Kraupischken - Breitenstein : Zweiter Weltkrieg
Der Volkssturm verteidigt unsere Heimat

Zum November 1944 wurde in Breitenstein der Volkssturm aufgestellt, der nach Angaben von Max Urbons, Maruhnen, aus 4 Kompanien bestand. Diese Volkssturmmänner, meistens ältere Jahrgänge, kamen nicht nur aus dem Kirchspiel Breitenstein, sondern auch aus anderen Teilen des Kreises. Als Führer des Bataillons war Oberleutnant Dumkow, Hauptlehrer in Breitenstein, eingesetzt. Man faßte die Männer zu kleinen militärischen Übungen zusammen, hatte dafür aber zu wenig Ausbildungsmaterial zur Verfügung. Einzelne Volkssturmangehörige wurden zu Unterführer- und Speziallehrgängen in andere Orte befohlen. Diese Maßnahmen dauerten bis zum Beginn der großen russischen Offensive am 12.I.1945. Nur zu deutlich wird vielen noch in Erinnerung sein, daß man jene, die ihrem Alter entsprechend noch zum Volkssturm gehörten und ihren Treck bzw. ihre Familie in den Evakuierungsort gebracht hatten, von dort zurückrief. Aus Kompanien des Volkssturms wurden, wie Urbons erklärt, Leute zu einer sogenannten "Jagdstaffel" zusammengestellt. Bekannt sind noch die Namen Engling - Friedrichswalde, Rübensaat - Altweiden und Strasdas - Langenort, Die Staffel führte Lehrer Dumkow; Urbons fungierte als dessen "Adjutant". Die Staffel bestand aus etwa 110 Mann, die mit 5 Lastwagen und einem Pakgeschütz ausgerüstet waren. Auf dem LKW wurden wenige Gewehre, Handgranaten und Panzerfäuste mitgeführt. Urbons fuhr in einem dem Klempnermeister Puschnerus gehörenden PKW. Etwa am 17.I.45 wurden die Breitensteiner Kompanien in den Raum um Lengwethen, Grauden, Perkühnen verlegt, weil man annahm, daß der Russe über den Baltischen Höhenrücken hinweg angreifen würde.

Die Jagdstaffel befand sich von jetzt ab in Kauschen und hatte in den Gehöften von Pfarrer Moderegger und Sembach Verteidigungsstellen bezogen. Am 18.I.45 wurde die Staffel in den Raum Friedrichswalde verlegt, um von dem damaligen Abschnittskommandeur, einem Major, der in Graudßen lag, weitere Einsatzbefehle zu erhalten. Der Kommandeur befahl, daß die Jagdstaffel bis nach Lengwethen fahren sollte und sich den dort liegenden Volkssturmkompanien anzuschließen hätte.

Kurz vor dem Grundstück Ketturkat -Maruhnen wurde die Staffel plötzlich von einigen russischen Panzern angegriffen und die Fahrzeuge, die Munition mit sich führten, in Brand geschossen. Dieser Angriff war am Abend und brachte die Staffel vollkommen durcheinander. Die Volkssturmmänner versuchten nun, sich in Richtung Winterlinden zu retten, wobei es den Ortskundigen leichter war, in dem kupierten Gelände Deckung zu finden als den Fremden, die die Gegend gar nicht kannten. Wie groß die Verluste im Augenblick des Beschusses waren, weiß niemand, da die Reste der sich Rettenden niemals mehr zusammengekommen sind.

Lehrer Dumko wurde später in Szillen durch Fliegerangriff verletzt und ist wahrscheinlich in einem Königsberger Lazarett verstorben. Urbons hatte bei sich 11 Mann, mit denen er sich als Ortskundiger auf Umwegen nach Breitenstein durchzuschlagen versuchte, dabei erfuhr er unterwegs, daß russische Panzer bereits in Lengwethen wären.
Von dem dortigen Ergehen des Volkssturms ist nichts bekannt. Es bestand die Gefahr, daß die Volkssturmmänner infolge ihrer mangelhaften Ausrüstung in Bezug auf ihre Kleidung - sie trugen Zivil und Armbinde - als Partisanen angesehen wurden. Viele brave Volkssturmmänner des Kirchspiels gelten von den Tagen an als vermißt. Bei Gr. Perbangen hatte Urbons von einem Offizier den Befehl erhalten, den Raum von Perbangen bis Gettschen etwa 4 km unter allen Umständen zu halten. Es standen ihm dazu 11 Mann, 2 Gewehre und 1 Pistole zur Verfügung. Eine Erkundung in Graudszen ergab, daß der Abschnittskommandeur bereits fort war und der Durchbruch des Feindes über die Chaussee Breitenstein - Lengwethen der Jagdstaffel gar nicht gemeldet wurde.


Es lag nun klar auf der Hand, daß mit den wenigen zur Verfügung stellen - den Menschen und Waffen jeder Widerstand aussichtslos war und nur ein Absetzen, so schnell wie möglich, die Männer vor der Gefangennahme retten konnte. Das Häuflein Urbons erfuhr am 19.I.45 abends durch zurückflutende Wehrmacht, daß Breitenstein aufgegeben und nur noch die Möglichkeit in Richtung Grünheide zu entkommen sei.

Um diese Zeit lag hoher Schnee und herrschte grimmige Kälte. Sämtliche Gräben und Waldstücke wurden ausgenutzt bei dem Indeckunggehen und Schutzsuchen und die Strapazen wurden unerträglich. Die russischen Panzer drangen immer weiter nach und zeitweise, so berichtet Urbons, waren Volkssturmmänner zwischen den Panzern, irgendwo Schutz suchend. Einige der Männer waren völlig erschöpft, setzten sich ab, um zu ruhen und ausschlafen zu können. Andere Volkssturmmänner, darunter auch Urbons, haben zwischen Grünheide und der Insterburg - Königsberger Chaussee Quartier bezogen.

Bei dem großen Durcheinander erfuhren sie, daß die Kreisleitung in Insterburg war. Dort nach großen Schwierigkeiten angekommen und in einer Kaserne Unterkunft gefunden, stellte man fest, daß die Stadt schon geräumt wurde und die Kreisleitung bereits getürmt war. Urbons war nur noch mit zwei seiner Kameraden zusammen; sie mußten Insterburg verlassen und irrten führerlos in Richtung Königsberg. Ein unterwegs getroffenes Fahrzeug, auf dem sich Volkssturmmänner befanden, wußte ihnen zu erzählen, daß die Kreisleitung jetzt in Bartenstein sei. Das Fahrzeug nahm Urbons und seine Kameraden nach Bartenstein mit.
Dort angekommen, hatten sie das gleiche Erlebnis wie in Insterburg, die braunen Helden waren weg, und auch hier herrschte Aufbruchstimmung. Ohne weitere Befehle abzuwarten, haben sich unsere drei tapferen Breitensteiner Volkssturmmänner zu den Quartieren ihrer Angehörigen, die im Bartensteiner Kreis evakuiert waren

Unsere alten Ostpreußen gingen, wie ihnen das Gesetz befahl, in den Tod, während ihre Familien hilflos auf den Straßen sich vor dem nachfolgenden Feind zu retten versuchten. Was unsere Volkssturmmänner auf sich allein gestellt, als Einzelkämpfer an Aufopferung geleistet haben, verdient vollste Anerkennung.

Quelle : Matthias Hofer und Christa Palfner : "Das Kirchspiel Kraupischken - Breitenstein im Kreis Tilsit-Ragnit"; herausgegeben im Selbstverlag der Stadt Lütjenburg © 1971

Breitenstein



© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 01.07.2003
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letzte Änderung dieser Seite : Donnerstag, 3. Februar 2011