Wie es war, damals in den Jahren 1945 bis 1948 im Kraupischker Kirchspiel
von Erwin Schneider

Vorbemerkungen:

Die nachfolgende Dokumentation schrieb Herr Erwin Schneider. Sie ist, wie ich finde, eine sehr beeindruckende zeitgeschichtliche Ergänzung zu meinem Buch "Kraupischken-Breitenstein-Uljanowo, ein Dorf im Instertal".

Herr Schneider ist 1931 geboren und entstammt einer Bauernfamilie aus Mallwischken/Mallwen (liegt an der Straße Kraupischken - Gumbinnen). Im Januar 1945 wurden er und seine Angehörigen auf der Flucht von der russischen Front überrollt und verbrachten anschließend nahezu drei Jahre in verschiedenen Orten im Kirchspiel Kraupischken. Was er in dieser Zeit erlebt und gesehen hat, wagte er erst 1990 zu Papier zu bringen, denn es hatte ihn nach der Vertreibung in die DDR verschlagen - dort waren derartige Berichte strengstens untersagt.

Klaus-Dieter Metschulat



"Wir, meine Familie und ich, kamen am 27. Januar 1945 bei Uderwangen Kreis Preußisch Eylau in Gefangenschaft. Wir wurden nach Groß Lindenau (Samland) gebracht. Hier wurden zuerst die noch bei uns gebliebenen polnischen, russischen und französischen Gefangenen verhört. Die Russen maßen deren Aussagen große Bedeutung bei. Danach wurden die Deutschen, bei denen die Gefangenen gearbeitet hatten, vernommen. Diese Verhöre haben viele nicht überlebt. Hier wurden auch viele Familien getrennt. Mein Vater, Gustav Schneider, und ich wurden hier zu einer Scheinerschießung geholt, man ließ uns nach etwa zwei Stunden wieder gehen.

Eines Tages hat man uns auf LKW verladen und abtransportiert. Unterwegs sind wir durch Georgenburg gefahren. Hier war ein Kriegsgefangenenlager, wo man gerade viele nackte Leichen herausgefahren hat.

Als wir das nächste Mal gehalten haben, sagte mein Vater: "Wir stehen in Kraupischken". Doch nach einer Weile drehten die Fahrzeuge um, und man fuhr uns nach Schulen. Das war etwa Mitte Februar 1945.

In Schulen waren wir in der Schule untergebracht. Hinter dem Stall der Schule waren etwa zehn erschossene Volkssturmmänner. Einige so alt wie ich damals.

Von Schulen ging es dann nach Lengwethen/Hohensalzburg und nach vierzehn Tagen ein paar Kilometer weiter in Richtung Kraupischken nach Wabbeln/Wabben. Sämtliche Ortschaften bis Kraupischken waren mit deutschen Zivilisten belegt.

In Wabbeln haben wir uns etwas erholt. In den Scheunen fand man noch ein wenig Getreide und von geschlachtetem Vieh die Köpfe, Beine und Innereien.

Von hier aus kamen wir Ende März oder Anfang April nach Kraupischken. Das Dorf fanden wir völlig unzerstört vor. Am Ortsausgang in Richtung Schulen wurden wir im letzten oder vorletzten Haus untergebracht.

In Erinnerung ist mir in der Siedlung ein Haus mit einem Stall dahinter. Etwa sechzehn Personen mußten hier in einem Zimmer hausen. In dem Strohlager lag noch eine tote geschändete Frau. Mein Vater und noch jemand haben sie in der Anhöhe, die dahinter lag, in einer Geschützstellung beerdigt.

Meine Eltern sind zur Arbeit geholt worden. Aus der Mühle mußten sie alle Teile ausbauen und auf LKW verladen.

Bis zum Sommer 1945 hieß es bei den Russen, daß sie sieben Jahre als Besatzung hierbleiben würden; und sie haben alles, was brauchbar war, weggeschleppt. Im August 1945 ließen sie plötzlich alles stehen, egal wo es gerade war, und man sagte uns, unser Gebiet wird Rußland.

Die Kommandantur befand sich zu der Zeit auf dem Grundstück des Viehhändlers Wolff. Mit Hermann Wolff ist mein Vater in Mallwischken aufgewachsen und in die Schule gegangen. Auf dem Güterbahnhof uns gegenüber waren die Pferde der Russen untergebracht.

In der Zeit kamen lange Trecks Frauen mit Kindern durch. Sie waren aus der Festung Königsberg, und man brachte sie in die Straflager Pillkallen/Schloßberg und Küssen.

Eines Tages fuhr man alle noch bestehenden Familien nach Ragnit - wir waren auch dabei. Hier mußten die Eltern Vieh versorgen, und hier haben wir auch das Kriegsende am 9. Mai erlebt. In der Nacht vom 9. zum 10. Mai wurden wir vom russischen Militär streng bewacht.

Vater bekam Heimweh, und wir sind von Ragnit abgehauen. Über Feldwege, mit kurzen Aufenthalten bei deutschen Familien, versuchten wir, nach Hause zu kommen. In Mallwischken angekommen, wurden wir gleich von plündernden Russen empfangen. Es kamen uns aber Deutsche aus Brakupönen zu Hilfe, obwohl sie unter russischer Bewachung standen. Wir trafen hier den Juden Gurowski, der das Zuchthaus in Königsberg überlebt hatte.

Wir konnten hier aber nicht bleiben und gingen mit unseren Nachbarn wieder in umgekehrter Richtung nach Bergental. Später sind wir noch einige Male in Mallwischken gewesen. Das letzte Mal 1947 von Kauschen aus. An der Straße standen da nur noch acht Gebäude, heute sind es noch sieben. Die Siedlung dagegen war bis jetzt vollständig, und von den Bauernhöfen stand auch überall noch etwas.

Um Mallwischken lagen viele unbeerdigte Leichen, meistens Deutsche.

Bei unserem Nachbardorf Ederkehmen/Edern hatte eine Panzerschlacht stattgefunden. Die zerschossenen Panzer lagen noch 1947 da. Während von Ederkehmen überhaupt nichts mehr stand, bis auf einiges außerhalb am Friedhof, waren alle anderen Orte erhalten geblieben.

In Bergental stand fast alles, nur das Gut Ruhnke und noch zwei oder drei Gebäude waren abgebrannt. Im Laufe der Zeit kam das halbe Dorf nach Hause, und so fühlten wir uns hier einigermaßen sicher.

Im August holte man viele nach Kraupischken ab. Dort mußten die Erwachsenen Schützengräben zuwerfen und Tote beerdigen. An der Straße, wo es zum Gut Breitenstein geht, haben wir in dem letzten Haus gewohnt. Das Gut Breitenstein war unbewohnbar, fast alles abgebrannt.


Die Insterbrücke war bis 1948 immer noch gesprengt. Wir mußten daneben über die hölzerne Notbrücke. Neben dieser stand ein Panzer in der Inster. Die Toten im Panzer und der Panzer selbst wurden erst 1946 von deutschen Kriegsgefangenen geborgen.

Bei Hochwasser war die Brücke unpassierbar. 1946 waren wir von Kauschen aus mit unseren Pferden zum Entlausen auf dem Gut Grautschen. Bei der Rückkehr war die Brücke nicht mehr befahrbar, und wir mußten nach Pleinlauken/lnsterbrück. Die Brücke dort war ebenfalls gesprengt und lag und hing aber noch so leidlich über der Inster. Es waren Stubentüren darübergelegt, und wir mußten mit all unseren Pferden über diesen unmöglichen Steg, doch es ging alles gut.

Ich war damals vierzehn Jahre alt, und wir sind oft in die Umgebung Kraupischkens gegangen, um etwas Brauchbares zu finden. Auf dem Heldenfriedhof von Kraupischken haben wir die herausgerissenen Kreuze umgedreht, um nach Bekannten zu suchen.

Später sind wir dann wieder nach Bergental abgehauen. Im Spätherbst 1945 fuhren plötzlich Pferdegespanne vor, und man brachte uns nach Kauschen.

Hier wurde eine Nebensowchose von Kraupischken aufgezogen. Im Dorf waren nur Schmidts Wohnhaus und von Palfners ein Stall und die Scheune abgebrannt, alles andere stand. Hier trafen wir auf die alten Herrschaften von Schmidts sowie die junge Frau Schmidt mit ihrer Tochter und Frau Szameitat, sie war wohl Magd bei Schmidts. In dem neuerbauten Haus gegenüber von Schmidts Garten haben wir gewohnt zusammen mit Frau Bacher und der Familie Ballnies (oder so ähnlich), sie kamen aus Paszleidszen/Paßleiden. Im gleichen Haus wohnte auch der russische Kommandant mit seiner Frau.

Auf Schmidts Hof waren etwa 30 Pferde untergebracht, bei Ehlerts war ein Futterlager eingerichtet. Die Schmiede wurde ebenfalls genutzt. Die Sowchose hatte ihr Büro in der Schule. In Palfners Lager am Teich haben die russischen Soldaten Sauerkohl eingestampft und grüne Tomaten eingelegt.

Sonntags brauchten die Pferde nicht zu arbeiten, und durch einen Streik haben wir Jugendlichen durchgesetzt, daß wir sonntags auch frei hatten. Für einen Augenblick drohte ein Offizier aus Kraupischken mit gezogener Pistole, uns zu erschießen oder nach Sibirien zu schicken.

Von Kauschen aus, bis kurz vor Matterningken und hoch bis hinter Tutteln, wurde alles Land bearbeitet und auch noch ein Teil hinter Palfners auf der anderen Seite des Grundes. Hier hatten die Russen Kohl angepflanzt. Und auch die Wiesen wurden gemäht. Bei Warnen hatten die Russen riesige Felder Kartoffeln angebaut.

Und immer wieder trieb man große Viehherden mit ostpreußischen Kühen nach Osten. Sie hatten pralle, brandige Euter und brüllten jämmerlich.

Nach der ersten Pferdepest holten wir Pferde aus Meschken, die dann aber im Nachbardorf Tutteln eingestallt wurden. Da Vater als Stallmeister tätig war, mußten wir und noch einige Familien, die mit Pferden zu tun hatten, nach Tutteln ziehen. Wegen der Pest hatte jedes Pferd sein eigenes Geschirr und auch Eimer. Wir durften sie nicht einmal gemeinsam tränken.

In Tutteln blieben wir bis zum Frühjahr 1947. Danach zogen wir und die anderen Deutschen nach Raudonatschen/Kattenhof - und Kauschen verwilderte.

Im Nachbardorf von Kauschen, Groß Pillkallen/Kallerfeld, waren beide Familien Gettkandt auf ihren Höfen; außerdem noch die Familien Urbitat aus Neudorf, Schlag aus Warnen und Albuschat, ich glaube, aus Kraupischken sowie elf Familien aus Bergental, weitere zwei Familien aus Mallwischken und noch einige andere, deren Herkunft ich nicht kenne.

1946 hatte sich in Groß Pillkallen eine Kolchose gegründet. Denen ging es bald noch schlechter als uns. Nach der ersten Mißernte 1946 ließ unser Kommandant den Deutschen, bei uns war es Emil Enseleit aus Bergental, freie Hand beim Bewirtschaften der Ländereien. Die Hauptverwaltung für die Landwirtschaft war in Budwethen, und dort mußte sich unser Kommandant verantworten.

Unter Emil Enseleit klappte alles besser, z. B. ließ er jeden Abend alle Ackergeräte säubern und abschmieren, dafür wurden sie in langer Reihe auf dem Gutshof aufgestellt. Anfangs pflügten wir mit den Pferden und unseren ostpreußischen Pflügen und einigen Treckern, dann kamen die schweren, riesigen russischen Traktoren mit ihren Raupenketten. Entsprechend groß waren die Pflüge und die anderen Ackergeräte. Jetzt wurde mit Tempo über die Felder gerast und so tief gepflügt, daß die Drainagen beschädigt und herausgerissen wurden. Später kamen aus Rußland dann noch die großen Mähdrescher mit einer Schnittbreite von sieben Metern hinzu. Solche Maschinen hatten wir noch nie gesehen. Doch schon beim ersten Einsatz versagten sie. Die Mähdrescher fuhren nur ein paar Meter ins Getreide hinein und kamen nicht mehr weiter. Sie wurden mit dem dichten Bestand unserer gut bestellten Getreidefelder nicht fertig. Wir spannten noch einmal die Pferde vor unsere alten Mähdrescher und ernteten die Felder ab. Das Stroh blieb auf dem Boden liegen, und die Mähdrescher versuchten es nunmehr hochzunehmen und zu dreschen, was dann auch einigermaßen gelang.

Im späten Frühjahr war es auch, als ich beim Pflügen zwischen Meschken und Raudonatschen zwei Wölfe sichtete. Sie traten zögernd aus einem Dickicht und hatten wohl den Geruch der Pferde aufgenommen. Als sie aber mich witterten, zogen sie sich sofort zurück. In der ganzen Zeit, in der wir noch in der Heimat waren, stießen wir immer wieder auf Wölfe und das nicht nur im Winter.

Das Schloß in Raudonatschen war unversehrt, und es waren dort viele Menschen untergebracht. Wir trafen hier mit den Familien Holze und Zimmermann zusammen; die müßten auch aus Kraupischken gewesen sein.

Im Spätsommer 1947 trafen in Raudonatschen die ersten Zivilrussen ein. Sie kamen aus Sibirien; manche waren dorthin verschleppt worden. Sie waren zum Teil nicht mal der russischen Sprache mächtig. Als erstes haben sie alle Herde, die für sie gesetzt waren, abgerissen und haben ihre Öfen gebaut. Sie schliefen auf dem Ofen, das Jungvieh darunter und die Kuh dahinter.

Jeder dieser Russen mußte mit einem Deutschen zusammenarbeiten. Der Kommandant ließ die Neuankömmlinge und uns zusammenrufen und gab den russischen Zivilisten die Anweisung, daß sie alles genauso tun müßten, wie es die Deutschen täten. Durch das gute Verhältnis zwischen ihnen und uns haben sie, obwohl sie selbst nicht viel hatten, alles mit uns geteilt. Bei unserer endgültigen Abfahrt haben sie geweint.

Unsere alten Ortsnamen wurden noch bis 1948 geführt. An den Ortseingängen standen bis zu unserer Ausweisung weiterhin die gelben Ortsschilder mit den deutschen Namen. 1947, als wir 16 Jahre alt wurden, mußten wir sechs oder sieben Jugendlichen von Raudonatschen fünfmal nach Ragnit, um uns Pässe machen zu lassen. Auf denen stand als Wohnort noch immer Raudonatschen, auch später bei den anderen Papieren schrieben die russischen Behörden die alten deutschen Ortsnamen; die nach 1938 gültigen Ortsnamen waren den Russen unbekannt.

Die fast 30 Kilometer nach Ragnit gingen wir zu Fuß. Nahezu alle Dörfer, durch die wir kamen, waren menschenleer. Manchmal begegneten wir auf der langen Strecke nicht einem einzigen Menschen.

Am 18. September 1948, als die meisten schon zum Abtransport auf dem Wege nach Tilsit oder Ragnit waren, mußten wir mit vier Gespannen Bretter besorgen. Kurz vor Neusiedel auf der linken Seite haben wir einige Dächer abgedeckt, um an die Schalbretter zu kommen.

Am 19. September brachte man uns und die anderen Zurückgebliebenen mit zwei LKW nach Ragnit, zahlte für uns anderthalb Monate das Geld aus und fuhr uns, da die Züge voll waren, gleich nach Königsberg weiter.

Nachdem ich heute die vielen Berichte über die damaligen Zustände bei den anderen Sowchosen unseres Gebietes gelesen habe, kann ich nur abschließend feststellen, daß uns der "unser" Russe besser behandelt hat als in jenen Orten".

Autor : © Erwin Schneider
Quelle : Heimatbrief "Land an der Memel" Nr. 65/1999

Breitenstein



© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 01.09.2004
www.tilsit-ragnit.de
letzte Änderung dieser Seite : Donnerstag, 3. Februar 2011