Kirchspiel Kraupischken - Breitenstein :
Breitenstein im Jahre 1990
von Klaus-Dieter Metschulat

Es gelang mir und meiner Schwester Ende Juni 1990, in das gesperrte Königsberger Gebiet zu kommen. Durch langen brieflichen Kontakt mit verschiedenen Persönlichkeiten des heutigen Kraupischken war es möglich, daß wir uns 3 Tage im Heimatort aufhalten konnten. Durch diesen Kontakt und unseren Besuch kann ich sehr viele Informationen liefern, die praktisch seit 1948 aus unserem Heimatort nicht zu bekommen waren. Von der großen Anzahl von Bildern möchte ich hiermit die markantesten veröffentlichen.

An dieser Stelle möchte ich nur einen Kurzbericht über das heutige Kraupischken geben . Was ist aus unserem Kraupischken geworden, was steht noch an Gebäuden und was für Menschen wohnen dort?

Kraupischken heißt heute Uljanowo und ist Verwaltungssitz der Sowchose (Staatsgut) Luminski. Die Verwaltung befindet sich im ehemaligen Pfarrhaus. Zur Sowchose gehören 7000 ha; sie hat unter anderem 900 Milchkühe. Alle umliegenden Ortschaften bis nach Raudonatschen/Kattenhof mit ihren Ländereien gehören dazu.

1939 hatte Breitenstein 1263 Einwohner. Uljanowo heute 650, wovon 360 in der Sowchose arbeiten. Die heutigen Bewohner sind zusammengewürfelt aus dem gesamten russischen Reich. Neuerdings wohnen auch Rußland-Deutsche aus Kirgisien in Uljanowo. In der Nachkriegszeit sind ca. über die Hälfte der Gebäude Kraupischkens vernichtet worden, und bei den übriggebliebenen Häusern ist die Bausubstanz vollkommen heruntergekommen.

Es ist nicht mehr das Kraupischken, was jeder in Erinnerung hat. Eine kurze Übersicht: Von unserem Besitz steht nur noch die Mühle. Außer Dr. Bieloffs Haus fehlen alle Gebäude bis einschließlich Friedrichs. Auf der anderen Seite sind nicht mehr vorhanden: Gutzeit, Kreissparkasse, Apotheke, Jonuscheit. Von der Kirche, die 1953 ausbrannte, stehen nur noch die beschädigten Fassaden des Turmes und des Kirchenschiffes. In der "neuen" Schule ist heute die Post und eine Krankenstation.

Das Krankenhaus und die gegenüberliegenden Gebäude sind auch nicht mehr vorhanden. Vom gesamten Marktplatz steht nur noch das alte Postgebäude. An der Straße nach Insterburg stehen noch relativ viele Häuser, u.a. die Molkerei (ohne Wohnhaus), Teile der An- und Verkaufs-Genossenschaft und das Kleinbahnhofsgebäude. Auch die in den 30er Jahren gebaute Siedlung ist noch vollkommen vorhanden. Was und wo ist in Uljanowo neu gebaut worden?

Zwischen der "neuen" Schule und der Kirche ist 1980 eine 2stöckige Schule errichtet worden. Es werden dort 180 Kinder von 24 Lehrern unterrichtet. In der Schule befindet sich ein Heimatmuseum, in dem auch einige Exponate aus unserer Zeit zu sehen sind. Auf der Seite zwischen Krankenhaus und Gut Breitenstein ist eine neue Siedlung mit Einfamilienhäusern in Fertigbauweise entstanden. Auf den Grundstücken von Jonuscheit und Friedrichs sind in den 70er Jahren 2stöckige Mehrfamilienhäuser gebaut. Es gibt heute nur noch 2 Geschäfte mit allergeringstem Warenangebot in Uljanowo. Das Brot und Fleisch wird wöchentlich aus Ragnit oder Tilsit angeliefert. Auf dem Gelände der Molkerei ist heute die Reparaturwerkstatt der Sowchose. Auf der Straße zwischen unserer Mühle und Gut Breitenstein (von dem nur noch 2 Stallungen existieren) sind auch Einfamilienhäuser errichtet. Der "Breite Stein" ist nicht mehr auffindbar. Die Sowchose hat durch Anstauung des Baches Almonis direkt bei Graudschen einen neuen See entstehen lassen. Im Übrigen steht in Graudschen und Rucken kein Stein mehr übereinander. Hinter unserer Mühle sind mehrere Hallen und 2 kleine Getreidesilos gebaut worden. Auf unserem Wohnhaus und Hofgrundstück wird gerade eine neue Getreidehalle gebaut.

Durch das Verschwinden vieler Ortschaften ist Kraupischken heute einer der wenigen Zentralorte im neuen Kreis Neman (Ragnit). Es gibt eine tägliche Omnibus-Verbindung von Uljanowo nach Tilsit, Gumbinnen und Insterburg. Die Inster hat nach wie vor einen großen Fischreichtum. An den ganz stark mit Weiden bewachsenen Ufern schlagen nachts die Nachtigallen. Kraupischken ist noch Storchenland. Auf der Kirchturmfassade waren 4 besetzte Storchennester.

Es wäre noch viel mehr zu berichten, aber ich hoffe, daß ich mit dieser Zusammenfassung einen Eindruck geben konnte von unserem alten Kraupischken, dem heutigen Uljanowo.

Autor: © 1990 Klaus-Dieter Metschulat (Text und Bilder)
Quelle: Heimatrundbrief "Land an der Memel" Nr. 47/1990

Breitenstein



© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 24.01.2006
www.tilsit-ragnit.de
letzte Änderung dieser Seite : Donnerstag, 3. Februar 2011