1352 bis 2002
650 Jahre von Crospisken an der Instrut
zu Kraupischken - Breitenstein - Uljanowo
Klaus-Dieter Metschulat / Katharina Willemer

Der Name Kraupischken taucht zum ersten Mal in der Urkunde vom 20. November 1352 als Crospiskin an der Instrut und als Crospiskin bys breitenstein auf, in der es um die Aufteilung des östlichen Ordenslandes zwischen der Herrschaft des Hochmeisters des Deutschen Ritterordens Winrich von Kniprode und des Bischofs von Samland geht.

Das "alte" Preußen war in Gaue gegliedert, in denen die pruzzischen Stammesfürsten das Sagen hatten. Kraupischken lag im pruzzischen Gebiet Nadrauen, dicht an der Grenze zu Schalauen, inmitten des Graudenwaldes, einem Teil der "Großen Wildnis". Es war ein undurchdringlicher Urwald, der sich von Litauen bis Masuren erstreckte. Für den Deutschen Orden blieb er ein hervorragender Schutz gegen die immer wieder einfallenden Litauer - an eine Besiedlung des ständig bedrohten Grenzlandes war nicht zu denken.
Schon im 12. und 13. Jahrhundert war Kraupischken ein strategischer Knotenpunkt. Immer wieder zog Kriegsvolk durch Kraupischken. Mal waren es die heidnischen Litauer, die ins Ordensland einfielen; mal waren es die Ordensritter, die auf ihren Vergeltungszügen, von Insterburg kommend, ihren Weg durch Kraupischken nahmen.

Erst nach dem endgültigen Frieden zwischen dem Deutschen Orden und Litauen am Melno-See im Jahre 1422 begann - noch sehr zögerlich - die Besiedlung der Wildnis. Vor allem waren es Litauer von der anderen Seite der Memel, die jetzt ins Ordensland einsickerten und die der Orden auch gewähren ließ, waren sie doch jetzt keine Feinde mehr. Die Litauer waren es dann auch, die die Wildnis mühevoll rodeten und urbar machten. Erst mit Herzog Albrecht (1490-1568), der 1525 als letzter Hochmeister des Deutschen Ordens den Ordensstaat in ein weltliches Herzogtum Preußen umwandelte, beginnt der zweite Abschnitt der Erschließung Nordost-Preußens und damit auch "unseres" Gebietes.
Im 14. Jahrhundert wurden hier lediglich drei Ortschaften erwähnt. Insterburg war ein vorgeschobener Posten, ein in die Wildnis hineingetriebener Keil, der wenigstens das fruchtbare Pregeltal dem Orden sichern sollte.


aus Caspar Hennenbergers Große Landtafel von Preußen 1576

Ansonsten war der weitere Oberlauf der Inster von der Besiedlung, die hier von Ragnit erfolgte, noch nicht erreicht. Der Grund hierfür ist sicher auch in dem vielfach sumpfigen Instertal zu suchen. Rodend und urbarmachend drangen die litauischen Neusiedler immer weiter in die Wildnis. Das anfangs noch sehr weitmaschige Siedlungsnetz wurde enger, aus ziemlich weit auseinanderliegenden Einzelhöfen entstanden in wenigen Jahren ganze Dörfer. 1515 waren es schon 10 Orte, 1539 gab es bereits 115 Ortschaften östlich von Insterburg. Die Litauer gaben den Siedlungen ihre litauischen Namen. Diese Dorfnamen - später lautsprachlich eingedeutscht - hatten bis 1938 Bestand.

Zum Ende des Ordensstaates 1525 geschah die Ansiedlung von Litauern so eifrig, daß man von diesem Gebiet bald von Litauen sprach. Worauf im 17. Jahrhundert Nordostpreußen die offizielle Bezeichnung "Preußisch Litthauen" bekam.

Herzog Albrecht war 1525 zum evangelischen Glauben übergetreten und damit zwangsläufig auch seine Untertanen. Auf seine Verfügung hin wurde im Jahre 1554 von Insterburg aus das Kirchspiel Kraupischken gegründet und der erste Kirchenbau errichtet. Das Kirchspiel Kraupischken ist eines der ältesten und größten evangelischen Kirchspiele Ostpreußens. Augustin Jamund war der erste Pfarrer. Er übersetzte Luthers Katechismus in die litauische Sprache und sorgte für ein litauisches Gesangsbuch.

Am 18. Januar 1701 setzte sich der Kurfürst Friedrich III. von Brandenburg die Krone auf, und jetzt war er Friedrich l. König in Preußen. König Friedrich l. war gerade 8 Jahre im Amt, da wurde seine kaum besiedelte Ostprovinz von einem gewaltigen Unglück heimgesucht. In den Jahren 1709 bis 1711 wütete die Pest in einem bisher nie gekannten Ausmaße. 241.000 Menschen fielen der Großen Pest -wie sie mit dieser Bezeichnung seitdem in die Geschichte Ostpreußens eingegangen ist - in Ostpreußen zum Opfer, mehr als 1/3 der Bevölkerung. 10.834 Orte waren ausgestorben, so daß "schon fast keine Menschen zum Sterben übrig waren". In Kraupischken waren 226 Häuser infiziert, 1.351 Menschen, raffte die Pest dahin, der Ort verlor etwa die Hälfte seiner Einwohner.

Als die Pest abklang, waren ganze Dörfer und Bauernhöfe ausgestorben, sie waren "wüst", wie man damals sagte. Friedrich l. versuchte, die Lücken so schnell wie möglich wieder zu schließen. Diesmal waren es vor allem Kolonisten aus den vielen deutschen Kleinstaaten, die kamen und die "wüsten" Höfe und Ländereien übernahmen. Doch reichte das alles bei weitem nicht aus, um die darniederliegende Wirtschaftskraft des Landes zu stärken. Erst sein Sohn Friedrich Wilhelm l. (1688 -1740) erkannte die große Aufgabe und machte sie zu seinem Lebenswerk. In seiner Regierungszeit strömten in Scharen Kolonisten aus dem deutschen Westen in das Land.
Der König hielt die Wiederbesiedlung des nordöstlichen und südöstlichen Ostpreußens damit im wesentlichen für beendet. Doch es sollte sich zeigen, daß noch immer genügend Platz im Lande war, und daß noch viel Land der "Repeuplierung" harrte. Im Zuge der Gegenreformation 1731 mußten Tausende Familien das Salzburger Land verlassen. Friedrich Wilhelm l. gab etwa 12.000 von ihnen in Nordostpreußen eine neue Heimat. Damit war die Besiedlung des Nordosten Preußens praktisch abgeschlossen. Friedrich Wilhelm l. hat die Geschichte den Ruhm der Wiederherstellung des verwüsteten Preußisch-Litauen zuerkannt, er legte den Grund für jene Bevölkerungsmischung, die für den Osten Ostpreußens charakteristisch geworden ist.


Der "Breite Stein" im Instertal (Bild: Sammlung Stadt Lütjenburg)

Das Kirchspiel Kraupischken mußte durch viele Kriege immer wieder Not leiden -fremde Heere zogen raubend und brandschatzend durchs Kirchspiel. Die letzten "großen" Dramen kamen mit dem "Siebenjährigen Krieg" 1756-1763, als russische Truppen für 4 1/2 Jahre das Land besetzten. Noch schlimmer traf es die Bevölkerung, als 1806/07 Napoleons "Große Armee" einmarschierte.

1914 waren es wieder russische Truppen, die Kraupischken besetzten. Das Dorf kam aber glimpflich davon.
Dann kamen die Kriegsjahre 1944/45, und diesmal kam es zur allergrößten Katastrophe in der Geschichte Ostpreußens und damit auch Kraupischkens. Es war das Finale des jahrhundertealten Kirchspiels Kraupischken/Breitenstein. Die gesamte Bevölkerung mußte vor der anrückenden Roten Armee fliehen oder wurde vertrieben und verlor nun ihre Heimat unwiderruflich.

Viele Flüchtlinge konnten den rettenden Westen Deutschlands erreichen, doch ganze Familien sind auf der Flucht umgekommen. Einige der Breitensteiner wurden von der Roten Armee überrollt und kehrten nach Breitenstein und den Kirchspieldörfern zurück. Bis die letzten 1948 aus der Heimat ausgewiesen wurden, hatten sie unvorstellbare Leidensjahre zu überstehen.


Dorfchronik ab Mitte des 19. Jahrhunderts
  • 1847
    läßt sich der erste Arzt nieder.
  • 1856
    hat das Kirchspiel 6.974 Seelen, darunter 2.623 preußische Litauer. Noch bis zum 1. Weltkrieg wird der Gottesdienst in der Kraupischker Kirche zweisprachig, in deutsch und litauisch gehalten.
  • 1856
    wird die erste feste Chaussee durch Kraupischken gebaut, zugleich bekommt das Dorf einen Telegraphen. In den darauffolgenden Jahren werden die Chausseen nach Gumbinnen, Tilsit und Insterburg ausgebaut.
  • 1859
    wird in Kraupischken der erste Wochenmarkt abgehalten.
  • um 1890
    fährt täglich eine einspännige Postkutsche die 15 km nach Szillen, bringt die Postsachen hin und holt andere ab.
  • 1902
    wird mit dem Bau einer Kleinbahn nach Insterburg und Ragnit begonnen.
  • 1905
    ist Kraupischken immer noch ziemlich klein, es hat jetzt 663 Einwohner, hat sich aber dennoch schon zu einem bedeutenden Marktflecken entwickelt.
  • 1910
    wird eine Azetylen-Gasanstalt gebaut, das Dorf bekommt Gaslicht.
  • Im Juli 1914
    wird das Kaiser-Wilhelm-Krankenhaus seiner Bestimmung übergeben. Nach dem Krieg wird es wieder geschlossen. Im Gebäude werden Wohnungen eingerichtet.
  • 1914
    wird der "neue" Friedhof an der Straße nach Ragnit angelegt. Im gleichen Jahr nach der Schlacht beim Nachbardorf Kauschen fanden hier 83 deutsche und 8 Russen ihre letzte Ruhe. 1945/1946 werden hier Massengräber ausgehoben. Man begrub darin viele der zurückgekehrten Breitensteiner, die durch Hunger und Seuchen gestorben waren.
  • vom 23.Aug. bis 15.Sept. 1914
    ist das Dorf von Russen besetzt.
  • 1920
    ist der Mühlenbetrieb "Gebr. Metschulat" fertiggestellt. Die Leistung der Dampfmaschine ist so stark, daß ein Teil Kraupischkens mit elektrischem Strom beliefert wird.
  • 1924
    wird das Dorf durch das Überlandwerk Gumbinnen elektrifiziert.
  • 1926
    bekommt Pfarrer Dr. Moderegger die zweite Pfarrstelle in Kraupischken.
  • 1930
    übernimmt Dr. Moderegger die erste Pfarrstelle seines Vorgängers Gauer und wird, wie dieser, Superintendent.
  • 1930
    bekommt Kraupischken sein Ehrenmal für die Gefallenen des 1. Weltkieges, entworfen von dem berühmten Bildbauer Professor Stanislaus Cauer aus Königsberg.
  • in den 30iger Jahren
    werden die ersten Bahnbusse eingesetzt.
  • 1938
    verliert Kraupischken seinen althergebrachten Namen, wird für ein paar Tage zu Platzdorf, dann zu Breitenstein, benannt nach dem "breiten Stein" (5,30 x 4,30 x 3,25 m). Den gleichen Namen bekam das benachbarte Gut schon im 16. Jahrhundert. Der gewaltige Stein war Kultstätte der heidnischen Pruzzen. Später soll hierauf Herzog Albrecht bei seinen Bärenjagden im Kraupischker Gebiet getafelt haben. Der Stein ist so groß, daß angeblich eine ganze Schulklasse mit 30 Kindern darauf Platz haben soll.
  • 1939
    hat Breitenstein 1.290 Einwohner. Die größten gewerblichen Unternehmen im Ort sind die Breitensteiner Mühlenwerke und die Molkereigenossenschaft. Darüber hinaus gibt es eine Vielzahl handwerklicher Betriebe, Geschäfte, Hotels und Gastwirtschaften, es gibt Banken, Ärzte, eine Apotheke und eine Drogerie. Breitenstein besitzt eine Volks- und Mittelschule. Einmal in der Woche gibt es einenWochenmarkt, darüber hinaus einen großen Vieh- und Pferdemarkt. Alles in allem hat Kraupischken das Gesicht einer lebhaften, sauberen, aufstrebenden Kleinstadt.
  • 1944
    im August und im Oktober werden Breitenstein und seine Kirchspieldörfer in den Kreis Braunsberg evakuiert.
  • Am 18.Jan. 1945
    verlassen die letzten Einwohner Breitenstein.
  • am 20.Jan. 1945
    wird das unzerstörte Breitenstein von Truppen der Sowjetarmee besetzt. Damit ist der Endpunkt der langen deutschen Geschichte von Kraupischken/ Breitenstein gekommen.

Die geflohenen und vertriebenen Einwohner Breitensteins mußten im Westen Deutschlands unter schwierigsten Bedingungen neu beginnen. 1953 hatte Matthias Hofer, Besitzer des Adl. Gutes Breitenstein, vermocht, eine Patenschaft zwischen Lütjenburg und Breitenstein und zwischen dem Kreis Plön und dem alten Kreis Tilsit-Ragnit ins Leben zu rufen. Unermüdliche Verhandlungen waren dem vorausgegangen. Die ehemaligen Bewohner des Kirchspiels Breitenstein haben zu ihrer Patenstadt Lütjenburg bis heute eine sehr gute, vertrauensvolle Verbindung. Lütjenburg unterstützt seinen Patenort so gut, wie es die Mittel erlauben. Alle zwei Jahre findet dort das traditionelle Kirchspieltreffen statt. 2003 ist für die Breitensteiner und Lütjenburger ein besonderes Jahr, denn dann jährt sich die Patenschaft zum 50. Mal.


Autor: © 2002 Klaus-Dieter Metschulat / Katharina Willemer (Text und Bilder)
Quelle: Heimatbrief "Land an der Memel" Nr. 70/2002

Breitenstein



© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 21.05.2002
www.tilsit-ragnit.de
letzte Änderung dieser Seite : Donnerstag, 3. Februar 2011