Kirchspiel Kraupischken - Breitenstein :
Dr. Wilhelm Sieloff, Kraupischken
Von Katharina Willemer

Im Juni 2014 rief mich Irmgard Kohlhase, geb. Jankowski (87) aus Löbenau/Kreis Schloßberg, rüstig und vital, an. 1941 wurde sie in der Kirche von Lasdehnen konfirmiert Der Hausarzt war Dr. Wilhelm Sieloffaus Kraupischken, verzeichnet im Telefonbuch von 1931: praktischer Arzt, Anschluss 59. Im Winter 1939 erkrankte genau zum Heiligabend die gesamte Familie Jankowski schwer an Grippe. Dr. Sieloff wurde telefonisch gerufen. Per Taxi auf Kosten der erkrankten Familie reiste er an. Irgendjemand hatte die Kerzen des Weihnachtsbaumes in der guten Stube angezündet, und da standen sie im Flatterhemdchen und wurden nacheinander behandelt und dann wieder gesund.

Pastor Dr. Richard Moderegger und der Arzt Dr. Wilhelm Sieloff waren für alle Einwohner des Kirchspiels und der Randbezirke bis heute die wichtigsten und unvergessenen Persönlichkeiten, an die sich jeder lebhaft erinnert und die erlittenen Blessuren beschreibt. Leider gibt es nur wenige Daten im Register von Breitenstein zu finden. Studium und Promotion von Dr. Sieloff fanden wohl in Königsberg statt. Nach der Flucht lebte er bis zu seinem Tode am 06.08.1966 in Kiel. Neben seiner Praxis bewirtschaftete er einen landwirtschaftlichen Betrieb in Pelleningeken. Anfang der 1930er Jahre wurde das stattliche Haus direkt an der Inster mit Privat- und Praxisräumen erbaut. Gegenüber lag die Mühle Metschulat. Klaus Dieter-Metschulat hat uns seine Erinnerungen zusammengefasst: Zwischen Metschulats und Sieloffs bestanden lange und enge Beziehungen. Wie ist es dazu gekommen? Dr. Wilhelm Sieloff stammte aus Berszienen/Grünbirken.


Dr. Sieloffs Wohnhaus von der Inster aus gesehen

Berszienen gehörte zum Kirchspiel Pelleningken/ Strigengrund, Kreis Insterburg. Dr. Sieloffs Vater, Otto Sieloff, besaß in Berzienen ein Gut. Mein Großvater August Metschulat kam aus Stirkallen, das Nachbardorf gehörte ebenfalls zum Kirchspiel Pelleningken/ Strigengrund. August Metschulat und Otto Sieloff gingen zusammen in Stirkallen beim Lehrer Führer zur Schule und wurden gute Freunde. Der Lehrer Führer stand kurz vor der Pensionierung, sein Unterricht war schlecht geworden, und so setzten sich Otto Sieloff und August Metschulat nach der Schulentlassung zusammen, beschafften sich Bücher, um sich in Rechnen und Deutsch weiter zu bilden.

Ottos Sohn, Wilhelm Sieloff, ging nach vier Grundschuljahren nach Insterburg zum Gymnasium, um dann in Königsberg zu studieren. Nach Beendigung des Studiums ließ er sich Ende der 1920er Jahre in Kraupischken nieder. Um 1934 errichtete er in seinem neu gebauten Haus seine Arztpraxis ein und wurde direkter Nachbar von Metschulats. Dr. Sieloff wurde bald der bekannteste und angesehenste Arzt in der ganzen Region. Seine Praxis, einmalig für damalige Verhältnisse, hatte sogar einen Röntgenapparat. Nach dem Tode seines Vaters Otto, übernahm er das etwa 14 km entfernte Gut Berszienen, stellte einen Verwalter ein, und bewirtschaftete die 118 ha von Kraupischken aus weiter.

Das Gut hatte u.a. nachstehenden Viehbestand: 22 Pferde, 60 Rinder, davon 32 Herdbuchvieh, eine Warmblutpferdezucht (Stuttbuch) und eine Geflügelzucht - 1.000 amerikanische Legehühner".



Breitenstein (Kraupischken) Blick auf die Inster und den Ort - 1916

Ende September 2014 erreichte uns aus dem Archivbestand von Jurij Userzow ein Brief des Sohnes von Dr. Sieloff, Georg-Werner Sieloff, vom 20. Oktober 1997. Eine wichtige Unterstützung, herzlichen Dank dafür.

Georg-Werner Sieloff schreibt: "Zu meinem Vater: Der praktische Arzt Dr. med. Wilhelm Sieloff wurde am 04.08.1892 als Sohn des Landwirts Otto Sieloff und seiner Ehefrau, Anna, in Grünbirken (früher: Berszienen), Kreis Insterburg, geboren und besuchte nach der örtlichen Volksschule das Gymnasium in Insterburg. Wegen einer schweren Erkrankung mit anfänglichen Behinderungen und dauernder Wehruntüchtigkeit konnte er bald nach der Schule mit dem Studium der Medizin beginnen. Er studierte in Königsberg, Freiburg, München und wieder Königsberg. Nach Abschluss der Gesamtausbildung ließ sich mein Vater 1920/21 in Breitenstein, dem damaligen Kraupischken, als praktischer Arzt und Geburtshelfer, heute würde man sagen: Allgemeinpraktiker, nieder. Mein Vater war, das glaube ich sagen zu dürfen, ein beliebter Arzt, der einen großen Patientenstamm hatte, vielfach auch von Kranken aufgesucht wurde, die außerhalb des eigentlichen Kirchspielbereichs Breitenstein (Kraupischken) wohnten. Erst durch den Bezug eines eigenen Hauses mit den dringend erforderlichen Räumlichkeiten und der zeitgemäßen großzügigen Ausstattung mit modernen Geräten - Röntgen und sonstigen elektrischen Behandlungsapparaten - war es meinem Vater möglich, seine Patienten für die damalige Zeit optimal zu behandeln. Natürlich haben der Fortschritt der Medizin und die Einführung neuer Medikamente wesentlich zur Verbesserung der Allgemeinsituation beigetragen. Werfen wir heute einen Blick zurück in die Vorkriegszeit oder Gesamtzeit der beruflichen Tätigkeit meines Vaters oder eines Landarztes allgemein. Die Weiträumigkeiten, die oft fehlenden Fernsprechverbindungen sowie zum Teil schlechten Straßen, Landwege, ferner durch Witterungseinflüsse zeitweise Unbefahrbarkeit der Wege und Straßen. Es ging dann nichts mehr. Man war auf Pferd und Schlitten angewiesen. Technische Hilfsmittel gab es einfach nicht.

Leider ist mein Vater auf Fahrten zu Patienten mehrfach, auch schwer, verunglückt. Weihnachten 1939 zog er sich einen Oberschenkelhals-, einen Beckenbruch und eine Knieverletzung zu. Damals war er ca. vier Monate im Insterburger Krankenhaus und konnte erst nach längerer Zeit die Arzttätigkeit ausüben. Er war seit dieser Zeit deutlich geh- und auch etwas bewegungsbehindert. Bis zum Kriegsende beziehungsweise bis zur Evakuierung/Verlegung der älteren Zivilbevölkerung von Breitenstein Richtung Westen waren meine Eltern dort. Im Rahmen der allgemeinen Kriegswirren gerieten meine Eltern in Pommern in russische, später polnische Gewalt. Mein Vater war auch bis 1947 in einem polnischen Krankenhaus eingesetzt, kam dann in die damalige DDR, hat dort ca. drei Jahre in Röbel/Müritz als Arzt gearbeitet, ist von dort über West-Berlin in den Raum Düsseldorf (dort wohnte meine Schwester) gegangen -


Breitenstein (Kraupischken) Apotheke und Bank 1925

In Hilden bei Düsseldorf ließ er sich als Arzt (eigene Praxis) nieder. Am 06.08.1966 verstarb mein Vater nach einem erfüllten und sehr arbeitsreichen Leben. Ihm blieb langes Krankenlager erspart. Wer erinnert sich noch an seinen ganz kleinen roten "Hanomag", mit dem er jeden Landweg, jeden Graben und andere Hindernisse bezwang? Fuhr man mit ihm einmal in der rauhen ostpreußischen Winternacht mit, so war seine Orientierung immer dahin, wo zu später Stunde noch ein Licht brannte. Hier wartete man auf Herrn Doktor. Mein Vater war nicht nur Arzt aus Berufung, so würde ich es sehen. Er war auch ein Mensch, der seine Herkunft und Bindung zur Landwirtschaft niemals verleugnete und darin auch einen gewissen Kraftquell sah. Die Vorfahren sind väterlicher- und mütterlicherseits (beide Elternteile) so etwa 1730 als Salzburger nach Ostpreußen eingewandert und seit dieser Zeit als Landwirte tätig. - So war es für meinen Vater auch keine Frage, dass er das Gut seines Vaters nach dessen Tod übernahm und durch einen sehr tüchtigen Gutsinspektor verwalten ließ. Er interessierte sich generell für alles, war dem Fortschritt gegenüber sehr aufgeschlossen, ließ aber Herrn Broschell - sehr guter Viehzüchter - freie Hand."

In den 1990er Jahren stellten wir bei unseren Besuchen in Uljanovo den fortschreitenden Verfall des Hauses fest, deren Bewohner in schwierigen Verhältnissen lebten. Vor zwei oder drei Jahren konnte das Haus restauriert werden, und es entstanden ca. fünf Mietwohnungen, die der Kommunalverwaltung von Uljanovo unterstehen.

Autor : © 2015 Katharina Willemer
Bilder: www.bildarchiv_ostpreussen.de
Quelle : Heimatrundbrief "Land an der Memel" mit "Tilsiter Rundbrief" Nr. 96/2015 Seite 98

Weitere Beiträge:
Heiner J. Coenen: Fotografische Belege zu Dr. Wilhelm Sieloff

Joachim Scheer: 1943: Rezept von Dr. Wilhelm Sieloff





Gewerbe und Handwerk



© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 27.05.2015
www.tilsit-ragnit.de
letzte Änderung dieser Seite : Sonntag, 20. Dezember 2015