Kraupischken - Breitenstein : Zweiter Weltkrieg
Die Evakuierung des Kirchspiels Breitenstein

Das Kirchspiel Breitenstein wurde infolge des russischen Vormarsches im Oktober/November 1944 geräumt. Der Teil des Kirchspiels östlich der Inster erhielt den Räumungsbefehl am 23.X.1944, der westlich der Inster gelegene Teil am 4.XI.44, nur die wichtigsten Betriebe, so die Post, die Umschaltstation des Überlandwerkes, die Kleinbahn und einige Kaufleute usw. blieben zurück. Als Evakuierungsorte waren in dem westichen Teil der Provinz die Kreise Bartenstein und Braunsberg vorgesehen.
Zunächst wurden die ganz alten Leute und die Frauen mit kleinen Kindern mit der Eisenbahn verladen. Sie durften nur die nötigste Habe mitnehmen. Andere Teile der Bevölkerung fuhren mit Lastwagen, soweit diese noch zur Verfügung standen, in den Evakuierungsort. Die landwirtschaftlichen Betriebe gingen bis zum 19.X.44 ihrer üblichen Arbeit nach, obwohl für den südöstlichen Teil unseres Kirchspiels der Feind nur 30 km entfernt war.

Die Kreisleitung gab für unsere Dörfer den Befehl zum Packen reichlich spät, etwa am 19.X., doch ängstlich geworden durch die aus den Grenzkreisen vorher durch unsere Dörfer gezogenen Trecks, hatten die meisten Landwirte und Bauern die Treckwagen fertig gemacht und mit Teppichen und Planen bespannt. Man hatte von den durchziehenden Trecke Erfahrung gesammelt, was neben allem anderen als wichtigste Dinge mitzunehmen wären: Reserveräder, Handwerkszeug, Hufbeschlagsmaterial, Eimer und Futtertröge für die Pferde u.dgl..
Am 21.X. kam der Befehl, alles Rindvieh und Fohlen in die Insterwiesen zu treiben. Brüllend trieben sich diese Viehherden herum, und unsere leistungsfähigen Herdbuchbetriebe sahen plötzlich ihre Arbeit von mehreren Generationen vernichtet. Der 23.X.1944 war der Schicksalstag für unser Kirchspiel. Wir verließen unsere Heimat. Mit Pferdefuhrwerken, im Treck, kam man in einigen Tagesmärschen zu seinem Evakuierungsort.

Ein Wahnsinn war es, daß man die alten Männer zum Volkssturm einberief und alleinstehende Frauen ihren Treck führen mußten, nur auf die Hilfe von französischen und belgischen Kriegsgefangenen oder polnischen Zivilarbeitern angewiesen. Bereits diesseits der Grenze wurden die Russen noch einmal aufgehalten, und die Front blieb in einer Entfernung von etwa 30 - 30 Kilometern bis 12.1.1945 stehen.
Es war die letzte Ruhe vor dem Sturm, die die russische Führung brauchte, um ihre Truppen vor dem Angriff bereitzustellen. Der Feind verhielt sich verhältnismäßig ruhig. Das nutzten einige unserer Kirchspielbewohner aus und fuhren von ihrem Evakuierungsort noch kurz in den Breitensteiner Raum zurück, um sich Bedarfsgegenstände, Pferdefutter und anderes Fehlende zu holen. Die Sache war nicht ganz ungefährlich, denn die russischen Jabos überwachten die Straßen und nahmen auch auf Zivilfahrzeuge keine Rücksicht.

Breitenstein und die Umgebung waren zu dieser Zeit mit deutschen Truppen belegt. Viele, die auf ihre Gehöfte noch einmal zurückkehrten, fanden ein großes Durcheinander vor. Von den letzten Tagen, in denen der Breitensteiner Bezirk noch in den deutschen Händen war, ist wenig in Erfahrung zu bringen. Der letzte Ortskommandant von Breitenstein war Oberstabsarzt Dr. Janson, Sanitätskompanie 615. Letzter Kampfkommandant Hauptmann Fritz Wonsag vom 349. Volksgrenadier - Division. Der Kampfkommandant bezog am 17.I.45 seinen Befehlsstand, den Keller im Hause von Malermeister Gassner. Am 18. und 19. Januar waren schwere Kämpfe um Breitenstein.


Mit Batterien, die bei Kauschen aufgefahren waren, schossen die Russen das Gut Breitenstein in Brand und besetzten es. Mit eingetroffenen Verstärkungen machte der Kampfkommandant am Nachmittag des 19.I.45 vom Haus Gassner - Schule - Krankenhaus gegen das Gut Breitenstein einen Gegenangriff, den er selbst leitete.

Über 100 Russen sind bei den Kämpfen um das Gut und den Insterübergang gefallen, 3 russische Panzer und 2 Flugzeuge abgeschossen worden. Die Russen wurden aus dem Gut geworfen; Dorf und Gut Breitenstein waren noch am Abend des 19.I.1945 fest in der Hand des Kampfkommandanten. Am gleichen Abend erhielt Hauptmann Wonsag den Befehl zum Rückzug auf Seßlacken.

Quelle : Matthias Hofer und Christa Palfner : "Das Kirchspiel Kraupischken - Breitenstein im Kreis Tilsit-Ragnit"; herausgegeben im Selbstverlag der Stadt Lütjenburg © 1970

Breitenstein



© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 01.07.2003
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letzte Änderung dieser Seite : Donnerstag, 3. Februar 2011