Kirchspiel Kraupischken - Breitenstein :
Kattenhof - Raudonatschen

Zum Rittergut Kattenhof (zuletzt nach, dem ehemaligen Besitzer von Katte - Kattenhof genannt) gehörten um das Jahr 1730 herum das
Hauptgut Raudonatschen - ca. 2 400 Morgen
Vorwerk Insterfelde - ca. 900 Morgen
Weedern - ca. 700 Morgen
Laugallen - ca. 600 Morgen
Das sind zusammen etwa 1 150 ha = ca. 4 600 Morgen.

Was ist unter der Bezeichnung "Vorwerk" zu verstehen? Ein Vorwerk ist ein dem Hauptgut abgezweigter Wirtschaftshof. Wegen zu großer Entfernung der Ländereien vom Hauptgut war eine Bewirtschaftung von diesem ganz unwirtschaftlich. Jedes Vorwerk war also eine eigene Wirtschaftseinheit und stand je nach Größe unter Leitung eines dort wohnenden Wirtschafters oder Kämmerers. Das Vorwerk war ausgestattet mit dort wohnenden, in festem Vertragsverhältnis stehenden Arbeiterfamilien und dem für die Wirtschaftsführung erforderlichen lebenden und toten Inventar. Die Oberleitung und Aufsicht hatte immer der Administrator oder Verwalter mit Sitz auf dem Hauptgut. Ihm war meistens noch ein Inspektor als Hilfekraft beigegeben. Für die Buchhaltung und Gutskasse war ein Rendant vorhanden, der über die Gehalts- und Lohnkonten wie auch über die Wirtschaftsbücher, das Inventar, die Speicher und den Viehbestand eine geordnete Buchführung zu führen hatte. Dem Administrator unterstand der gesamte Ablauf. Er gab die Dispositionen heraus, tätigte den Ein- und Verkauf und vertrat alle Belange bei den Behörden.

Um das Jahr 1700 gehörte Raudonatschen der Familie von Katte. Ein Sohn dieser Familie war Leutnant und Freund des Kronprinzen Friedrich, des späteren Friedrich II., genannt "Friedrich der Große". Sein Vater, Friedrich Wilhelm I., hatte mit ihm laufend Meinungsverschiedenheiten und ein schlechtes Verhältnis. Deswegen wollte der Kronprinz seinem Vater aus dem Wege gehen und entschloss sich, 1730 nach England zu fliehen. Leutnant Katte war Fluchthelfer, doch wurde der Fluchtplan verraten, und der König stellte seinen Sohn als Deserteur vor das Kriegsgericht Küstrin. Das Kriegsgericht lehnte das Urteil über den Kronprinzen ab, verurteilte aber den Fluchthelfer und Freund, Leutnant von Katte, zu lebenslänglicher Festungshaft. Der König verschärfte diesen Spruch in das Todesurteil, und vor den Augen seines Sohnes ließ er Leutnant von Katte in Küstrin erschießen. Nun unterwarf sich der Kronprinz dem Willen und den Anordnungen seines Vaters, der 1740, völlig versöhnt mit seinem Sohn, verstarb. Der Vater von Leutnant von Katte wollte seinem Leben durch Erhängen im Wald von Raudonatschen ein Ende machen, als er von der Erschießung erfuhr. Von Generation zu Generation erzählte man sich, dass der Diener des Herrn von Katte ihm nachgeschlichen sei und es verstanden hat, seinen Herrn zu überreden, dieses nicht zu tun, da er damit niemand nütze. Mit einem Spruch aus dem "Petrus"-Brief hat er ihn getröstet. Ein Baum im Wald, genannt die "Petrusfichte", erinnert an den Ort des Vorhabens. Bis zu unserer Vertreibung war an dieser Fichte eine Tafel mit der Erinnerung an diesen Vorfall. Aus Dankbarkeit gegenüber seinem Diener und Lebensretter setzte von Katte diesen als Schulmeister in der Schule Raudonatschen ein.

Die Schule war bei der Gründung mit 20 Morgen Land versehen worden, um das damals kärgliche Gehalt des Lehrers mit den Erträgnissen aus diesem Land etwas zu untermauern. Die Bestellung der 20 Morgen oblag den Begüterungen, die zu dieser Schule gehörten, wie auch die Anlieferung von Brennwerk für Schule und Lehrer. In Form einer Stiftung zweigte von Katte von seinem Rittergut Raudonatschen eine Hufe Ackerland (um die Schule herum gelegen) als Eigentum der evangelischen Kirche in Kraupischken ab zur zusätzlichen, unentgeltlichen Nutzung durch den jeweiligen Lehrer, damit dieser sein Lehramt auch wirklich sorgenfrei erfüllen könne und er und seine Familie keine Not zu leiden brauchte. 1 Hufe umfaßte 68 Morgen, somit hatte der Lehrer 68 Morgen zu bewirtschaften. Er hielt Knecht und Magd und wirtschaftete wie ein mittlerer Bauer. Die älteren Kinder waren immer bereit, mitzuhelfen und auf einige Stunden des Unterrichts zu verzichten. Zum Schulbezirk gehörte noch Abbau Pautkandszen und Gut Insterfelde. Um das Jahr 1875 gehörte das "Gut Raudonatschen" den Eheleuten Max und Emmy Hewald. Diese verkauften alle Vorwerke, so auch Insterfelde an ein Ehepaar Heisel und Weedern an den Landwirt Johannes Steinkat aus Neu Lubönen und das Vorwerk Laugallen an den Vater des letzten Besitzers, Bruno Kühn.


Schloß Rittergut Kattenhof/Raudonatschen: Frontansicht

Im Jahre 1892 oder 1893 wurde das Hauptgut Raudonatschen von dem Ehepaar Hewald an die Familie von Sanden-Toussainen verkauft. Unter diesem Besitzer soll das Gut in Schulden geraten sein, aber ein Administrator mit dem Namen Huguenin soll es freigewirtschaftet haben. Der diesem nachfolgende Verwalter Deinat konnte mit den Verhältnissen und Anforderungen, vor die sich nach dem ersten Weltkrieg größere landwirtschaftliche Betriebe gestellt sahen, bei dem vollständigen Zusammenbruch der Preise nicht fertig werden. Im Jahre 1928 erwarb die Ostpreußische Landgesellschaft in Königsberg das Rittergut mit allem lebenden und toten Inventar.
Es entstanden 17 Bauernsiedlungen von 60 - 120 Morgen Größe, eine Gastwirtschaft mit 20 Morgen gehörte Dowedeit, ein Schmiedegrundstück mit 10 Morgen und vier Altensiedlungen mit etwas Gartenland. Fiehl war der Besitzer des Schmiedegrundstückes.

Die Namen der Siedler, die an der Chaussee lagen, waren Berta Bieber, Albert Lang und Leopold Oschkinat, Auf dem Weg nach Kuttkuhnen wohnten Leopold Lippke, Gottlieb Kludt, Eduard Winter, Adolf Reib, Emil Hauwetter und Paul Schröder. Am Landweg nach Grüntal hatten die Siedler Rudolf Siebeneich, Mathes Pilzecker, Max Paulat und Friedrich Gehrmann ihre Grundstücke, und an dem Weg nach Laugallen wohnten Eduard Haumilkat und Fritz Neubert. Aus dem südlichen Ostpreußen waren 8 der Siedler gekommen. Das Restgut von 1 000 Morgen mit den gesamten Hofgebäuden und dem Schloß erwarb Willy Ohm, der das vor den Toren von Königsberg gelegene Gut Matternenhof besaß. Ohm hat als Verwalter das Ehepaar Lekies eingesetzt. Diese waren auch nach der Besetzung durch die Russen noch dort und sollen 1947 den Hungertod gefunden haben.


Zum Schloß sei noch folgendes gesagt: Die Auffahrt zum Schloß war beiderseitig durch einen schweren, tiefhängenden Kettenzaun aus großen vierkantigen etwa rechteckigen Gelenken, wie durch Girlanden abgegrenzt. Tiefschwarz lackiert mußte jedermann annehmen, das Material wäre Eisen, es war aber nur Holz. Nicht jeder Besucher hat dieses gemerkt. Die täuschende Aufmachung war gelungen und repräsentativ. Sie erschien so gediegen, wie das Schloß in seiner Bauart es auch war.

Ein weibliches Arbeitsdienstlager war in den dreißiger Jahren in dem Schloß untergebracht. Die Maiden arbeiteten auf den Siedlerhöfen.

Über die Schule Kattenhof (Raudonatschen) wäre noch folgendes zu erzählen: Lange Jahre hatte die Schulstelle Lehrer Huguenin inne, ein Bruder des Administrators, etwa von 1895 -1928. Er hatte auch noch die Poststelle übernommen und hielt hierfür eine besondere Hilfskraft. Es war damals eine sehr begehrte und einbringliche Schulstelle, die von allen im Kirchspiel das meiste Land hatte. Von 1928 - 1936 betreute die 68 Morgen mit großer landwirtschaftlicher Sachkenntnis Lehrer Schmidt, dann folgte ihm ein junger Lehrer Philipps, der verzweifelt über das viele Land war, von dessen Bewirtschaftung er nichts wissen wollte. Der Schulverband verpachtete daher 66 Morgen und schuf damit einen Fond zur Unterstützung bei der Ausbildung begabter Kinder von ärmlichen Eltern. Lehrer Philipps verpachtete auch seine zur Schulstelle gehörigen 20 Morgen Land, Nach ihm bezog 1938 Lehrer Anders die Kattenhofer Schulstelle und nahm die 20 Morgen Schulland wieder in eigene Nutzung. Mit der Vertreibung 1944 ist auch der Unterstützungsfond verlorengegangen. Neben dem Schulgrundstück hat vor vielen Jahren eine Windmühle gestanden, deren Besitzer um 1900 Friedrich Engelhard war. Er mahlte das Korn für Menschen und Tiere und besaß das gegenüberliegende Rasthaus. Als die Siedlerstellen gebaut wurden, erwarb Otto Czunczuleit aus Perbangen den Gasthof. Sein Schwiegersohn Dowideit hat ihn bis zur Vertreibung besessen. Dem Schloß gegenüber wohnte in dem etwas zurückliegenden Haus der Gutsverwalter Huguenin, dessen Frau die Poststelle leitete. Zu dieser Zeit fuhr noch eine Pferdepost, später kam die Postagentur in das Schulhaus und eine Botenpost kam aus Neusiedel (Naujeningken). Zum Zustellbezirk gehörten Raudonatschen, Weedern, Grüntal, Buttkuhnen, Klein Ballupönen und Insterfelde.

Von 1923 - 1940 führte Fräulein Anna Fiehl, jetzige Frau Sawatzki , die Postagentur. Von dann bis zur Vertreibung der Bruder Franz Fiehl.


Quelle : Matthias Hofer und Christa Palfner : "Das Kirchspiel Kraupischken - Breitenstein im Kreis Tilsit-Ragnit"; herausgegeben im Selbstverlag der Stadt Lütjenburg © 1971 (Text und Bild)

letzte Statistik (Stand : 1.08.1944) - Einwohner Stand :17.05.1939)
  • Kattenhof ( Einw. : 270 Fläche : 838 ha )
    • alter Namen : Raudonatschen
    • nach 1945 : Volocaevo

    • Insterfelde ( Anm.:das Dorf existiert nicht mehr)
      • alter Namen: Raudonatschen,Schä.

Anmerkung: Ort und Wohnplatz zugehörig zum Ksp. Breitenstein

Kartenmaterial:
Der Ort ist auf folgenden Landkarten verzeichnet:
  • Karte des Deutschen Reiches 1:100 000 - Ausgabe Kreiskarten/Kreis Tilsit-Ragnit aus dem Jahre 1940 - Nachdruck Bundesamt für Kartographie und Geodäsie
  • Karte des Deutschen Reiches - Topographische Karte 1:25 000 - Nr. 1198 (Breitenstein) -
    aus dem Jahre 1938 - Nachdruck Bundesamt für Kartographie und Geodäsie

Die Karten sind unter folgender Internetadresse zu beziehen: www.bkg.bund.de


Weitere Beiträge :
Katharina Willemer: Raudonatschen im Kirchspiel Kraupischken/Breitenstein


Kirchspieldörfer



© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 01.07.2003
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letzte Änderung dieser Seite : Donnerstag, 26. Januar 2017