Kirchspiel Kraupischken - Breitenstein : Verdiente Auszeichnung und ihre Vorgeschichte
Jurij Userzow:
Verdiente Auszeichnung und ihre Vorgeschichte
Von Dieter Neukamm

Im Vorfrühling des Jahres 2014 saßen drei Freunde beieinander. Sie trafen sich im Hause des einen von ihnen, der in Windeck-Herchen im Rhein-Sieg-Kreis wohnt. Die anderen zwei hatten einen weiten Weg hinter sich gebracht, der eine aus Ragnit, der andere aus Kraupischken. In Herchen also vereinten sie sich, zwei Russen und zwei Ostpreußen. Wie das? Eben war doch noch die Rede von drei Personen, und im letzten Satz lesen wir von vieren!? Das hat schon seine Richtigkeit: der Einladende war der Verfasser dieser Zeilen, geboren im Kreis Tilsit-Ragnit, die anderen beiden waren seine Freunde Eduard Politiko, ursprünglich aus Brjansk (ca. 380 km südwestlich von Moskau), jetzt wohnhaft in Ragnit und Königsberg, sowie Jurij Userzow aus Kraupischken, Russe, aber eben auch in Ostpreußen geboren!

Im Laufe des Abends kam die Sprache natürlich auch auf das Museum in Kraupischken, das man getrost als Jurijs Lebenswerk bezeichnen darf, und welches sicher einer größeren Zahl der Leser bekannt ist. Der Gastgeber wusste um die Verdienste, die Jurij sich mit der von ihm unter anfänglich beachtlichen Schwierigkeiten gegründeten Einrichtung erworben hat und fragte ihn, ob denn die Landsmannschaft Ostpreußen (LO) sich bereits diesbezüglich einmal erkenntlich gezeigt habe, was Jurij verwundert verneinte.

Nach Abreise der Gäste wurde flugs bei der LO angefragt, ob bei entsprechenden verdienstvollen Tätigkeiten auch Personen berechtigt zum Empfang von Auszeichnungen der Landsmannschaft seien, die nicht Angehörige der LO, womöglich noch Russen, seien. Die Anfrage wurde positiv beantwortet mit der Bitte, den Auszeichnungswunsch schriftlich zu begründen und eine Laudatio einzureichen.

Das war bald getan, und im feierlichen Rahmen der Tagung des 7. Deutsch-Russischen Forums in Tilsit im Oktober letzten Jahres nahm der Sprecher der Landmannschaft die Ehrung vor. Für Jurij kam dieses Ereignis völlig unerwartet, und sehr ergriffen, aber auch sichtlich stolz, nahm er Urkunde und Silbernes Ehrenzeichen entgegen.


LAUDATIO

Verleihung des Ehrenzeichens in Silber der Landsmannschaft Ostpreußen
an Jurij Userzow

Jurij Userzow wurde 1951 in Uljanowo, dem ehemaligen Breitenstein/ Kraupischken geboren. Seit seiner Jugend, seitdem er sich des Geschicks seiner Heimat bewusst wurde, fühlt er sich der Geschichte Ostpreußens, insbesondere der seines Geburtsortes, verbunden und verpflichtet.

Nachdem er Leiter der Schule in Breitenstein geworden war, erkannte er die Möglichkeit, seiner Heimatliebe auf besondere Weise Ausdruck verleihen zu können. Er errichtete im Jahre 1981 in den neuen Schulräumen des Ortes ein Heimatmuseum. Inzwischen umfasst es vier Räume und ist zu einem Museum für das ganze Königsberger Gebiet geworden, das weit über dessen Grenzen bekannt ist. Er begann damit, all das mit ehrenamtlicher Leidenschaft zusammenzutragen, was aus ostpreußischer Zeit überlebt hatte - keinesfalls zum Wohlgefallen der damaligen sowjetischen Regierung, denn man wollte keinen Russen, der deutsche Historie bewahrt. Und schon gar nicht im Kaliningrader Gebiet, das für Besucher bis 1991 Tabu-Zone war! „Na und?", sagt Jurij, „ich hätte mich zur Strafe auch nach Sibirien transportieren lassen." -»

Das Museum beherbergt eine Darstellung der früher in den 60 Orten des Kirchspiels Breitenstein existierenden Betriebe und aller wesentlichen Gebäude sowie Familienchroniken und sonstige Informationen, außerdem eine große Anzahl von Fundstücken aus deutscher Zeit, wie z.B. Münzen, Haushaltsgegenstände u.v.m. Auch Memorabilien aus der russischen Ära werden gezeigt: handgewebte Kleider, ein Spinnrad, Bastschuhe u.a.

Viele Besucher geben Jurij Fotos, z.B. von ihren Schulklassen und Familien, ihren Häusern. Und sie trennen sich für sein Museum bisweilen von lieben Erinnerungsstücken. „Dieses Portemonnaie hat mir eine Frau geschenkt. Es war die Geldbörse ihrer Mutter, die 1944 fliehen musste", erzählt Jurij, und ihm kommen fast die Tränen vor Rührung. Immer mehr Platz benötigt er auch für die vielen Ordner, zwischen deren Deckeln sich Briefe aus allen Teilen der Welt befinden mit Erinnerungen an Schulwege, Dorffeste, Sportvereine. Aufgezählt sind die Namen der Mitschüler, der Pfarrer des Ortes, der Handwerker, abgeheftet unzählige Fotos.

Es ist kaum möglich, die Vielfalt der Exponate zu beschreiben, man muss das Museum besuchen, um es nach der Besichtigung beeindruckt zu verlassen, beeindruckt auch von der Liebe seines russischen Begründers und Verwalters zu den ihm anvertrauten Gegenständen und Dokumenten sowie von der Liebe zu seiner Heimat, die einmal deutsch war.

Jurij bekennt sich zu Ostpreußen und sagt von sich: „Ich bin ein Kraupischker und möchte das Andenken an Ostpreußen und seine Menschen erhalten.

In Anerkennung seiner Verdienste um Ostpreußen verleiht die Landsmannschaft Ostpreußen Herrn Jurij Userzow das Ehrenzeichen in Silber.

Autor: © 2015 Dieter Neukamm
Quelle:
Heimatrundbrief "Land an der Memel"mit "Tilsiter Rundbrief" Nr. 96/2015 Seite 46




© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 27.05.2015
www.tilsit-ragnit.de
letzte Änderung dieser Seite : Mittwoch, 27. Mai 2015