Meine Jugendzeit in Breitenstein (früher Kraupischken)
Von Gertrud Fleischer geb. Jurat

Ich war nach der Schule zu Hause und wollte gerne etwas lernen, aber Lehrstellen gab es nicht sehr viele und meist schon vergeben. Dann wurde ein Manufakturwarengeschäft eröffnet (Reinert - Jude). Herr Erich Ogrzey kam von Mallwischken und suchte jemanden. Da stellte ich mich vor, und im Oktober 1937 begann meine Lehre. Es war ein kleiner Laden, da wurden im Wohn- und Schlafzimmer auch Konfektionen untergebracht. Mein Gehalt als Lehrling im ersten Jahr waren 15,-Mark im Monat, im zweiten Jahr 20,- Mark und im dritten 25,- Mark, natürlich mit Reinigen des Ladens und der Wohnung. 1938 kam noch ein zweiter Lehrling, und uns hat es soweit gut gefallen.

1939 begann der Krieg, was sehr niederschmetternd war. Gleich im Januar 1940 wurde unser Chef zur Wehrmacht eingezogen, er war noch nicht verheiratet. Da wurde natürlich auch das Geschäft geschlossen. Was nun? Ich habe dann für Familie Jonuscheit (Lebensmittel) gearbeitet und wollte dort auslernen. Inzwischen hatte aber Frau Kamradt (Textilwaren) mich angefordert, und sie durfte auch wegen ihrer langjährigen Geschäftstätigkeit Lehrlinge ausbilden. Die Lehre beendete ich und war noch als Verkäuferin angestellt. Es war eine schöne Zeit, sie war sehr nett und großzügig. Auch half immer ihre Tochter, Frau Metschulat (Frau des Mühlenbesitzers), mit im Geschäft. Sie war eine sehr gute Frau und nicht eingebildet.

Wenn Metschulats im Urlaub waren, brachten sie allen Angestellten im Büro und im Laden ein Geschenk mit, mal kleine Perlengeldbörsen, eine Perlenhandtasche (war damals Mode) oder ein Tuch. Wir haben uns immer sehr darüber gefreut. Mittagspause hatte ich 1,5 Stunden, und zur Kaffeezeit bekam ich zusammen mit den anderen Büroangestellten, die im Haus wohnten und voll verpflegt wurden, auch jeden Tag Kaffee und Weißbrot mit Marmelade.

In meiner Freizeit gingen wir Freundinnen spazieren oder baden, oder auch schon mal ins Hotel Eis essen. Jeden Sonntag war Kino, aber Tanz war keiner. Außer einmal, da war Manöverball, als im Herbst 1940 die Einquartierung ins Dorf kam. Das waren die Soldaten, die dann als erste über die russische Grenze mußten. Später kamen Briefe, in denen stand, daß viele Soldaten gefallen waren. Das stimmte uns sehr traurig.

Zu Hause habe ich meine Mutter beim Bügeln unterstützt. In die Städte Tilsit, Insterburg, Ragnit und Gumbinnen sind wir wenig gekommen. Die Verbindung war anfangs nicht so günstig, und es hat mir im Dorf auch gut gefallen, es gab alles, was wir brauchten.

Lebensmittelkarten gab es seit Beginn des Krieges, aber wir merkten noch nichts. Seit wir in einem Siedlungshaus wohnten, hatten wir 2 Schweine, 1 Ziege, Hühner, Kaninchen und Gänse, einen großen Garten, etwas Land und Wiese. Als dann Heu gemacht wurde, brachte meine Mutter die Ziege, die lange Hörner hatte, auf ein freies Feld, und am Abend mußte ich sie holen (da ging ich aber noch zur Schule, in die 8. Klasse). Ihre Kette war sehr lang, und meine Ziege freute sich und machte Bocksprünge. Ich hatte Angst, und meine Schwester rannte heulend voraus, und die Leute lachten. Nie wieder holte ich die Ziege! Auch auf der Straße zwischen den Häusern wurde Völkerball gespielt. Dann kamen die Jahre 1941 und 1942, und viele Mädchen waren schon beim Arbeitsdienst oder Militär, aber mich hatten sie wohl vergessen. 1942 stellte dann Frau Kamradt noch ein Lehrmädchen ein, und nun konnte sie mich nicht mehr zurückstellen lassen. Ende März 1943 bekam ich eine Dienstverpflichtung, und ich mußte mich in Insterburg auf dem Bahnhof melden. Hier wurde ein Transport mit Mädchen aus den umliegenden Dörfern zusammengestellt, und die Fahrt ging bis Posen, wo wir für Arbeiten eingeteilt wurden. Ich sollte Lazaretthelferin werden, was ich jedoch ablehnte, da ich es nicht konnte, und Schreibmaschine konnte ich auch nicht. Da wurden ich und noch ein Mädchen aus Tilsit zurückgeschickt. Es war noch ein schöner Urlaub, aber am 30. April 1943 mußte ich fort und zwar nach Flensburg. Hier wurden wir wieder eingeteilt, und ich kam mit vielen anderen Mädchen zum Fernschreiblehrgang auf die Insel Rügen. Unser Haltepunkt hier war KdF-Bad. Wir waren so ca. 50 Mädchen in einem Haus und jeweils 50 in noch drei weiteren Häusern. Auf der gegenüberliegenden Seite noch einmal so viele als Fernsprecherinnen. Es war aber trotz allem eine schöne Zeit, direkt an der Ostsee. Samstags sind wir nach Binz gelaufen und haben einen Ausflug nach Stubbenkammer, Saßnitz gemacht. Einmal konnte ich meine Cousine in Stralsund besuchen. Der Lehrgang dauerte vom 12. Mai bis 1. August.

Dann kamen wir zum Einsatz nach Wahl, aber alle im Ostseebereich. Ich meldete mich nach Pillau an, hier bekam ich auch manchmal 48 Stunden Urlaub und konnte nach Hause fahren, in unser schönes Breitenstein. In Pillau hatten wir Schichtdienst im 3er Wechsel: jede dritte Nacht Nachtdienst, dann hatten wir einen Tag frei.

Aber es war trotzdem eine schöne, sorgenfreie Zeit, keine Angriffe usw. Im Winter war es kalt (wir wohnten in einer Baracke), es gab nur kaltes Wasser im Waschraum, und es gab nur 3 Briketts pro Tag. Duschen konnten wir an bestimmten Tagen mal im Nachbargebäude bei den Funkern. Das war die ehemalige Jugendherberge, die hatte Heizung.

Gefeuert wurde da mit Koks, der draußen lag. Was haben wir Mädchen gemacht? Abends im Finstern gingen wir mausen, unsere großen, eisernen Öfen haben dann geglüht.

In Zinkeimern haben wir unsere Wäsche gekocht. Auch in der Baracke, wenn Kohlenausgabe war, wurde ein Fenster einen Spalt aufgemacht, und später wurden auch dort Kohlen gemopst. Was sollten wir machen? Man mußte sich nur zu helfen wissen! Ich kam auf die Idee, Holz sammeln zu gehen. Wir liehen einen Handwagen, aber leider war kein Holz zu finden. Im November 1944 begegneten wir Soldaten (aus unserem MNO-Bereich), die hatten Baumstämme und machten Kleinholz für die Soldaten in den Baracken.

An den Fernschreibern konnten 2 Personen sitzen, so war unsere Ablösung immer mit im Dienst. Bei den Fernsprechern ging das nicht. Die Soldaten nahmen uns mit und machten den Handwagen voll Holzscheite, während wir Mädchen ihnen Knöpfe annähten oder Handschuhe stopften. Dann kam Weihnachten, und die Soldaten haben uns 3 Mädchen eingeladen. Am Heiligabend zogen wir los, bepackt mit Naschereien und selbstgebasteltem Baumschmuck. Die Matrosen brachten auch etwas mit, was sie von zu Hause bekommen hatten. Einer machte den Ruprecht, und wir mußten Gedichte aufsagen oder Weihnachtslieder singen. Es war ein schöner Abend.

Aber vorher, vom 1. Juli bis 30. September 1944, kam ich auf die Außenstelle nach Königsberg. Wir waren dort 3 Mädchen und hatten zwei schöne Zimmer mit Balkon. Mit Essen mußten wir uns selbstversorgen. Vor unserem Haus hielt die Straßenbahn, da sind wir öfters in die Stadt gefahren, das war eine sehr schöne Zeit.

Leider wurde das alles getrübt, denn am 30. August 1944 war der Großangriff, bei dem die ganze Innenstadt zerbombt wurde. In unser Haus fiel auch eine Bombe, aber nur ins Seitengebäude. Wir haben alle die ganze Nacht Wasser getragen und gelöscht.

Eines der Mädchen hatte einen Trauerfall. Wir haben sie trotz Urlaubsverbot fahren lassen und haben ihren Dienst übernommen, das bedeutete 24 Stunden Dienst und 24 Stunden frei. Die Vorgesetzten in Pillau durften es nicht wissen. Nach dem Angriff war in unserem Fernschreibraum in der Wand ein großes Loch. Die ganze Innenstadt war kaputt. Ich war dann wieder in Pillau und am 18. Januar 1945 im Nachtdienst. Da kamen Fernschreiben, daß russische Truppen auf dem Vormarsch - Breitenstein - Hohensalzburg - waren, das war eine schlechte Nachricht! Am 25. Januar 1945 sind wir Mädchen dann auf ein Schiff, die „Pretoria", gebracht worden. Auf dem Schiff waren 7000 Menschen: Frauen, Kinder, alte Leute und die Besatzung. Am Abend um 22.40 Uhr ging die Fahrt ab, und noch viele andere Schiffe mit Flüchtlingen legten ab. Mit auf der „Pretoria" waren auch die Särge von Hindenburg und seiner Frau. Unser Schiff war sehr lange unterwegs, und wir hatten keine Verpflegung mitbekommen. Die Matrosen kochten für die Kinder mal eine Suppe, davon bekamen wir etwas ab, und Brot erbettelten wir uns in der Kombüse der Matrosen.

Am 30. Januar 1945 sind wir am Vormittag in Stettin angekommen und am Schiffssteg abgeholt worden. In der Stettiner Fernsprechstelle gab es dann Essen und die Neueinteilung zum weiteren Einsatz. Meine Freundin, ich und noch ein paar andere Mädchen meldeten sich nach Stralsund. Abends um 20.00 Uhr ging ein Zug bis Pasewalk. Das war eine Tortur: kaum Platz zum Sitzen und keine Toiletten! Der Zug fuhr und stand, und wir brauchten 18 Stunden, bis wir in Pasewalk ankamen.

Um 14.00 Uhr ging es weiter in leeren Güterwagen bis nach Stralsund. Glück haben wir aber gehabt, denn wir waren am Vormittag des 30. Januar 1945 in Stettin, und am Abend desselben Tages wurde auf der Strecke die „Wilhelm Gustloff" versenkt.

In Stralsund waren wir dann noch vom 1. Februar bis 30. April 1945 im Dienst. Am 30. April 1945 ging es wieder mit einem R-Boot fort bis nach Neustadt (120 Flüchtlinge). Von hier fuhren wir mit dem letzten Zug nach Eutin (Eutin war Lazarettstadt und wurde nicht angegriffen).

Wohin mit diesen vielen Flüchtlingen? So meldeten wir uns in der Retbergkaserne, hatten Unterkunft, Essen usw.

Hier trafen wir auch Matrosen aus Pillau, die später zum Arbeitseinsatz kamen. Am 8. Mai war der Krieg zu Ende, und bald danach mußten wir die Kaserne räumen, denn die Engländer rückten an und besetzten die Kasernen. Wir waren noch 4 Mädchen und konnten in einem kleinen Raum in einer Baracke direkt am Eutiner See wohnen. Gekocht wurde draußen: ein paar Steine zusammengestellt und von Tannenbäumen die dürren Äste abgebrochen, das brannte gut!

Gleich früh wurde im See gebadet, und bei allem Unglück hatten wir noch Glück: wir mußten etwas zu essen organisieren, und in der Nähe war eine Molkerei! Da zogen 2 Mädchen los und holten Buttermilch.

An einem schönen Tag sind meine Freundin und ich zum Bahnhof gegangen. In der Stadt waren viele Ausländer, die hier zum Arbeitseinsatz und gefangen waren. 2 Männer begrüßten uns freundlich, meine Freundin bekam gleich Angst. Was sollte uns hier in der Stadt schon passieren? Und doch: die zwei kamen uns entgegen, der eine faßte meiner Freundin ins Gesicht, sie drehte sich zur Seite, da schlug er zu, zerriß ihr Kleid und schimpfte. Wir sind dann gelaufen, bis ein englischer Jeep kam und wir außer Gefahr waren.

Züge fuhren noch keine, wir wollten aber gern fort nach Hattingen ins Ruhrgebiet. Dann klappte es mit einem LKW bis Lüneburg. Von Lüneburg fuhren wir wieder mit einem LKW bis Hannover und von hier aus mit einem Güterzug bis Minden und weiter bis Dortmund. Von Dortmund gab es schon Personenverkehr über Essen nach Hattingen. In 2,5 Tagen haben wir das geschafft! Die Karte mit unserer Anmeldung war noch nicht da. Onkel und Tante meiner Freundin wohnten in Hattingen, ihre Eltern waren bei einem Angriff auf Bochum ums Leben gekommen.

Mit Arbeit sah es schlecht aus, und so entschloß ich mich, zu meinen Eltern zu gehen, die bei Grimma in der damaligen Ostzone lebten. Anfang August 1945 kam ich nach Großbardau, und im Mai 1946 heiratete ich.

Autor: Gertrud Fleischer geb. Jurat:
Quelle: "Memel-Jahrbuch" für das Jahr 2003 - Selbstverlag Manfred Malien 24211 Preetz

Breitenstein



© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 23.04.2005
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letzte Änderung dieser Seite : Donnerstag, 3. Februar 2011