Kirchspiel Kraupischken - Breitenstein :
Ein Wiedersehen mit dem Tal der Inster
von Dr. Johannes Moderegger

Im Mai entschlossen wir uns, die alte Heimat wieder zu besuchen. Als alter Königsberger hatte ich Rauschen als Quartier gewählt. Das Wetter war ausnehmend schön, wie ich es auch von früher in diesem Monat gewohnt war. So begann die Reise in die Vergangenheit nach 50 Jahren. Die Landstraße von Insterburg nach Breitenstein über Georgenburg, Sesslacken nach Breitenstein war noch die alte. In Moulinen vermißte ich den Straßenübergang der Kleinbahn nach Ragnit, aber der Bahndamm neben der Straße nach Breitenstein ist noch vorhanden. Das Erste, was wir von Breitenstein sahen, war der Kirchturm, der nach wie vor den Ort überragt. Der erste Halt war am Kleinbahnhof. Das Bahnhofsgebäude steht noch. Auf dem ehemaligen Bahnhofsgelände hatte sich ein Betrieb niedergelassen und benutzte das Gelände als Warenlager. Das Bahnhofsgebäude, in dem mein damaliger Freund und Sohn des Vorstehers wohnte, ist gut erhalten und zeigt den Stationsnamen, dessen Schrift noch zu erkennen ist. Kraupischken kommt durch das übergemalte Breitenstein gut durch und ist besser lesbar. Dem Bahnhof schräg gegenüber steht noch die alte Molkerei mit Schornstein. Auf der Spitze des Schornsteins befindet sich natürlich ein Storchennest, in dem gebrütet wurde.

Nun ging die Fahrt die Dorfstraße entlang weiter. Nach so langer Zeit bestanden doch einige Orientierungsschwierigkeiten, auch hatte man alles etwas größer in Erinnerung. Dann kam das steinerne Haus, so wurde es damals genannt. An diesem Haus ging eine Furt über die Inster. Hier hielten wir wieder, um die entsprechenden Fotos zu machen. Aus meiner Ferienzeit war mir in Erinnerung, daß dort eine Familie Press wohnte. Mit dem Sohn hatte ich damals auch viele Kontakte.

Jetzt bogen wir von der Uferstraße zum Marktplatz ein. Früher hatten diese Straße und der Marktplatz ein Steinpflaster, das wir Bonbonpflaster nannten. Heute sind Straße und Marktplatz asphaltiert. Früher ging die Straße noch weiter an der Inster entlang. Wir parkten dann am Pfarrhaus und der Kirche. Das Pfarrhaus steht und ist ein Bürogebäude geworden. In dem ehemaligen schönen Garten befindet sich ein Brennstofflager mit Holz und Kohlen. Die Pappeln, die an der Grenze zum Friedhof und der Kirche standen, sind Skelette mit vielen Storchennestern, die Störche brüteten und flogen umher.

Die Kirche steht in ihren Grundmauern aus Steinen und Ziegeln. Der Kirchturm mit seinen roten Backsteinen ragt in seinen Mauern bis zur Spitze empor. Auf der Spitze zählte ich sogar vier bewohnte Storchennester. Dieses Gebiet ist ein Paradies für die großen Vögel. Auch auf dem Giebel des Pfarrhauses befindet sich ein Storchennest, während das Nest von früher auf der Scheune samt dem Gebäude nicht mehr vorhanden ist. Nun hatte ich mir in den Kopf gesetzt, den breiten Stein aufzusuchen. Wir fuhren den Weg in Richtung des alten Gutes. Er war nicht da. Dann bat ich den Chauffeur, doch langsam zurückzufahren. Ich hing mich aus dem Fenster, und da war der Stein! Die Straße geht zur Hälfte über den Stein. Von der schönen Kastanienallee stehen noch einige Bäume, aber sonst ist es eine neue Straße.

Dann hatte ich mir noch vorgenommen, Kauschen zu besuchen. Dort hatte sich mein Onkel ein Grundstück als späteren Alterssitz gekauft. Es steht noch. Es liegt gleich hinter dem Ehrenmal aus dem Ersten Weltkrieg, das sehr gut gepflegt ist. Nun war der Ausflug in die Vergangenheit beendet und wir traten die Rückfahrt an. Durch direktes Kriegseinwirken hatte Breitenstein wohl kaum gelitten. Hierfür spricht auch die stehengebliebene Mühle Metschulat, die Molkerei und der alles überragende Kirchturm in seinen Grundmauern.

Autor: © 1992 Dr. Johannes Moderegger, Bielefeld-Bethel
Quelle: Heimatrundbrief "Land an der Memel" Nr. 50/1992

Breitenstein



© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 24.01.2006
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letzte Änderung dieser Seite : Donnerstag, 3. Februar 2011