Kirchspiel Kraupischken - Breitenstein :
Dr. Hans Schumann
Erinnerungen an die Kindheit und Jugendzeit in Kraupischkten(Breitenstein)
Eingereicht von Klaus-Dieter Metschulat

Der folgende Bericht umfaßt Ausschnitte aus den Lebenserinnerungen, die mein Cousin Dr. Ing. Hans Schumann 1997 im Alter von 77 Jahren aufgeschrieben hat. Er schildert dort u. a. seine Kindheit und Jugendzeit, die er von 1931 bis 1937 in Kraupischken verlebt hat. Er beschreibt sehr eingehend die damaligen Verhältnisse und Begebenheiten in Kraupischken. Das alte Kraupischken lebt wieder auf. Viele Familiennamen und Erinnerungen werden wachgerufen, die vielleicht schon lange in Vergessenheit geraten sind. Auch wird wohl der erwähnte damalige Schulalltag von Interesse sein, der so ganz anders war als der heutige.

Hans Schumann ist 1920 in Ischdaggen Kirchspiel Pelleningken/Strigengrund im Kreis Insterburg auf dem Bauernhof seiner Eltern Hans und Auguste Schumann geb. Metschulat geboren. Seine Mutter war die Schwester meines Vaters Gustav Metschulat. Wenn man von Kraupischken nach Insterburg fährt, sieht man hinter Seßlacken auf der anderen Seite der Inster hoch aufragend die vom Krieg unzerstörte Pelleningker/Strigengrunder Kirche, die heute von der russisch-orthodoxen Kirche genutzt wird.

Hans machte 1939 in Tilsit sein Abitur und wurde danach zum Arbeitsdienst und nach dem Polenfeldzug zur Wehrmacht einberufen. Nach seiner Gefangenschaft studierte er in Hannover, bekam dort sein Diplom als Ingenieur und promovierte. Er erhielt eine hohe Position als Brückenbauer bei der Firma Thyssen-Klönne in Dortmund. Seine wohl berühmteste Brücke ist die Kölner Rodenkirchener Autobahnbrücke über den Rhein. Im August 2006 ist Hans Schumann gestorben.

Und noch etwas zur Erläuterung: Wenn Hans Schumann Onkel Gustav und Tante Herta erwähnt, so sind damit meine Eltern gemeint.
Nun aber zu den „Erinnerungen" meines Cousins:


Sechs Jahre in Kraupischken

Zu Anfang des Jahres 1931 hieß es, daß ich zum Schulwechsel nach Kraupischken zu Onkel Gustav und Tante Herta komme, um dort die höhere Schule zu besuchen. Nun war an der Kraupischker Schule seit 1930 eine Klasse, die zur höheren Schule (Realgymnasium Tilsit) weiterführte, eingerichtet worden.

Die konnte man in Kraupischken vier Jahre lang - später sechs Jahre - bis zur mittleren Reife besuchen, ehe man von der Schule ab- oder in Tilsit weiterging. Stoff und Lehrpläne waren mit dem Realgymnasium bzw. der dortigen Oberrealschule (kein Latein) angepaßt. Ohne weitere Erörterungen wurde ich in Kraupischken angemeldet, im März fuhren die Eltern mit mir zur Aufnahmeprüfung, die ich bestand. Geprüft wurden nur Schüler auswärtiger Schulen. Das waren Franz Brandstätter aus Girrehnen/Güldengrund und Elfriede Pilzecker aus Kraupischkehmen/lnsterhöh. Unser künftiger Lehrer, Herr Latsch, ließ uns einen Aufsatz und ein Diktat schreiben, dazu noch einige Rechenaufgaben lösen, ferner noch mündliche Fragen beantworten. Das war alles. Und unser Elfriedchen hatte die ganze Zeit ununterbrochen geweint. Ulrich Latsch gelang es nicht, sie zu beruhigen.

So nahm alles seinen Lauf. Kraupischken mit Onkel Gustav und Tante Herta waren mir ja nicht fremd, durch die vielen Aufenthalte von Klein an war es ein zweites Zuhause. So brachten mich meine Eltern zum Monatsanfang April nach Kraupischken, und damit begann für mich ein neuer Lebensabschnitt.

Das Leben und der Tagesablauf in Kraupischken waren mit dem Mühlenbetrieb und allem, was dazu gehörte, gänzlich anders als bei meinen Eltern auf dem Bauernhof. Als ich nach Kraupischken kam, wurde ich mit den besten Ermahnungen versehen: immer hilfsbereit, ehrlich und dankbar zu sein. Ich habe Onkel Gustav und Tante Herta auch nie Schwierigkeiten bereitet. 1931 änderte sich manches. Ich durfte mir lange Haare mit einem Scheitel wachsen lassen. Die Zeit der Glatzköpfigkeit war vorbei. In den ersten Apriltagen des Jahres 1931 begann der Unterricht in der gehobenen Klasse der Kraupischker Schule. Lehrer Ulrich Latsch kannte ich ja schon von der Aufnahmeprüfung. Latsch war ein Universalgenie. Er war kein Lehrer mit Universitätsstudium. Er hatte nach der Lehrerausbildung noch eine Zusatzausbildung zum Realschullehrer absolviert. Es gab Unterricht in Deutsch, Englisch, Französisch, Mathematik Unterstufe, Naturkunde, Geschichte. Nur Zeichnen, Turnen, Religion und Singen hatten wir bei anderen Lehrern von der Volksschule. Zum Singen und zum Religionsunterricht gingen wir zur alten Schule an der Inster zu Präzentor Eichler. Die neue Schule lag an der Ragniter Chaussee rechter Hand zwischen Kirche und Krankenhaus.

Unsere Klasse befand sich im ersten Stock über dem Eingang. Das Schulgebäude steht noch heute unbeschädigt, auch wenn die Russen es für andere Zwecke nutzen. Die Sexta und Quinta waren in einem Klassenraum untergebracht. Auf einem Klassenfoto aus dieser Zeit finde ich die Quintaner: Ilse Kutzwor, Gut Kerstupönen/ - Irmgard Thiel, Gastwirtschaft am Ende des Marktplatzes an der Insterstraße - Ilse Laser, ihr Vater war Lokomotivführer bei der Insterburger Kleinbahn - Dora Selnat, Vater Gutsbesitzer Gustav Selnat in Warnen - Hanna Scherreik, Vater Straßenmeister - Lisette Krause, Tochter von A. E. Krause, Maler und Inhaber eines Papier- und Glaswarengeschäfts - Siegfried Lekies, Vater Verwalter auf Gut Raudonatschen - Alfred Sellnat, aus Warnen, Mutter Gutsbesitzerin Frau Frieda Sellnat.

Dann kommen die Sextaner: Franz Brandstätter, Girrehnen, Vater Bauunternehmer, Maurer- und Zimmereigeschäft - Erna Stepputat, Kraupischkehmen, Vater Landwirt - Charlotte Ehrlichmann, Mutter war Schneiderin und wohnte im Haus von Schmiedemeister Rudat - Hildegard Krause, Schwester von Lisette Krause - Heinz Pillukat, Vater war Briefträger - Gerhard Groß, Textilgeschäft am unteren Ende des Marktes gegenüber der Gastwirtschaft Thätmeier - Hildegard Reimann, Vater bei der Post - Christel Ladscheck, Vater Postsekretär auf dem Postamt - Werner Siebert, Vater Puschnerus, Klempnerei und Installationsgeschäft - Elfriede Pilzecker, Kraupischkehmen, Vater Landwirt.


In der Schule hatte ich einen guten Start. Ich kam gleich gut zurecht. Lehrer Latsch hatte für das Vokabellernen eine eigene Methode. Wir mußten z. B. die neuen Vokabeln in einem Vokabelheft schriftlich wie folgt eintragen: Lehrer, teacher, teacher, teacher. Durch die dreimalige Wiederholung sollte anscheinend das Gedächtnis visuell zum Speichern des Erlernten angeregt werden. Nachteilig war nur, wie damals an allen Schulen gleich, daß zu wenig Konversation in der fremden Sprache gemacht wurde. Der Unterricht in den Fremdsprachen bei Ulrich Latsch war so gut, daß ich später in Tilsit auf der Oberstufe nichts mehr hinzugelernt habe. Der Unterricht in den anderen Fächern war genau so gründlich. Als ich später nach Tilsit kam, habe ich auch da keine Lücken feststellen können. Interessant waren seine Rahmen mit Ansichtspostkarten seiner Urlaubsreisen. In jedem Jahr während der Sommerferien machte er eine Deutschlandreise. Die Ansichtskarten, die er mitbrachte, kamen in diese Rahmen. In den Erdkundestunden hat er sie dann mit uns besprochen. Auf Disziplin und Ordnung achte er besonders. Wenn etwas daneben gegangen war, gab's Nachsitzen, nicht im Anschluß an den Schulunterricht, sondern am Nachmittag. Wo alle anderen draußen waren, trabte man mit der Schultasche in der Hand die Straße zur Schule hoch zu Ulrich Latsch, der saß an seinem Pult und korrigierte Hefte, während man selbst einen Aufsatz oder ähnliches schreiben mußte.

Ab Quarta unterrichtete auch Fräulein Frieda Trumpf in einigen Fächern. Fräulein Trumpf stammte aus Insterburg, sie war die Tochter des Fleischermeisters Trumpf. Ulrich Latsch und Fräulein Trumpf haben Ende der 30er Jahre geheiratet. Frieda Latsch kam gegen Ende des Krieges bei einen Bombenangriff auf Insterburg um. Was aus Ulrich Latsch geworden ist, weiß ich nicht. Gut war auch ein Junglehrer. Er hieß Erwin Krause und stammte aus Ragnit. Er hatte u. a. Sport bei uns. Bei ihm habe ich das Schwimmen gelernt. Er machte mit uns eine Mehrtagesfahrt nach Untereißeln. Wir übernachteten in der Jugendherberge, lagen tagsüber am Memelufer in der Sonne. Zwischendurch schwammen wir auch in der Memel zwischen den Spickdämmen. In den Strom hinauszuschwimmen war uns nicht gestattet, dazu reichten unsere Schwimmkenntnisse noch nicht.

Ab Obertertia kam Herr Uwe Abelmann zu uns. Er unterrichtete Mathematik, Physik und Chemie. Er gab sich viel Mühe. Was ihm fehlte, waren bessere Laboreinrichtungen für Laborversuche in Physik und Chemie, trotzdem hat sich dieser Nachteil nicht bei dem Unterricht auf der Oberstufe in Tilsit ausgewirkt. Abelmann stammte aus der Lüneburger Heide.

Dann kam ich zum Klavierunterricht zu Fräulein Eichler, der Tochter von Präzentor Eichler. Es machte mir auch Spaß, ich bin ja nicht unmusikalisch. Sogar mit den Noten wäre ich zurechtgekommen. Wenn da nicht die anderen Jungen gewesen wären. Jedes Mal, wenn ich zur Klavierstunde ging, spielten diese draußen und hänselten mich: „Na Hans, gehst du schon wieder zu Fräulein Eichler? Ist es schön bei Fräulein Eichler?" Ich schämte mich, und eines Tages bat ich Tante Herta, daß ich nicht mehr zur Klavierstunde brauchte.

Anders war das mit dem Theaterspielen. Jedes Jahr hatte das Rote Kreuz ein Fest in Jonuscheits Saal. Dazu gehörte auch die Aufführung eines Theaterstücks. Die Vorsitzende des Rote-Kreuz-Vereins war Frau Schlenther vom Gut Moulinen. „Frau Metschulat, schicken Sie uns doch mal ihren Jungen vorbei, wir haben da eine Jungenrolle, nächste Woche ist die erste Probe." Also mußte ich da hin. Einmal spielte ich in einem Stück mit, in dem auch die beiden Schwestern von Grete Brandstäter(aus dem Mühlenbüro), die spätere Frau Lemhöfer und Frau Bonacker auftraten.

Mein bester Freund der ersten zwei Schuljahre blieb Willi Wendel. Wendeis wohnten unten links von Metschulats Wohnhaus im kleinen Haus. Ende 1932 zogen sie ins ehemalige Krankenhaus. Im kleinen Haus wohnten auch Max und Herbert Wesch. Vater Wesch führte eines der Pferdegespanne bei Onkel Gustav, das andere Gespann hatte Otto Naujokat.


Zum Ort Kraupischken:

Kraupischken, an der Inster gelegen, hatte eine günstige Lage. Es war von den größeren Städten Insterburg, Gumbinnen und Tilsit mit rund 30 km in etwa gleichweit entfernt. Deshalb hatte es sich im Laufe der Zeit zu einer Art Oberzentrum entwickelt. Die Landbevölkerung der Umgebung konnte sich mit allem, was man üblicherweise benötigte, versorgen, nur die Kreisbehörden, wie Landratsamt, Gericht, Finanzamt waren in Tilsit. Die Kraupischker schätzten diese Situation, manche glaubten sogar, daß Kraupischken der Nabel der Welt wäre. In Kraupischken treffen die Straßen aus Insterburg, aus Tilsit über Ragnit und aus Gumbinnen zusammen. Kraupischken hatte 1932 schon 800 bis 900 Einwohner. Reine Landwirtschaftsbetriebe gab es in Kraupischken nicht. Metschulat/Kamradt bewirtschafteten wohl die größte landwirtschaftliche Fläche. Wer sonst noch etwas Landwirtschaft nebenbei betrieb, ist mir nicht bekannt. Vielleicht die Brüder Preuß, die ja auch im Fuhrgeschäft tätig waren und vielleicht Viehhändler Wolff. Den größten Landbesitz hatte die Kirchengemeinde. Das Kirchspiel Kraupischken wurde 1554 begründet, war eine der ältesten Kirchen in dem damals gerade in der Rodung und Besiedlung durch die eingewanderten Litauer befindlichen Land. Wie damals üblich, waren die Pfarrerstellen mit reichlichem Landbesitz ausgestattet, damit die Pfarrer ohne Not leben konnten. Andererseits auch als Anreiz, als Pfarrer in die Wildnis zu gehen.

In der Umgebung von Kraupischken gab es viele landwirtschaftliche Groß- und Mittelbetriebe. Unmittelbar benachbart im Osten war das Rittergut (Adelgut) Breitenstein. Es gehörte der Familie Hofer. Im Garten des Gutes soll es auch vorzeitliche Gräber gegeben haben. Ein Herr von Winterfeld soll sie freigelegt haben. Interessant ist, daß ich in den Kraupischker Jahren nie davon, auch nicht in der Schule, etwas gehört habe.

Links am Wege von Kraupischken zum Gut lag der „Breite Stein". Auf ihm soll Herzog Albrecht sein Jagdmahl gehalten haben, wenn er in den umliegenden Waldungen auf Bären und Auerwild jagte. Selbstverständlich mußte auch Napoleon auf seinem Zug nach Rußland auf diesem Stein gefrühstückt haben, wie sich das für einen größeren ostpreußischen Stein gehörte. Wenn man die Zeiten, die für das Frühstücken auf diesen Steinen addiert, dann wäre er nie nach Moskau gekommen, er würde heute immer noch irgendwo in Ostpreußen frühstücken.

Westlich von Kraupischken lag das Rittergut Moulinen. Besitzer war die Familie Schlenther. Die Schlenthers entstammten einer alten Insterburger Apothekerfamilie. Einen besonderen Ruf hatten die Schienthers als Remontenzüchter (Pferde für die Kavallerie). Zum Gut gehörte auch eine Ziegelei. Friedrich der Große soll das Gut einem Herrn Moulin gegeben haben.

Andere große Güter im Instertal waren Westphal, Insterfelde, Rittergut Raudonatschen. Es gehörte ehemals der Familie von Katte, ihr Sohn war der Jugendfreund von Friedrich d. Gr. Dessen Vater ließ Friedrichs Freund wegen des mißlungenen Fluchtversuchs der beiden in der Festung Küstrin vor den Augen seines Sohnes enthaupten. Später gehörte das Gut der Familie von Sanden, einer bekannten ostpreußischen Adelsfamilie. Bei einem ihrer Nachkommen habe ich an der TH in Hannover praktische Mathematik gehört. Obwohl Professor und von Jugend an nicht mehr in Ostpreußen tätig, hielt er seine Vorlesungen in einem wundervollen breitem Ostpreußisch, wie es nur noch die Deputanten auf den Gütern sprachen.

Dann kam das Gut Meschken, Besitzer Eduard Rescheleit. Er war ein berühmter Viehzüchter des schwarz-weißen ostpreußischen Herdbuchviehs. In Warnen im Instertal lebten die beiden Familien Gustav und Albert (Frieda) Sellnat. Gut Pleinlauken besaß die Familie Stadie, auf Gut Kerstupönen die Familie Kutzwor. Auch außerhalb des Instertales gab es große und gutgehende Besitzungen: z. B. Preugschas, Tilsewischken und Rucken, -Bauszus, Wisswainen, - Kischkat, Barsden, - Adomat, Maruhnen, oder südlich der Inster Ruhnke, Schupinnen - Cornelsen, Dubinnen, - Abrolat, Gr. Kummeln, - Radke, Skrusden, - Palfner, Kauschen. Dies ist nur eine Reihe von Familien und Orten, an die ich mich erinnere, eine umfaßende und vollständige Wiedergabe ist mir heute nicht mehr möglich.


In Kraupischken gab es ein ehemaliges Kreiskrankenhaus, es lag rechts am Ortsausgang an der Chaussee nach Ragnit. Es war vor dem 1. Weltkrieg gebaut und war für die bessere Krankenversorgung der dortigen Bevölkerung gedacht. Als es 1914 fertig wurde, brach der Krieg aus. Während der Kämpfe in dem Gebiet und auch nach dem Abzug der Russen blieb es bis 1918 Lazarett. Nach dem Krieg konnte der Kreis aus finanziellen Gründen das Krankenhaus nicht halten. Nach der Schließung wurde das repräsentative Gebäude zu Wohnungen umgebaut.

Kraupischken hatte als größerer Ort selbstverständlich auch eine Freiwillige Feuerwehr mit Motorspritze und Steigeleiter. Brandmeister Mitte der 20iger war Onkel Gustav. Es gab ein Foto, wo er im knielangen blauen preußischen Offiziersrock mit Pickelhaube und langem Säbel inmitten seiner Feuerwehrmannschaft vor dem Spritzenhaus steht. Brandmeister zu späterer Zeit war Herr Dauder. Das Spritzenhaus mit angebautem Kittchen (Kaluse), (2 Zellen) befand sich zwischen Schule und Krankenhaus.

1933 wurden auch Kanalisierungsprojekte in Kraupischken aufgezogen. Hier wurden arbeitslose Männer aus den größeren ostpreußischen Städten in Lagern zusammengefaßt, wo sie dann unter Leitung und mit Gerät von ostpreußischen Tiefbaufirmen an der Insterbegradigung arbeiteten. Zum Jahresende bereits wurden die Arbeiten eingestellt. Die Männer kehrten wieder in ihre alten Berufe zurück. 1935/36 hat man noch einen Versuch gemacht, die begonnenen Arbeiten mit Italienern (unsere neuen Freunde) weiterzuführen, aber auch dieses Unternehmen war nicht von langer Dauer.

Frühjahr 1934 war der Beginn des Konfirmandenunterrichtes bei Pfarrer Moderegger. Einmal wöchentlich am Vormittag versammelten wir uns im Konfirmandensaal im Pfarrhaus für zwei Stunden. Mit der Gruppe der Kraupischker waren auch noch die Konfirmanden aus Insterfelde, Raudonatschen, Meschken und Girrehnen. 1935 war das Jahr meiner Konfirmation. Auf einem Konfirmandenbild, das ich viele Jahre nach dem Krieg in einem Heimatbrief fand, erkenne ich von insgesamt 39 Konfirmanden Heinz Rasch, Alfred Sellnat, Franz Brandstätter, Werner Siebert, Willi Wendel, Franz Palapies, Kurt Szieleit, Dora Czymontkowski, Elfriede Pilzecker, Ernst Stepputat, Christel Ladscheck. Eingesegnet hat uns natürlich Pfarrer Moderegger. Pfarrer Moderegger war der Nachfolger von Pfarrer Gauer. Er entstammte einer alten Salzburger Familie. Sein Vater war Lehrer in Girrehnen gewesen. Moderegger war ein hochgescheiter Mann, zweifacher Doktor. Daß er neben seiner Pfarrertätigkeit noch zum Superintendenten des Kirchenkreises Ragnit berufen wurde, zeigt seine Fähigkeiten.

Nach dem Krieg erfuhr ich, daß er ein aktives Mitglied der Bekennenden Kirche gewesen ist. (Damals wußten wir davon nichts, geschweige hatten wir eine Ahnung davon. ) Richard Moderegger landete nach der Flucht in Dortmund, wo ihm die Pfarrstelle in Dortmund-Dorstfeld übertragen wurde, einem Vorort mit bergmännischer Bevölkerung. Er war nach Dortmund über die Familie Bauszus, Wisswainen, gelangt. Bauszus Tochter Elli hatte den aus Dortmund-Marten stammenden Lehrer Willi Kötter in Kraupischken geheiratet. In Dortmund hatte Moderegger sich einen guten Namen gemacht, als er sich in den ersten Nachkriegsjahren gemeinsam mit der Gewerkschaft um die Unterbringung heimat- und elternloser Jugendlicher kümmerte. 1954 hatte er zur 400-Jahr-Feier der Kraupischker Kirche eingeladen, ich bin auch dabeigewesen und habe manche Bekannte aus meinen Kraupischker Tagen gesehen. Auch Dr. Sieloff war dort.

Zum Abschluß noch eine kleine Episode mit Richard Moderegger. Als ein Berufskollege von mir seine beiden Söhne in Dortmund zum Konfirmandenunterricht anmeldete, und um nun schneller und besser ins Gespräch zu kommen, erzählte er ihm, daß er in seiner Firma einen Kollegen hätte, den Moderegger bereits in Ostpreußen konfirmiert hätte. Darauf antwortete Moderegger in seinem noch immer ostpreußisch klingenden Tonfall etwas näselnd: „Ja, ja, den Schumann, den habe ich konfirmiert, ob er aber glauben tut, das weiß ich nicht!" Moderegger ist auch hier gestorben. Er war nicht verheiratet. Eine seiner Nichten hat ihn betreut.

Die Prüfung der mittleren Reife bestand ich 1937 in Kraupischken mit gutem Erfolg. Im April 1937 kam ich dann in die Oberstufe des Reformrealgymnasiums und Oberrealschule nach Tilsit.

Autor: © 2010 Klaus-Dieter Metschulat
Quelle:
Heimatrundbrief "Land an der Memel" Nr. 87/2010


Ksp. Breitenstein



© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 12.01.2011
www.tilsit-ragnit.de
letzte Änderung dieser Seite : Donnerstag, 3. Februar 2011