Erinnerung an meine Kindheit in Breitenstein (früher Kraupischken)
Von Gertrud Fleischer geb. Jurat

Im schönen Monat Mai des Jahres 1923 wurde ich als drittes Kind geboren. Zwei Jungen von 3 und 5 Jahren waren schon da. Unser Vater war Arbeiter und unsere Mutter Hausfrau. Wir wohnten auf dem Grundstück Eigner in einem langen, steinernen Haus. Auf dem Hof wohnten mindestens 15 Familien mit jeder Menge Kinder. Im ersten Eingang des langen Hauses wohnten 6 Familien mit mindestens 10 Kindern. Neben dem Eingang ging es hinunter in die Kellerräume. Eine Pumpe für Wasser war dort und größere Räume, in denen im Winter Eisblocks aus der Inster gelagert wurden. Auch Bier wurde hier untergebracht.

Ursprünglich war dies eine der ersten Brauereien (laut Chronik). Der Hof war sehr groß, und es gab natürlich jede Menge Platz zum Spielen. Vorn im Hof gab es auch noch eine Wasserpumpe. Es ging scheinbar nicht mehr so gut mit der Wirtschaft, denn Herr Eigner hatte nur noch ein paar Kühe, 1 Pferd und höchstens 2 Angestellte, und seine Schwester machte den Haushalt. Er hatte auch an die Gebrüder Reck verpachtet, die dann noch ein Gebäude angebaut haben. Eine Autoschlosserei wurde erbaut, Mechaniker und Lehrlinge wurden eingestellt.

Als ich 3 Jahre alt war und unsere Mutter früh für 2-3 Stunden zum Putzen zu Familie Marx und später ins Papier- und Spielwarengeschäft zur Firma Kreide ging, gab sie mir eine 1-2 Liter große Milchkanne und ein kleines Tuch, mit dem ich die Küche wischte. Unsere Wohnung hatte eine Küche und ein großes Zimmer. Meine beiden Brüder waren in der Schule. Im Winter war unser Vater oft arbeitslos und mußte jeden Freitag mit dem Fahrrad nach Ragnit (ca. 26 km) fahren, um das Arbeitslosengeld von 18,- Mark abzuholen. Aber für uns Kinder war das schön, denn er brachte immer eine kleine Tüte Schokoladenplätzchen mit. Gegenüber dem Eignerschen Gut war die Kirche mit Kriegerdenkmälern von 1914-1918 und Parkanlagen. Hier war ein geeigneter Platz für uns Kinder zum Spielen, z.B. Räuber und Gendarm.

Ab dem Eignerschen Gut fiel die Straße etwas ab bis zum Markt und zur Inster. Gut Postkarte aus Kraupischken vor 1938rodeln konnten wir hier; ein paar Schlitten zusammengebunden und "ab ging die Fahrt". Aber unser Gendarm, Herr Ukat, paßte gut auf, und wenn er kam, mußten wir flüchten. Wie ich mich erinnere, waren es sehr kalte Winter mit viel Schnee. Ein Bauernjunge brachte manchmal ein Pferd in die Schule mit, dann bildeten wir eine lange Schlittenreihe; das machte Spaß!
(Bild links: Kreisarchiv)


Wenn die Inster zugefroren war, wurde auch viel Schlittschuh gelaufen. Ich hatte keine und auch keine festen, hohen Schuhe. Meine Brüder haben unter die Holzpantinen eine Schiene gemacht, damit konnten sie auch gut laufen. Meine Brüder wechselten sich ab, die Zeitung auszutragen, bis Erich dann zur Drogerie Haslinger als Laufbursche ging. Für Zeitungsaustragen gab es im Monat 3,- Mark. Ich habe später, als ich etwa 10 Jahre alt war, dann auch Zeitungen ausgetragen, aber nicht sehr lange, denn beim Viehhändler Wolf, gegenüber dem Bahnhof, wohnte eine Familie, die einen großen Sohn hatte, der geistig behindert war. Er warf immer mit Steinen, und ich war zu klein, um mich zu wehren.

1929 wurde ich eingeschult. Zu Weihnachten bauten mein Vater und mein Onkel eine Puppenstube für mich, eine Puppenwiege und einen Puppenwagen bekam ich auch. Die Jungen bekamen etwas zum Spielen oder für die Schule. Von einem Onkel aus Berlin kam ab und zu ein Paket mit Sachen.In der Schule war auch in jedem Jahr ein Sportfest mit Springen, Werfen und Laufen. Da habe ich auch ein paar Punkte erzielt und das Sportabzeichen bekommen. Im Sommer war Wandertag, da sind wir im Nachbardorf gewesen, der Blitz hatte in einen Stall eingeschlagen,und alles war abgebrannt.

Es gab einen Schulgarten, und den mußten wir Kinder sauberhalten. Ich war im 3. Schuljahr und hatte eine sehr schlechte Schrift, deshalb bekam ich mit dem Rohrstock auf die Hand und mußte nachsitzen. Weil ich alleine war, mußte ich mit in die 8. Klasse.Dort war auch mein ältester Bruder Willi. Ich hatte geweint und das Heft verklebt und sollte deshalb wieder mit dem Stock bekommen, aber da stand mein Bruder auf und nahm mich mit auf seinen Platz. Der Lehrer sagte kein Wort. Ich kann mich nicht erinnern, welcher Lehrer das war.

Bild unten : Der "Breite Stein" im Jahre 1992 (Aufnahme: F. Rübensaat, Berlin)

Der "Breite Stein" im Jahre 1992 Jedes Jahr im Oktober war einmal "Jahrmarkt" mit vielen Händlern und Karussells. Es war schön, aber wir mußten mit wenig Geld haushalten. Von meiner Großmutter aus Moulinen bekam ich manchmal 80 Pfennige, die sie gespart hatte. Kino war auch öfters für die Schulklassen, aber rein durfte nur, wer 20 Pfennige hatte, und die hatte ich nicht immer.Auf dem "Breiten Stein" am Weg zum Gut Breitenstein konnte eine ganze Schulklasse drauf stehen.
Später, im Jahr 1938, wurde unser Kraupischken in Breitenstein umbenannt. Winterhilfe gab es im Winter auch für Bedürftige. Wir haben dann warme Sachen bekommen. Es kamen auch viele Zigeuner, die im Nachbarort wohnten, zum Betteln.

Wenn Obstzeit war, waren die Jungen in Eigners Garten, um Äpfel und Birnen zu mausen, und wir Mädchen haben Schmiere gestanden. Hinter dem Garten war eine große Scheune, da haben die Jungen öfters ein Karussell gebaut, und wir Kleinen durften für 1 oder 2 Pfennige mitfahren. In der Scheune wurde auch viel getollt, z.B. ins Stroh springen oder auf einem langen Brett, über die Balken gelegt, schaukeln. Aber beim Umherspringen ist Kurt Pernau mit ca. 12 Jahren tödlich verunglückt.


Es war im Sommer 1932 oder 1933, als unsere Scheune brannte, und wir mußten unser Haus räumen. Zwei Autos sind verbrannt, aber unser Haus blieb ganz. Bei Hochwasser im Frühjahr, es war schon warm, ist ein junger Mann ertrunken. Ein anderer Mann, der wahrscheinlich betrunken war, ist an der alten Schmiede in der Inster ertrunken. Herr Schories ist dort immer zum Baden gegangen. Mein Bruder Erich trug Zeitungen aus und brachte zuerst Herrn Marx, dem Bürgermeister, die neuesten Nachrichten. Auch übermittelte er ihm den Wasserstand der Inster sowie verschiedene andere Dinge.
Wenn Weihnachten "Heiligabend" auf einen Wochentag fiel, sind wir 2-3 Mädchen in die Geschäfte gelaufen und baten um eine Weihnachtstüte. Da bekamen wir Kekse, Bonbons und Pralinen. Es gab viele Geschäfte in Kraupischken: 8 Lebensmittelläden, 2 Drogerien, 6 Gaststätten mit Hotel, 5 Textilläden, 2 Gärtnereien, 1 Molkerei, 1 Mühle, 1 An- und Verkaufsgenossenschaft, 2 Bäcker, 2 Zahnärzte, 1 Arzt, 3 Banken, 1 Apotheke, 3 Friseure, Uhren und Goldwaren, Tischler, Schuhmacher, Maler, Sattler usw., 1 Umspannwerk / Überlandwerk. Unser Dorf war für die umliegenden Dörfer eine kleine Stadt. Jeden Donnerstag war Markttag, da kamen sogar die Fischfrauen aus Tilsit.

Im Sommer badeten wir in der Inster. Im Frühjahr führte der erste Weg in den Mouliner Wald. Dort wurde auch öfters Schnitzeljagd gemacht. Die Sommerferien waren 4 Wochen lang, aber wenn es Tage mit 30 Grad plus gab, dann bekamen wir hitzefrei. In den Ferien war ich öfters bei meinen Großeltern in Moulinen. Mein Opa arbeitete auf dem Rittergut.
Einmal in der Woche kam der Heringsmann durch Moulinen, der brachte auch verschiedene Lebensmittel mit, und da gab es auch ein paar Bonbons. Zu Ostern und Pfingsten gab es Braunbier, das meine Oma selbst gebraut hatte. Mein Opa hängte 2 Schaukeln an die Bäume, wir hatten viel Spaß. Bevor unsere Eltern nach Moulinen zogen, waren sie erst auf einem Vorwerk, dem "Bunten Bock".
Dort gab es Hühner und einen Hahn, der sehr böse war und mich immer ansprang, wenn ich rote Sachen anhatte. Mein Opa mußte ihn schlachten. Das Vorwerk gehörte zum Rittergut Moulinen.

In der alten Schule an der Inster gab es 2 Klassenzimmer: 1.+2. und 5.-8. Klasse Grundschule. Im 1.+2. Schuljahr war Fräulein Trumpf Lehrerin, im 5.-8. Schuljahr Herr Präzentor Eichler. 1933 mußte Herr Eichler dann seinen Abschied nehmen. Wir Kinder bekamen zum Abschied je 1 Stück Torte und 1 Glas selbstgemachten Wein oder Saft. Herr Eichler hatte einen großen Garten mit Obst und Bienenvölkern. Als Nachfolger kamen die Lehrer Herr Winter und Fräulein Kopp.

Als ich in der 5. Klasse war, wurde in der Pause immer Völkerball gespielt. Manchmal haben wir auch die ganze Stunde gespielt, Herr Winter bei den Jungen und Fräulein Kopp bei den Mädchen. Die 1. und 2. Klasse durften dann spielen. In der Schule wurden auch manchmal Geschichten, Sagen und Sprüche erzählt z.B. "Rote Nase", "Trink, daß dir die Nase glänzt", "Hell wie ein Karfunkel, haste eine Leuchte, dann in des Daseins Dunkel". Vom Mouliner Wald erzählte mir mein Großvater, stand auf einem Berg mal ein Schloß, und der Schloßherr war mit irgendwas nicht einverstanden, und so ist das Schloß versunken. Seitdem reitet er jede Nacht durch den Wald. Auf einem Berg waren tatsächlich Schotter und Ziegelstücke.

Zu Ostern gab es einen schönen Brauch: wir Kinder mußten frühzeitig aufstehen (wir hatten sowieso kaum geschlafen!) und nahmen eine Rute Birkengrün oder etwas anderes und liefen zu den Eltern, Verwandten und Bekannten, das Deckbett wurde aufgetan und mit der Rute auf die Füße geschlagen und der Spruch aufgesagt: "Ostern Schmakostern viel Eier Steck Speck vom Flode en Eck en Dittke to Branntwein eher go ich nicht weg." Dann mußten wir etwas bekommen das war ein Spaß!

Viele Volkstänze wurden geübt und auch Theaterstücke. Zum 1. Mai wurden die Straßen und Häuser mit Birkengrün geschmückt, auch das Erntefest wurde gefeiert, und Umzüge gingen durch das ganze Dorf. Im großen Saal bei der Familie Jonuscheit wurde gefeiert und getanzt.
Im Oktober 1931 bekam ich noch eine Schwester Edith, auf die ich später auch viel aufpassen mußte. Natürlich gab es dann auch öfters Streit, und ich, als ältere (8 Jahre), mußte viel nachgeben.
Weihnachten kam auch der Weihnachtsmann, und wer bekam es mit der Rute? Natürlich ich!

Die alte Schule an der Inster wurde geschlossen, und alle Klassen wurden in der neuen Schule untergebracht. Aber Völkerball spielen war auch dort angesagt, bis auch mal eine Fensterscheibe kaputtging und Fräulein Trumpf fast am Kopf getroffen hätte.
Unser neuer Schulleiter und Klassenlehrer für die 5.-8. Klasse war Herr Banse. Es gab bei ihm keinen Rohrstock, nur manchmal flog ein Stück Kreide durch die Gegend, wenn nicht aufgepaßt wurde.
Dann waren da noch die Lehrer Herr Laatsch, Fräulein Buslap, Herr Kötter, Herr Abelmann, Fräulein Jährlin, Fräulein Trumpf und Fritz Boneacker. Es gab auch Lehrer, die gern Unterschiede machten zwischen Arbeiterkindern und Kindern von Geschäftsleuten. Wenn ich mein Gedicht aufsagte und nicht gleich die richtige Betonung hatte, hieß es: Setzen! Und eine 4 oder 5 war mir sicher. War es eins von den anderen Kindern, die konnten dreimal anfangen, und es wurde immer eine 1 oder 2.
Wenn Fräulein Trumpf Geburtstag hatte, brachten wir Kinder Blumen mit, die durften wir in ihre Wohnung tragen, dafür gab es eine Praline.
Zwischen der neuen Schule und dem ehemaligen Krankenhaus gab es ein Spritzenhaus, hier wurden die Toten aufgebahrt.
Unsere Badestelle war die Pferdeschwemme gegenüber von Friedrichs. Hier gab es niedrige und tiefere Stellen, und man mußte schon ein paar Meter bis zum anderen Ufer schwimmen.

Während der Hitlerzeit waren viele Mädchen und Jungen beim "Jungvolk" und bei den "Jungmädchen". Es gab schon Uniformen. Wir kamen öfters zum Handarbeiten und Singen nach der Schule zusammen, aber Mädchen und Jungen getrennt. Zur Sonnenwendfeier wurde auf dem Sportplatz ein Feuer angezündet, und Mädchen und Jungen, ob groß oder klein, sprangen über die brennenden Holzstapel.
Aber im allgemeinen ist alles ganz gut gelaufen. 1937 bin ich aus der 8. Klasse entlassen worden und wurde konfirmiert, und dann begann der Ernst des Lebens. Doch wenn ich so zurückdenke, haben wir trotz allem eine schöne, unbeschwerte Kindheit gehabt.

Dann kam das Jahr der Machtübernahme Hitlers. Als erstes wurden dann im Dorf Siedlungen für die Arbeiter mit mehreren Kindern gebaut. Auch wir bekamen ein Haus und haben uns sehr gefreut.
Da wurde eine 1 Wohnküche, 1 Wohnzimmer, Schlafzimmer und 1 Stall eingebaut. Die Miete war so berechnet, daß das Haus nach 10 Jahren bezahlt war. Als wir die letzte Miete im Oktober 1944 bezahlten, mußten wir auf die Flucht gehen, was sehr schmerzlich für alle war.

Im Mouliner Wald suchten wir Leberblümchen und Buschwindröschen. Einen kleinen Wasserfall gab es auch. Wir hatten im Dorf eine Kleinbahn, die jeden Tag von Kraupischken nach Insterburg und zurück fuhr und von unterwegs aus den Dörfern die Milchkannen mit Milch mitnahm. An manchen Tagen fuhr die Bahn auch nach Ragnit, und die Strecke führte durch den Mouliner Wald durch Rucken bis Ragnit.

Autor: © 2002 Gertrud Fleischer geb. Jurat
Quelle : Heimatbrief "Land an der Memel" Nr. 69/2001 und Nr. 70/2002

Breitenstein



© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 20.05.2002
www.tilsit-ragnit.de
letzte Änderung dieser Seite : Donnerstag, 3. Februar 2011