Die Breitensteiner Mühlenwerke
Chronik eines ostpreußischen Unternehmens


 

Das junge Unternehmen in Kraupischken ( seit 17.Juli 1938 Breitenstein) wurde nach dem Neubau 1921 von Müllermeister August Metschulat an seine Söhne Gustav und Hermann unter dem Firmenname

"Gebr. Metschulat Mühlen- und Elektrizitätswerke Kraupischken Ostpr."
übergeben.

Den Ursprung müllerischen Schaffens fand man allerdings schon seit 1866 in Bindszohnen (seit 1938 Binden) Kreis Insterburg. Betreiber der Bockwindmühle war damals der Großvater der jetzigen Inhaber.

Gebaut wurde das zeitgemäß moderne Mühlenwerk in den Jahren 1919/20 auf dem gekauften Ackergrund der Gutbesitzerin Elisabeth Hofer (direkte Verwandte mit der Dichterin Agnes Miegel) in Adlig Gut Breitenstein.


links : Gustav Metschulat


rechts : Hermann Metschulat

Kraupischken, ein aufstrebendes Kirchdorf mit guten Straßenverbindungen nach Tilsit, Ragnit, Insterburg und Gumbinnen lag in einem fruchtbaren landwirtschaftlichem Umfeld.

Die Mühle war in der ersten Bauphase mit drei doppelten Walzenstühlen, ein Mahlgang und zwei freischwingenden Plansichtern ausgestattet Derzeit beträgt die Tagesleistung ca. 10 to Getreide. Für Roggenback- und Futterschrot dienten zwei Schrotgänge. Einrichter war die bekannte Mühlenbaufirma Gebr. Seck in Dresden. Der Antrieb erfolgte mit einer 120 PS starken Wolf´schen Dampfmaschine, die zugleich auch Gleichstrom für einen Teil von Kraupischken und den 2 km entfernten Ort Warnen lieferte.

Neben der Kunden-Umtausch - und Handelsmüllerei (für Bäcker) wurde auch Handel mit Getreide, Saaten, Futter- und Düngemittel sowie Brennmaterialien betrieben.


Bild oben : Postkarte : Mühle Kraupischken 1924

Für die Belieferung der Bäcker in den Städten Tilsit, Ragnit und Insterburg sowie den Umtauschmühlen und der späteren Zweigstelle in Rautenberg wurde ein Lastzug (Komnick Elbing, (vollgummibereift) mit 10 to Gesamtnutzlast angeschafft. Im Nahverkehr standen zwei Pferdegespanne mit Tafelwagen (zuletzt gummibereift) zur Verfügung.

Neben dem massiven Mühlengebäude in roten Ziegeln wurde 1924 das Getreidelagergebäude erstellt. In dem Zellenblock konnten 265 to und auf den Schüttböden weitere 100 to Getreide gelagert werden. In diesem Gebäudeteil fand eine Vorreinigung und Verwiegung des ankommenden Getreides statt. Eine komplette Saatgutreinigung mit Tischausleser und Beizanlage stand den landwirtschaftlichen Kunden zur Verfügung.

Bild unten : Zweigstelle Mühle Rautenberg 1938
1925 wurde die erste Zweigstelle im 13 km entfernten Rautenberg als Neubau eröffnet. Es waren zwei Schrotgänge mit Antrieb durch einen 40 PS Deutz-Dieselmotor vorhanden. Auch hier wurde Gleichstrom für den Eigenbedarf erzeugt. Für die Getreidelagerung dienten drei Holzzellen mit 45 to Gesamtfassung. Weitere Lagermöglichkeiten gab es für den Landwarenhandel. Zu gleicher Zeit wurde in den vorhandenen Gebäuden der ehemaligen Privatmolkerei die Mast von ca. 60 bis 80 Schweinen aufgenommen.

Der Teilhaber der Firma, Hermann Metschulat hatte hier seinen Wohnsitz genommen.

Die Mühle in Kraupischken erfuhr durch die steigende Nachfrage der Produkte ständig bauliche Erweiterungen und Modernisierungen.
In der Endstufe leistete die Mühle in 24 Stunden ca. 20 to Weizen oder Roggen mit sieben doppelten Walzenstühlen, vier freischwingenden Plansichtern und einer doppelten Grießputzmaschine.
Alle Umbauten wurden nun von der MAG Mühlenbau- und Industrie AG in Braunschweig bzw. deren Außenbüro in Königsberg durchgeführt.

1928
wurde neben der Werkstatt eine Walzenriffelei eingerichtet, die auch Lohnaufträge von einigen Mühlen und größeren Gütern übernahm.

1930
Durch Vergrößerung der Mühle reichte die Dampfkraft nicht mehr aus.

rechts: Mühle Kraupischken mit Umland 1938

So wurde der gesamte Betrieb auf elektrische Gruppenantriebe umgestellt. Den Strom lieferte das Überlandwerk Gumbinnen (später Ostpreußenwerk AG) Die elektrische Einrichtung führte die Fa. Siemens AG aus.
Das Gebäude der Dampfmaschine konnte in ein 2-etagiges Lagergebäude für Kleie, Futter- und Düngemittel umgebaut werden.

1932
entstand östlich des Hauptgebäudes separat ein 3-etagiges Lagergebäude in Holzausführung, Nutzung :
    • Parterre : Saaten, Futtermittel und Kleesaatreinigung
    • 1.Stock : Mehl-Sacklagerung und Kleinbeutel-Packerei
    • 2.Stock : Gerste, Hafer- und Futtergetreide - lose Lagerung
      insgesamt ca. 120 to

1933
wurde der alte Lastzug gegen einen schnelleren Daimler-Benz (luftbereift) mit 10 to Gesamtnutzlast ersetzt.

1934
Einbau einer Saatreinigungs- und Beizanlage in Rautenberg


Bild rechts:"Daimler-Benz - Lastzug" 1933

1934
Bau eines Garagengebäudes für zwei Lastkraftwagen und ein Personenwagen in Kraupischken. Über den Garagen befanden sich das Mühlenlabor, Aktenarchiv und der Wäsche-Trockenboden.

1935
Neubau eines modernen Schweinezuchtstalles für 25 Zuchtsauen, Ferkel und zwei gekörte Zuchteber.

Zweigstelle Mühle Altenkirch 1944
1936
Eröffnung der zweiten Zweigstelle in Budwethen (seit 1938 Altenkirch). Neben einem Schrotgang und einer Saatreinigung mit Beizanlage diente der lange Lagerraum für alle Landwaren. Im 1.Stock konnten 60 to Getreide lose gelagert werden. Als Antrieb diente ein Güldner-Dieselmotor mit 25 PS.

1938
Mit der Eindeutschung vieler ostpreußischer Ortsnamen speziell im Nordosten der Provinz Ostpreußen erhielt auch Kraupischken einen neuen Namen : Breitenstein - und Budwethen hieß nun Altenkirch.
Da es oft zu Verwechslungen mit der selbstständig arbeitenden Firma Gebr. Metschulat in Bindszohnen ( seit 1938 Binden) und Insterburg kam, wurde die Firma Gebr. Metschulat Mühlenwerke Kraupischken in
"Breitensteiner Mühlenwerke Gustav und Hermann Metschulat"
umbenannt.

1938
erhielt die Zweigstelle Rautenberg eine Ölkuchenbrechanlage. Mit dieser wurden vorwiegend Platten aus Sonnenblumen -, Lein- und Erdnußkuchen gebrochen und auf dem Schrotgang fertig gemahlen.

1939
wurde der zweite Lastzug "Opel-Blitz" mit 7,5 to Gesamt-Nutzlast angeschafft.

rechts: Wohnhaus der Familie Gustav Metschulat und für ca. 20 Mitarbeiter


1939/40
wurden die Zweigstellen Altenkirch und Rautenberg von Diesel- auf Elektroantrieb umgestellt und an das Überlandwerk der Ostpreußenwerk AG angeschlossen.

1941
Letzte Modernisierung der Mühle in Breitenstein durch die MIAG in Braunschweig. Durch die politischen Ereignisse kam es nicht mehr zum Neubau eines 1000 to Getreidesilos.
Alle Gebäude hatten arbeitsentlastende Rampenböden.

Als Dienstleistungen für die landwirtschaftlichen Betriebe dienten eine fahrbare Kartoffeldämpfkolonne, ein Kleedrescher, eine Tankstelle für Generator-Fahrzeuge in Breitenstein sowie Batterieprüf - und Ladeanlagen in allen Betrieben.

Die Breitensteiner Mühlenwerke beschäftigte in drei Betrieben 1939 ca 50 Mitarbeiter, davon 14 Angestellte.
Der Anteil der erzeugten Mühlenfertig-produkte für die Umtauschmüllerei lag bei ca.60-70 % und der Rest für die Handelsmüllerei (Bäcker)

Im Herbst 1944 wurden die Zweigstellen wegen planmäßiger Räumung des "nahen" Front-gebietes stillgelegt.

Der Betrieb in Breitenstein arbeitete mit voller Kapazität noch bis Januar 1945 für mehrere Wehrmachtsfeldbäckereien.

Ab 17.Januar 1945 ruhte
die Mühle für immer...
.



letzter Briefbogen der Firma

Nach der Besetzung durch sowjetische Truppen wurden die kompletten Einrichtungen der drei Betriebe demontiert und nach Rußland tranportiert.

Die Gebäude in Altenkirch und Rautenberg sind abgerissen worden.

In Breitenstein (heute Ul´janovo) steht nur noch das Hauptgebäude, ohne es sinnvoll zu nutzen.


rechts:Hauptgebäude der Breitensteiner Mühle im Jahre 1995


Autor: © 2001 Werner Metschulat, Braunschweig (früher Rautenberg)


Die Breitensteiner Mühlenwerke - Chronik eines ostpr. Unternehmens (ca. 790 KB)

Klaus-Dieter Metschula: Die Integration der ostdeutschen Flüchlinge nach 1945 - am Beispiel meiner Eltern

Klaus-Dieter Metschulat: Kraupischken/Breitenstein 1944 bis Januar 1945

Gewerbe und Handwerk



© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 15.12.2001
www.tilsit-ragnit.de
letzte Änderung dieser Seite : Freitag, 27. Mai 2016