Erinnerungen aus Breitenstein (Kraupischken)
von Max Szameitat

In dem so städtearmen Landkreis Tilsit-Ragnit nahm der Kirch- und Marktort Kraupischken, an der südlichsten Ausbuchtung des Kreisgebietes gelegen, einen besonderen Platz ein, stand er doch mit seinen 1400 Einwohnern (1939) an der Spitze aller größeren Kreisorte.

Auch in landwirtschaftlicher Beziehung war das Kirchdorf nicht ohne Reize. Freundlich und idyllisch im breiten Instertal gelegen, erhielt man von dem Ort den schönsten Eindruck, wenn man sich ihm zur Frühlingszeit aus der Richtung von Insterburg näherte. Eingebettet in das frische Grün des Instersterufers und umrahmt von Fliederbüschen und dem Weiß blühender Obstbäume, zeichneten sich dann die roten Dächer der alten, meist weiß gestrichenen Häuser besonders malerisch und farbenfreudig von dem hellen Blau des Frühlingshimmels ab. Der trutzige Bau des breit massiven Kirchturms schien alle Wohnstätten weit zu überragen, als wollte er gleichsam dem friedlichen Frühlingsidyll zu seinen Füßen einen besonderen Schutz gewähren.

Geschichtlich gesehen gehört Kraupischken zu den ältesten Siedlungen des Kreises. Lange vor Ankunft des Ordens befand sich an der Inster ein größeres Dorf der Nadrauer. Auch die große Erdaufschüttung im Dorf Sassupönen, etwa 5 km südöstlich von Kraupischken gelegen, im Volksmund "Schloßberg" genannt, zeugte von der frühgeschichtlichen Besiedlung. An dieser Stelle stand einst die "Sassaburg", die 1276 von den Ordensrittern unter Konrad von Thierberg erobert und verbrannt wurde. Zahlreiche Funde des 19. und 20. Jahrhunderts am Schloßberg und seiner nächsten Umgebung, so u. a. gut erhaltene Ritterrüstungen, zeugten von den blutigen Kämpfen jener Tage.

Auch die Ausgrabung einer altpreußischen Begräbnisstätte im Gutspark von Breitenstein, veranlaßt durch den Kommandeur eines dort kampierenden brandenburgisch-preußischen Reiterregiments, muß als weiterer Beweis für die Bedeutung des Ortes in vorgeschichtlicher Zeit angesehen werden. Über die dabei gemachten Funde erstattete 1725 Professor Rohde von der Albertus-Universität Königsberg einen interessanten Bericht. Es dürfte die erste archäologische Ausgrabung in Ostpreußen überhaupt gewesen sein, über die eine Niederschrift existiert (.Eine Kopie dieser Schrift befindet sich im Breitensteiner Archiv bei der Patenstadt Lütjenburg) Prof. Rohde zufolge handelte es sich bei den Ausgrabungen um nadrauische Fürstengräber aus dem 6. bis 8. Jahrhundert nach der Zeitwende.

Die älteste Erwähnung des Namens "Cropiscin" an der Instrud bringt eine alte Ordensakte aus dem Jahre 1352. Sie berichtet, daß sich der Orden mit dem Bischof von Samland geeinigt hätte, die Landschaft Nadrauen aufzuteilen: Während 1/3 dem Bischof zufiel, sollte das restliche Gebiet dem Orden direkt unterstellt sein.

Goldbeck, Erzpriester zu Schaaken, teilt in seiner 1788 erschienenen "Topographie des Königreichs Preussen" über Kraupischken mit: "Kgl. Bauerndorf mit einer Kirche an der Inster und einem adligen Krug und 3 adligen Bauernhöfen mit 15 Feuerstellen." Das unweit des Ortes gelegene Gut Breitenstein läßt sich seit 1551 nachweisen. Seinen Namen erhielt es vom "breiten Stein", einem riesigen Findling zwischen 4,3 m und 5,3 m Länge und 2,4 bis 3,25 m Breite. Tief im Untergrund versenkt, ragte der obere Teil "flach wie ein Tisch" aus der Erde heraus. Einst hielten an dieser Stelle Hochmeister und Herzöge ihre Jagdtafel ab, wenn sie mit Gefolge im "Grauden", der zwischen Labiau und der litauischen Grenze sich weithin ausdehnenden Wildnis, auf der Jagd den zu jener Zeit zahlreich vorkommenden Auerochsen, Elchen, Bären und Wölfen nachstellten.

Bezeugt ist, daß Herzog Albrecht von Brandenburg sich des öfteren am "breiten Stein" aufhielt. Im Jahre 1550 setzte er seinen "getreuen Asmus Baumgart" als Hofbesitzer "mit allen freien Rechten" ein und übertrug ihm Äcker, Wiesen und 1562 auch die Kruggerechtigkeit in "Crupiscken".

1724 wird als Patronatsherr der Kraupischker Kirche neben dem Breitensteiner Gutsherrn auch Kapitän von Katte genannt. Er war Besitzer des an Breitenstein angrenzenden Gutes Raudonatschen und Vater des unglücklichen Leutnants von Katte, der auf Befehl des Königs 1730 in Küstrin vor den Augen des Kronprinzen hingerichtet wurde. Als Freund Friedrichs war er in dessen Plan, nach England zu fliehen, eingeweiht, hatte jedoch eine Meldung unterlassen, wozu er als Offizier verpflichtet gewesen wäre.

Erschüttert und völlig gebrochen empfing der Vater in Raudonatschen die Nachricht von der Hinrichtung seines Sohnes.

Ab 1787 gehörte das Gut Adl. Breitenstein einem Herren Schimmelpfennig von der Oye, der zu jener Zeit Kammerpräsident der ostpreußischen Stände war, als General York in der denkwürdigen Versammlung am 8.2.1813 zur Erhebung gegen Napoleon aufrief. Damals betrug die Flächengröße des Gutes, zusammen mit den Nebengütern Graudszen, Juckstein und Friedrichswalde, 1190 ha. Zur Bildung einer Kirchengemeinde in Kraupischken kam es erst in den Tagen der Reformation. Um das Jahr 1555 war dort Augustin Jarmund Pfarrer, "noch ehe die Kirche völlig erbauet war". Gleichzeitig unterrichtete er auch die Kinder in der Kirchenschule und war damit auch der erste Lehrer in Kraupischken (zur Schulgeschichte des Ortes siehe "Zur Geschichte der Volksschulen des Kreises . . .", Abschnitt "Kraupischken"!)

Nachdem das alte Kirchengebäude durch einen Brand schwer gelitten hatte, fand erst 1772 die feierliche Einweihung des Neubaues statt. Die aus der Zeit des Großen Kurfürsten stammende, kunstvoll geschnitzte Kanzel hatte man noch rechtzeitig aus dem alten Gotteshaus retten können.

Während der Pestjahre 1708/09 verlor das Kirchspiel fast die Hälfte der Einwohner. Viele Bauernhöfe, ja ganze Ortschaften lagen wüst und verlassen da. Mehrere Jahrzehnte litt das Land unter den Folgen der Menschenverluste. Erst als auf Veranlassung des tatkräftigen Königs Friedrich Wilhelm I. tausende von Kolonisten, unter ihnen die Salzburger, in die verwüsteten Gebiete einströmten, begann das Kirchspiel allmählich sich von der Katastrophe zu erholen.

Günstig für die Entwicklung des Ortes wirkte sich die Aufhebung der Leibeigenschaft und des Scharwerkzwanges im Jahre 1808 aus. Nach den Befreiungskriegen kam es 1816 zur Neueinteilung des preußischen Staatsgebietes. Sie führte zur Bildung des Kreises Tilsit-Ragnit, zu dem fortan auch Kraupischken gehörte. Auch das Kirchspiel Kraupischken, das solange nach Insterburg orientiert war, schloß sich nun dem neugebildeten Kirchenkreis an. Letzter Geistlicher in Kraupischken war Pfarrer und Superintendent Dr. Moderegger.

Im Jahre 1857 erreichte die erste Steinstraße (Chaussee) den Ort. In den nächsten Jahrzehnten erweiterte sich das Straßennetz erheblich, so daß Kraupischken in der 2. Hälfte des Jahrhunderts über gute Straßenverbindungen mit Insterburg, Gumbinnen, Budwethen, Lengwethen-Ragnit und Szillen verfügte. Die Zahl der Einwohner hatte sich so vergrößert, daß ab 1859 Wochenmärkte und ab 1861 Vieh- und Pferdemärkte abgehalten werden konnten. In der Folgezeit wurde der Ort zu einem der bestbesuchtesten Marktflecken des Kreises.

Einen Rückschlag in der ständigen Aufwärtsentwicklung des Ortes stellte die Natur- und Brandkatastrophe des Jahres 1866 dar. Ein ungewöhnlich heftiger Wirbel- und Gewittersturm suchte das Kirchdorf heim. Binnen weniger Stunden fielen über 100 Häuser, teils durch Einsturz, teils durch Feuer, dem Unwetter zum Opfer.

Mit der Einweihung der Kleinbahnlinie Insterburg-Kraupischken-Ragnit ging ein alter Wunsch der Kraupischker in Erfüllung. Bei der feierlichen Einweihung 1902 hatte sich fast die gesamte Bevölkerung versammelt. Man nahm gleichzeitig Abschied von "der alten, guten Zeit", in der die Reisenden sich noch der Postkutsche bedienen mußten, wenn sie eine Reise antraten. Mit der romantischen Weltabgeschiedenheit des Ortes war es nun vorbei. Wie sehr die Kraupischker selbst von dem weiteren Blühen und Gedeihen ihres Heimatortes überzeugt waren, zeigte sich bei dem erhebliche Mittel verschlingenden Bau des Krankenhauses. In den Julitagen 1914 fand die glanzvolle Einweihung statt, an der neben einem Vertreter der Berliner Regierung auch Oberpräsident von Windheim und der Landrat des Kreises Ragnit, von Trebra, teilnahmen.

Bald darauf, am 1.8.1914, rief die Mobilmachung die männliche Jugend des Kirchspiels zu den Waffen. Der 1. Weltkrieg hatte begonnen. Der russische Einmarsch in Ostpreußen führte 14 Tage nach der Mobilmachung zu dem Gefecht bei Kauschen, nur wenige Kilometer von Kraupischken entfernt. Die zahlenmäßig weit unterlegene 4. Landwehrbrigade hatte versucht, die russischen Streitkräfte am Übergang über die Inster zu hindern. Dabei erlitten die schwachen deutschen Verbände schwere Verluste. 180 Gefallene fanden auf den später eingerichteten Heldenfriedhöfen in Kraupischken und Kauschen ihre letzte Ruhestätte. Die vielen Verwundeten erhielten in dem neuen Krankenhaus in Kraupischken die erste ärztliche Betreuung. Trotz der gebrachten Opfer ließ sich der Rückzug der deutschen Truppen nicht vermeiden. Kraupischken mußte mehrere Wochen die russische Invasion erdulden. Nach der Schlacht bei Tannenberg waren allerdings die Tage der Russen in Kraupischken gezählt. In den ersten Septembertagen 1914 kam die Autokolonne des russischen Oberbefehlshabers, des Großfürsten Nikolajewitsch, durch den Ort. Bald darauf marschierten deutsche Truppen, von der Einwohnerschaft jubelnd begrüßt, durch Kraupischkens Straßen( Näheres über die Russenzeit 1914 mit Berichten aus Kraupischken, Raudonatschen und Krauleidszen siehe in: Beutler, Erlebnisse ostpreußischer Lehrer in der Kriegs und Russenzeit, Königsberg 1916, aufbewahrt im Breitensteiner Archiv bei der Stadtverwaltung Lütjenburg).

Der verlorene 1. Weltkrieg hatte zahlreiche Hoffnungen der Kraupischker Bevölkerung zunichte gemacht. So mußte das mit vielen Hoffnungen erbaute Krankenhaus der hohen Betriebskosten wegen geschlossen werden. Dennoch ging die Entwicklung weiter. Noch in den letzten Kriegsmonaten erhielt der Ort durch Anschluß an die ostpreußische Überlandzentrale elektrisches Licht. Nach Überwindung der Inflation konnte 1928 der Neubau der Volksschule bezogen werden. Die Weltwirtschaftskrise der Jahre 1929 -1932 ging auch an Kraupischken nicht ohne Auswirkungen vorüber. Handel und Wandel stockten. Doch die schweren Jahre der "Stagnation" wichen bald einer Zeit des Aufschwungs. Zur Besserung der Wirtschaftslage trugen die guten Verkehrsverbindungen wesentlich bei. Der Ort lag im Kreuzungsgebiet wichtiger Fernstraßen, so wie eine "Spinne im Netz". Im Zeitalter der Motorisierung konnte das nicht ohne Auswirkung auf das Geschäftsleben bleiben. Bei der ringsum wohnenden Landbevölkerung wurde es zur Gewohnheit, den Bedarf an Konsumgütern mit Hilfe des Autos im "Einkaufszentrum" Kraupischken zu erledigen. In diesem Zusammenhang muß erwähnt werden, daß die landwirtschaftliche Lage der Landbevölkerung nach der Jahrhundertwende sich von Jahrzehnt zu Jahrzehnt ständig verbesserte. Durch Einführung neuzeitlicher Maschinen und Anwendung fortschrittlicher Methoden (Bodenbearbeitung, Saatauswahl, Meliorationen), sowie durch wesentliche Fortschritte auf dem Gebiet der Vieh- und Pferdezucht gelang es, die landwirtschaftlichen Erträge von Jahr zu Jahr zu steigern. Unter diesen Betrieben, die auf diesem Gebiet Vorbildliches leisteten, möge die Gutsverwaltung Breitenstein, zuletzt unter Leitung von Matthias Hofer, genannt werden.


Das letzte Jahrzehnt vor der Vertreibung brachte 1933 die Machtübernahme durch die NSDAP. Sie wirkte sich auf lokalem Gebiet in verschiedenster Hinsicht aus. Als eine Folgeerscheinung der Machtergreifung kann man wohl auch die sich über ganz Ostpreußen erstreckende "Umbenennungsaktion" des Gauleiters Koch ansehen, die eine Änderung zahlreicher Ortsnamen zum Ziele hatte. Kraupischken mußte 1938, wie viele andere Orte auch, den altgewohnten Namen wechseln. Die anfängliche Bezeichnung "Platzdorf" fand bei der Bevölkerung wenig Anklang. Wenige Monate später erhielt der Ort den bisher nur für das Gut verwendeten Namen "Breitenstein", den er bis zur Vertreibung 1945 führte.

Fast schien es, als ob die Umtaufe für den Ort ein gutes "Omen" bedeutete. Allenthalben begann sich eine wirtschaftliche Aufwärtsentwicklung abzuzeichnen. Das galt vor allem für die Bautätigkeit. Sowohl im Geschäftsviertel rings um den Markt als auch an den Ortsrändern entstanden zahlreiche neue und moderne Wohnhäuser. Die größeren Unternehmungen des Ortes, wie z. B. die Mühlenwerke, die Molkereigenossenschaft und die Eisenfabrik samt der angeschlossenen Reparaturwerkstätte für Kraftwagen und landwirtschaftliche Maschinen bauten ihre Betriebseinrichtungen, Werkstätten und Verkaufsläden aus und vergrößerten sie. Die Geschäftsstraßen rings um Marktplatz und Kirche vermochten die Blicke selbst anspruchsvoller Kauflustiger durch geschmackvoll dekorierte Schauauslagen und ein reiches Angebot zu fesseln. Und zwischen den Kaufhäusern in bunter Folge: Bankniederlassungen, Hotels, Gaststätten, Drogerien, Handwerkerläden und eine Apotheke. Alles trug dazu bei, dem betriebsamen Marktort das Aussehen und den Charakter einer kleinen Stadt zu verschaffen. Unter den Gaststätten nahm das größte Hotel (Jonuscheit) mit seinen 30 Betten die erste Stelle ein. Einst hatten hier russische Gardeoffiziere ihre Dinners und Sektgelage abgehalten. In späteren Jahren feierten die Kraupischker an dieser Stelle mit Vorliebe ihre Veranstaltungen und Vereinsfestlichkeiten. Eine Zierde des Ortes stellte auch das von Professor Cauer, Königsberg, entworfene Ehrenmal dar. Vom Kirchenvorplatz her mahnte es die Vorübergehenden an die schmerzlichen Opfer, die die Verteidigung des Heimatbodens 1914 gefordert hatte.

In den Jahrzehnten "zwischen den Kriegen" (1919 -1939) gestaltete sich auch das öffentliche und gesellige Leben in dem aufblühenden Ort besonders rege. Als markante Vertreter mögen an dieser Stelle genannt werden:

  • Dr. Wilhelm Sieloff, als Arzt und Mensch in gleicher Weise in Breitenstein geschätzt. Seine Verdienste auf medizinischem Gebiet ernteten in Fachblättern mehrfach Lob und Anerkennung.
  • Max Banse, Lehrer in Moulinen, dann Rektor und Schulleiter der 1937 neuerbauten Volksschule in Breitenstein, später Schulrat in Tilsit.
  • Friedrich Marx, langjähriger Amtsvorsteher und erster hauptamtlicher Bürgermeister in Breitenstein. Ihm verdankt die Gemeinde die Schaffung wichtiger kommunaler Einrichtungen (Gasanstalt, Krankenhausbau, Privat-Töchterschule und die neue Friedhofsanlage). Seine Beisetzung 1939 erfolgte unter überwältigender Teilnahme weiter Bevölkerungsschichten.
  • August Jonuscheit, als Gastwirt und Hotelbesitzer wohl einer der bekanntesten Persönlichkeiten des Kirchspiels und der weiteren Umgebung. Gleichzeitig war er Mitinhaber einer Großhandlung, die über 30 Angestellte beschäftigte. Seine Firma belieferte etwa 50 Gaststätten und Lebensmittelgeschäfte rings um Kraupischken mit Lebens- und Genußmitteln.
  • Louis Schaar, Inhaber eines Textil- und Schuhgeschäftes, gehörte viele Jahre dem Kraupischker Gemeinderat an. Als Kassenrechner trug er während dieser Zeit Sorge und Verantwortung für ein geordnetes Finanzwesen in der Kommunalverwaltung.

2. Weltkrieg und Vertreibung

In den ersten Kriegsjahren ging das tägliche Leben fast ohne große Veränderungen seinen Gang weiter. Die Lage an den Fronten bot anfangs wenig Anlaß zu Besorgnissen. Nur die ständig steigende Zahl von Todesanzeigen mahnte an den Ernst des Krieges. Im Herbst 1944, nach dem Zusammenbruch der deutschen Front im Befehlsbereich der Heeresgruppe Mitte, verlagerte sich die Kampflinie gefährlich nahe der ostpreußischen Grenze. Bereits im Oktober begannen in Breitenstein und Umgebung die ersten Evakuierungsmaßnahmen. Zunächst bezog sich der Räumungsbefehl auf ältere Personen und Frauen mit Kindern. Da der zur Verfügung stehende Transportraum sehr begrenzt war, durfte "nur kleines Handgepäck" mitgeführt werden. In der Hauptsache ging der Abtransport mittels der Kleinbahn in Richtung Insterburg vor sich.

Für die rings um Breitenstein liegenden Bauernhöfe östlich der Inster traf der Räumungsbefehl am 19. Oktober und am 23. Oktober für die Bevölkerung westlich der Inster ein. Gewarnt durch Berichte der Treckfahrer aus den Kreisen nördlich der Memel und aufgeschreckt durch den immer näher kommenden Kanonendonner standen fast überall auf den Bauernhöfen die Treckwagen fertig gepackt da. In der letzten Oktoberwoche war es dann soweit. Im ganzen Kirchspiel begannen die Trecks sich in Bewegung zu setzen. Ohne Behinderung durch den Feind erreichten die langen Fuhrwerkskolonnen ihre Bestimmungsorte in der Umgebung der Städte Braunsberg, Heilsberg und Heiligenbeil.

Überraschend hatte sich jedoch Ende Oktober 1944 die Lage an der Front stabilisiert. Der Feind war an der Memel und an der ostpreußischen Grenze südlich der Memel zum Stellungskrieg übergegangen. Über zwei Monate hindurch kam es am ostpreußischen Frontabschnitt von RUSS bis Pillkallen zu keinen größeren Kampfhandlungen. Kaum jemand ahnte, daß es die trügerische "Ruhe vor dem Sturm" war. Manche bereits geflohenen Hofbesitzer und Treckfahrer nutzten die ruhige Situation sogar zu einer Rückfahrt auf den heimatlichen Hof aus, um von der zurückgebliebenen Habe das eine oder andere Stück noch nachträglich zu bergen.

Im November 1944 ordnete die Königsberger Gauleitung, wie überall in Ostpreußen, so auch für den Raum Breitenstein, die Einberufung der männlichen Bevölkerung von 17 bis 65 Jahren zum Volkssturm an. Führer des aus 4 Kompanien bestehenden Volkssturmbataillons "Breitenstein" wurde Oberstleutnant Dumkow, Hauptlehrer in Breitenstein. Ihm war eine schwere Aufgabe zuteil geworden. Von den Eingezogenen war nur ein kleiner Teil voll dienstfähig. An Waffen und Bekleidungsstücken mangelte es fast völlig. Aushilfsweise standen Beutestücke verschiedenster Herkunft, wie belgische Gewehre und italienische Karabiner, zur Verfügung. Aus den rüstigsten Männern seiner Einheit stellte Dumkow die sogenannte "Jagdstaffel" zusammen. Sie sollte Jagd auf einzelne Panzer des Gegners machen und wurde zu dem Zwecke mittels 5 beschlagnahmter Lastkraftwagen beweglich gemacht.

Selbstverständlich reichten Bewaffnung und Ausbildung des Volkssturms auch nicht im entferntesten aus, um einen Fronteinsatz zu rechtfertigen. Das zeigte sich bereits bei der ersten Feindberührung.

Am 4. Tag der sowjetischen Januaroffensive geriet die 110 Mann zählende Besatzung der 5 Breitensteiner Lastkraftwagen während einer Erkundigungsfahrt in Richtung Lengwethen vor die Geschützrohre sowjetischer Panzereinheiten. Sämtliche Fahrzeuge wurden sofort bewegungslos geschossen. Die Besatzung hatte sowohl bei dem Feuerüberfall als auch bei den nachfolgenden Rückzugsgefechten hohe Verluste. Unter den Verwundeten befand sich auch Oblt. Dumkow, der später in einem Lazarett seinen Verletzungen erlag.

In den kritischen Januartagen des Jahres 1945 klammerten sich die Hoffnungen der geängstigten Bevölkerung an die Insterstellung. Hier sollte die Offensive der Russen zum Stillstand kommen. Militärischerseits war sie als Auffanglinie für den Fall einer Rücknahme der Front gedacht. Ungezählte Zivilarbeiter aus den Kreisen Labiau und Wehlau hatten im Sommer 1944 mit ihrem Ausbau begonnen. Durch tiefe Panzerschutzgräben und Einbau zahlreicher Bunker glaubte die Bauleitung, die Stellung besonders verstärkt und gegen feindliche Einbrüche gesichert zu haben. Bei der Planung rechneten die verantwortlichen militärischen Stellen fest damit, daß im Falle einer Frontrückverlegung genügend Reserven bereitstehen würden, um die Insterstellung zu verteidigen. In den kritischen Januartagen 1945 gab es jedoch keine kampffähigen Reserveverbände mehr. So war es für die zum Durchbruch bereitgestellten russischen Panzerverbände ein leichtes, am 18.1.1945 die Insterstellung 5 km nördlich Breitensteins zu durchstoßen ( Die im "Breitensteiner Archiv" befindlichen Erlebnisberichte von Breitensteiner Volkssturmkämpfern (Max Urbons, Max Haller, Albrecht Januscheit und Volkssturmmann Kotier) geben ein sehr anschauliches Bild von dem befehlslosen großen Durcheinander und dem militärischen Chaos jener Tage.

Die im Ort Breitenstein befindliche militärische Besatzung leistete unter Leitung des Kampfkommandanten auch nach dem Einbruch der Russen in die Insterstellung heftigen Widerstand. Kampfberichten jener Tage zufolge gelang es sogar, das von den Russen besetzte Gut Breitenstein in überraschendem Angriff wiederzunehmen, wobei der Feind fast 100 Tote hatte. Ungeachtet aller Tapferkeit konnte jedoch der festungsartig ausgebaute Ort nur kurze Zeit gehalten werden. Am 20. Januar erhielt die Besatzung den Befehl zum Rückzug in Richtung Insterburg. Auch der südlichste Zipfel des Kreises Tilsit-Ragnit war damit in Feindeshand gefallen. Die Zivilbevölkerung von Breitenstein, soweit sie nicht zum Volkssturm eingezogen war, hatte auf Veranlassung militärischer Stellen bereits am 2.11.1944 den Ort räumen müssen. Als Heimatvertriebene teilten die Breitensteiner fortan das Schicksal von 9 Millionen Leidensgenossen aus dem Deutschen Osten.


25 Jahre nach der Vertreibung

Veranlaßt durch die katastrophalen Ereignisse der letzten Kriegsmonate hatte die Breitensteiner Bevölkerung 1944/45 schweren Herzens Haus und Hof verlassen müssen. Auf sich selbst gestellt, galt es für jeden einzelnen oft unter schwierigsten Bedingungen in fremder Umgebung Wohnung und Existenz zu finden. Heute, nach 25 Jahren, leben die nach Westdeutschland geflüchteten Bewohner des Kirchdorfes im Zeichen einer allgemeinen wirtschaftlichen Aufwärtsentwicklung oft sogar unter sehr zufriedenstellenden äußerlichen Bedingungen. Zum Leidwesen vieler verhindert die räumliche Trennung den Wiederaufbau der alten Schicksalsgemeinschaft.

Ein Band verbindet aber auch heute noch alle ehemaligen Breitensteiner. Dieses Band knüpfte die Stadtverwaltung der kleinen holsteinischen Stadt Lütjenburg, als sie 1953 die Patenschaft über Breitenstein übernahm. Seitdem stellt die Stadtverwaltung in vorbildlicher Auffassung des Patenschaftsgedankens namhafte Mittel bereit, um die Heimatgemeinschaft der Breitensteiner nach Möglichkeit aufrecht zu erhalten.

Fast noch höher ist eine andere Patenschaftshilfe einzuschätzen. Die Stadtvertretung Lütjenburg stellte es sich zur Aufgabe, das noch vorhandene Kulturgut der Breitensteiner (Aufzeichnungen, Heimatliteratur, Archivstücke und Bildmaterial) zu sammeln und es in Form eines "Breitensteiner Archivs" für die Zukunft aufzubewahren.

Für die noch lebenden Breitensteiner ist es ein sehr beglückendes Gefühl zu wissen, daß der Inhalt des Archivs auch in zukünftigen Zeiten vom wechselvollen und oft so bewegten Schicksal des geliebten Heimatortes an der Inster Zeugnis ablegen wird, auch dann, wenn die noch lebende Generation längst ins Grab gesunken sein wird.

Das alte Kraupischken (Breitenstein) lebt und wird weiterleben.

Anmerkung: Das "Breitensteiner Archiv" wurde von der Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V. übernommen und wird weitergeführt als
Heimatstube der Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit
Gasstraße 7 (Ecke Am Alten Amtgericht)
D-24211 Preetz
Autor : © 1971 Max Szameitat
Quelle :
Der Kreis Tilsit-Ragnit von Dr. Fritz Brix(†)
Nachdruck im Selbstverlag Manfred Malien 24211 Preetz


Breitenstein



© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 01.09.2004
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letzte Änderung dieser Seite : Donnerstag, 3. Februar 2011