bäumen wurde es eine würdige Stätte zur Erinnerung an die Kirchspielbewohner, die im Kampf für unser Vaterland ihre Treue mit dem Tod besiegelten. Am 13.7.1930 wurde das Ehrenmal in einer würdig festlichen Stunde im Beisein von sämtlichen Vereinen und einer großen Anzahl der Bevölkerung des Kirchspiels eingeweiht. Der Vorsitzende des Kriegervereins, Lehrer Banse sprach in markigen und ernsten Worten den Dank der Überlebenden aus und bat die jüngere Generation, beim Anblick des Ehrenmals stets sich des Heldentums dieser Männer bewußt zu werden. Auch der Kreisvorsitzende des Kriegervereins, Rechtsanwalt Möhrke Ragnit, würdigte mit Worten der Anerkennung das Opfer der Toten.

Ein besonderes Gedenken wollen wir noch dem Breitensteiner Friedhof widmen. Hier fanden wir die Gräber und Grabsteine von Generationen von Breitensteiner Bürgern, die in diesem Ort gelebt und geschafft haben. Sie ruhen da von ihrem Erdendasein aus. Ihre Angehörigen pflegten die Gräber und hielten auf dem Friedhof mit ihren Lieben Zwiesprache. 1914 wurde der neue Friedhof errichtet. Dort fanden als erste 83 deutsche und 8 russische Soldaten nach dem Gefecht bei Kauschen ihre letzte Ruhestätte. Bis zur Vertreibung hatte sich auch dieser Friedhof fast vollständig mit Gräbern gefüllt. Sie mögen alle in Frieden ruhen. Unsere lieben Toten haben nicht gewußt, daß . noch einmal die Zeit kommen wird, wo ihre Angehörigen die heiligen Stätten nicht mehr betreten durften. Wie mag wohl der Friedhof heute aussehen?


Quelle : Matthias Hofer und Christa Palfner : "Das Kirchspiel Kraupischken - Breitenstein im Kreis Tilsit-Ragnit"; herausgegeben im Selbstverlag der Stadt Lütjenburg © 1970 ( in gekürzter Fassung)



© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 01.07.2003
www.tilsit-ragnit.de
letzte Änderung dieser Seite : Dienstag, 1. Februar 2011